Perpetua Rutunden die Erlauchte

  1. Perpetua Rutunden ist Spiritistin.
  2. Perpetua Rutunden von sich selber auf metaphorischer Ebene: Perpetua Rutunden ist Gänsefüsse.
  3. Perpetua Rutunden hat einen angeborenen Tunnelblick.
  4. Perpetua Rutunden wird regelmässig von Wadenkrämpfen heimgesucht.
  5. Perpetua Rutunden wünscht sich neue Schönheitsideale: weibliche, männliche und sächliche.
  6. Perpetua Rutunden hat amphibische Vorlieben.
  7. Letztes unspektakuläres Ereignis im Leben von Perpetua Rutunden: Perpetua Rutunden hatte spontan einen intellektuellen Absturz.
  8. Perpetua Rutunden wünscht sich eine Zeitschrift, die die anderen Zeitschriften zusammenfasst.
  9. Perpetua Rutundens Hobby: Türkisches Fernsehen schauen.
  10. Perpetua Rutunden ist Perpetua Rutunden.

Perpetua Rutunden ist eine Frau, bei der nicht sicher ist, ob sie nicht insgeheim doch mehr lebende Puppe ist denn ein menschliches Wesen. Perpetuas Haut ist makellos wie Meissner Porzellan und hat noch nie einen Furunkel erlebt. Perpetua betreibt kaum Mienenspiel, blinzelt unmerklich und sogar beim gängigen Speichelschlucken konnte man Perpetua bislang nicht beobachten. Ihre zu jeder Zeit festlich anmutende  Frisur sässe selbst auf der Achterbahn perfekt, was aber als Hypothese hinfällig wird, denn Perpetua würde sich nie auf eine Achterbahn begeben. Perpetua, die stets in gebügelter Kleidung umherstreift, scheint zu Höherem geboren als auf die Kirmes zu gehen, wo windige Menschen einem auf den Füssen herumtrampeln. Perpetua ist im Grunde genommen noch nie jemand auf ihre wohlproportionierten, stets gut riechenden, an alte Gemälde gemahnenden, da bleichen, Füsse gestanden. Es ist nicht leicht, Perpetua auf die Latschen zu treten, denn gelegentlich setzt Perpetua tatsächlich zum Schweben an. Wer genau hinsieht, wird von der tänzerischen Schönheit Perpetuas Bewegungen hingerissen sein. Perpetua hat eine sangvolle, klare Stimme, aber noch entkrampfter ist es, wenn Perpetua schweigt, was sie ohnehin die meiste Zeit tut. Perpetua redet nicht, sie antwortet. Wenn Perpetua aufgefordert wird Sätze zu formulieren, kommentiert sie knapp. So kommt jede Silbe aus Perpetuas Mund einem kleinen Wunder gleich, und jede Gefühlsregung wird zum Geschenk. Perpetuas karges Sprechen und grosses Schweigen spalten die Gemüter. Denn es ist schwer herauszufinden, ob Perpetuas Schweigen als verschwiegen angesehen werden kann oder ob die Informationen am Ende zu jenen unbekannten Kreisen durchsickern, in welchen Perpetua auf rätselhafte Weise verkehrt. Nur Elfen schweigen noch erhabener als Perpetua. Die Ansammlung dieser perfekten Attribute lässt die falsche Vermutung aufkeimen, Perpetua sei womöglich perfekt. Aber das stimmt nicht. Perpetua ist keineswegs perfekt, denn sie ist nicht von jener verwegenen Schönheit gezeichnet, die Lust erweckend ist oder vorbildlich wirkt. An Perpetuas aristokratischer Schönheit perlt man ab wie Wasser auf einem Lotusblatt. Man blickt zu Perpetua und wendet den Blick erschreckt ab, derart vollendet geht es um Perpetuas Aura zu und her. Perpetuas vornehme Kultiviertheit wirkt auf grobschlächtige Menschen sogar bleiern. Das umgekehrte Spiel beherrscht Perpetua allerdings noch besser: Ist ihr Gegenüber langweilig, beleidigt ihn Perpetua mit einem spontanen Nickerchen oder stiert hohl durch ihn hindurch, dass er sich früher oder später gläsern vorkommt und gar beginnt sich ohne Erklärung zu schämen. Perpetua ist selbst beim konkaven Glotzen immer distinguiert und vornehm zurückhaltend. Zu nahe darf man Perpetua nicht kommen, denn Perpetua ist allseitig von einem unsichtbaren Abstandhalter von zirka vierzig Zentimetern umgeben. Perpetua erhebt den Ton nie, ausser, wenn jemand die obligate Mindestentfernung nicht wahrt und ihr zu nahe kommt. Dann schafft es Perpetua sich sogar zu überwinden, und schiebt ihren langen, altrosa lackierten Fingernagel seitlich in des Übeltäters Hüften. Allein die Langsamkeit, mit welcher Perpetua bei dieser eleganten, wortlosen und sanften Rammoperation vorgeht, ist sowohl dezent wie wirkungsvoll. Erstaunlich ist, dass Perpetua immer die richtigen Dinge zu tun scheint und ohne mit der Wimper zu zucken jederzeit für alles gewappnet ist. Wenn man Perpetua kurzerhand darum bitten würde, vom 12. Stock herunterzuspringen, Perpetua würde