Welttag der Poesie

Heute ist UNESCO-Welttag der Poesie. Dieser Tag soll an den Stellenwert der Poesie, an die Vielfalt des Kulturgutes »Sprache« und an die Bedeutung mündlicher Traditionen erinnern. Aber was ist Poesie? – Ein Auszug aus einem Kollegengespräch von Sophie Reyer und A.J. Weigoni.

Reyer: Hélène Cixous hat den Begriff einer écriture feminine entwickelt; sie versteht darunter eine Schreibweise, die eher den klanglichen als den semantischen Qualitäten von Sprache nachspürt. Friederike Mayröcker wiederum wehrt sich gegen diese Form der Zuschreibung, sie sagte in einem Interview in der SZ, für sie gäbe es keine weiblichen Texte. Inwieweit, denkst du, existieren männlich codierte sowie weiblich codierte Ansätze, Sprachmaterial zu gestalten?

Weigoni: Poesie ist eine Sensibilität, eine Haltung, eine Art, über Identität nachzudenken. Man kann sie zu einem extravaganten Stil entwickeln, campy, künstlich und artifiziell. Es kommen mehrere Dinge zusammen: Kunst, Mode und Musik. Poesie kann selbstreflexiv sein, weil sie im Kopf des Schriftstellers entsteht. Bei der hypermodernen Poesie gibt es Spuren von Performance–Kunst und Dandyismus. Es gibt Verbindungen zur Identitätspolitik, die in die Gender– und Identitätsdebatten mündete. Poesie ist immer etwas Konstruiertes, das Erfinden einer Persona, ein gesellschaftliches Re–Tuning für persönliche und soziale Transformationen. Poesie hat kein Geschlecht. Das siehst Du wahrscheinlich anders – oder?

Reyer: Nein, für mich hat Poesie auch kein Geschlecht. Wenn Kunst- wie schon Schiller meinte- eine Tochter der Freiheit ist, dann gilt das auch für die Poesie. Und wenn Poesie eine Tochter der Freiheit ist, dann ist sie frei von Zuschreibungen, Konstrukten, auferlegten Rahmen oder Ideologien.

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Das komplette Kollegengespräch :2= Verweisungszeichen zur Twitteratur von Sophie Reyer und A.J. Weigoni lesen Sie auf KUNO. Das Projekt Wortspielhalle wurde mit dem lime_lab ausgezeichnet. Das Konzept von Sophie Reyer und A.J. Weigoni lesen Sie hier. Alle LiteraturClips dieses Projekts können nach und nach hier abgerufen werden. Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. Ein Porträt von A.J. Weigoni findet sich hier.