es ohne zu Zögern tun, – nicht etwa aus Naivität oder Unterwürfigkeit – jedoch deshalb, weil Perpetua selbst für diesen Kasus einen Fallschirm oder eine Kletterausrüstung dabei hätte. Man muss annehmen, dass die aparte Perpetua keinen oder höchstens heimlich Sport treibt, sieht man sie zumeist mit Kragen um den Hals, nicht aber in Jogginghose um die Schenkel. Sollte es aber darum gehen unvermittelt zu sprinten, flitzt Perpetua selbst im Bleistiftrock prompt los und erreicht ohne zu schwitzen siegessicher ihr Ziel. Das ist unfassbar. Woher kommt auf einmal diese Leistung her? Einzig Perpetua kennt die Antwort. Nicht weniger verwunderlich ist es, dass Perpetua plötzlich finnisch spricht, wenn sich ein Finne in Finnisch an Perpetua wendet. Das ist mehr als verwunderlich, denn kaum jemand spricht hierzulande finnisch. Perpetua aber ist auf mysteriöse Weise für Entgleisungen und Abenteuer gerüstet. In ihrer gedämpften Art tut Perpetua selbst übermenschliche Dinge auf eine derart selbstverständliche und unmerkliche Weise, dass einem unheimlich werden könnte. Allein die Tatsache, dass Perpetua immer Geld hat, aber keiner Perpetua je an einem Bankautomaten gewahrte oder sie je aus einer Bank hinausgehen sah, verblüfft. Wenn es sich gehört gerade keinen Hunger zu haben, befindet sich auch Perpetua in der Fastenzeit. Wenn aber überraschend eine indische Hochzeit ansteht, vergrössert sich Perpetuas Magen blitzartig, der Pansen knurrt sozusagen auf Kommando, um ein paar Pfännchen Curryreis und Lammspiesschen locker aufzunehmen. Perpetua ist auch durchaus in der Lage –  in der Gesellschaft von Matrosen beispielsweise – in ansehnlich grossen Schlucken Hochprozentiges mitzupicheln. Sie kann dies tun, ohne sich zu betäuben, wenn es sich nicht geziemt, und doch kann Perpetua vulgär unter die Gürtellinie sinken, wenn es gelegentlich angebracht ist. Ebenso vermag Perpetua, ob sie literweise Alkohol oder nur Milch getrunken hat, einen leichten Damenschwips vorzutäuschen (indem sie zum Beispiel ihre Augen verwegen rollt), falls dies von ihr erwartet wird. Die meiste Zeit über tut Perpetua aber keine bedenklichen oder banalen Dinge wie trinken oder warten, sich verspäten, organisieren, entblähen, rülpsen etc. Durch ihre Begabung zur steten Distanz ist Perpetua in der Lage ihre Aktionen wie beiläufig zu vollbringen. Gerade dadurch wird alles, was Perpetua tut, noch wesentlicher. Perpetua bemüht sich nie und sie steht nicht vor, hinter oder unter, sondern immerzu über den Dingen. Und: sie wird zum Zustand selber. Was immer kommt, Perpetua verhält sich nicht würdevoll, sie ist die Würde. Sie wird zur Organisation. Sie verkörpert die Diplomatie, inkarniert zur Schönheit, Erhabenheit. Und wenn Perpetua sehr selten doch warten, rülpsen oder entblähen muss, – um die beliebige Beispielkette von vorhin nochmals aufzugreifen – verschwindet Perpetua dann als Person hinter dem Akt und lässt erhaben der Sache Vorrang. Wie eine Schlange, die sich häutet, geht Perpetua selbstlos in den neuen Zustand über, wofür andere erst ihren Finger krumm machen müssen. Bei allem Respekt den Überraschungen und Forderungen des Lebens mit Geschmack zu trotzen: Leidenschaft bleibt bei Perpetua fast immer auf der Strecke. Wie gesagt, Perpetua ist keineswegs vollkommen, sondern irgendwie anomal.

„Der Künstler muss mit Gelassenheit arbeiten, zu viel Teilnahme verdirbt das Werk.“ (Henry David Thoreau)

***

Besonderlinge, Galerie der Existenzen I, von Joanna Lisiak, Wolfbach Die Reihe 2012

Joanna Lisiaks „Besonderlinge“ sind, wie der Titel schon andeutet, bemerkenswerte Figuren mit besonderen Eigenschaften: Sie wünschen sich Spielplätze für Erwachsene, sammeln Senfgläser oder führen Statistiken über Brillenträger. So schräg die einzelnen Charaktere in der Landschaft stehen, so liebenswürdig sind sie auch. Und spätestens auf den zweiten Blick erkennt man, dass diese raffiniert porträtierten „Besonderlinge“, die Joanna Lisiak in ihre „Galerie der Existenzen“ aufgenommen hat, gar nicht so fremd, gar nicht so anders sind.

Weiterführend →

Lesen Sie auch das Porträt der Autorin und das Kollegengespräch zwischen Sebastian Schmidt und Joanna Lisiak. KUNO verleiht der Autorin für das Projekt Gedankenstriche den Twitteraturpreis 2016. Über die Literaturgattung Twitteratur finden Sie hier einen Essay.