kein ende der pioretten in sicht

in Cyberspasz, a real virtuality greift weigoni motive aus Zombies erneut auf. die erzählenden teile sind, wie in seiner prosa üblich, von intellektuellen, essayistischen und aphoristischen gedanken durchzogen. man kann diese texte, die auch geistig erzählen, also analytisch lesen, doch ebenso als kolportage, nicht zuletzt weil weigoni literarische formen und techniken, die er benutzt, zugleich parodiert. schon der buchtitel verweist auf eine ironisierende komponente, ebenso ein texttitel wie Der große Wurf, eine Sprechblasenoperette.

Montage: Jesko Hagen

der autor spricht von hypermodernen menschen. hypermodern meint hier die neue spätmoderne. längst ist modern ein synonym für systemkonform geworden. die moderne wurde konservativ, als ihre subjekte in ihr angekommen waren. hans magnus enzensberger erklärte bereits 1960 im nachwort zum Museum der modernen Poesie:

In Bewegungen und Gegenbewegungen, Manifesten und Antimanifesten ist der Begriff des Modernen ermüdet. Trübe dient er heute der Werbung fürs Bestehende, gegen das er einst sprengende und befreiende Kraft verheißen hatte. Gespenstisch ist er eingegangen in das Wörterbuch der Konsumsphäre. Das Moderne ist zum Nur-noch-Modernen geworden, ausgesetzt journalistischer Zustimmung, fungibles Moment der industriellen Produktion.

weigoni beschreibt aktuelle folgen dieses prozesses: »Die hypermodernen Menschen sind süchtig nach Originalität, aber nicht mehr originell. Ihr Nachdenken über die Form ersetzt das Nachdenken über das Leben, aus dem es hervorgeht.«, »Die beliebig besetzbare Identität fungiert nur noch als Platzhalter im unendlichen Datenstrom.«, »Hinter jedem Bild und jeder Wahrnehmung lauert ein vorgeschriebenes Muster, ein anderes Medium, ein höhnisch grinsender Fremdautor.« oder »Wer heutigentags von Systemveränderung spricht, meint Computer-Software und keine politische Utopie.«

die texte führen abermals menschen vor, die vielfach bloß noch momentorientiert leben, wofür sie freilich mit illusionen von freiheit entschädigt werden. viele der figuren können empfinden und denken, sinnlichkeit und rationalität nur schwer in einklang bringen. das ergebnis sind kompromisse, die allenfalls vorübergehend befriedigen und befrieden und bei denen das einfühlende und das rabiate nicht selten dicht beieinander liegen. vielleicht entstehen so menschentypen, denen das vorübergehen zur lebensart wird, sozusagen vorübergänger statt widergänger. weigoni postuliert: »Verstehen bedeutet, nachempfinden können.«, muß dann aber konstatieren: »Die zunehmende Technisierung der Welt ist ausserordentlich schmerzhaft, Empfindungen werden mit Erfindungen beantwortet.« und »Der Verlust der Körperlichkeit ist nurmehr ein Thema für Trendverächter.«

computerwelten und realwelten, scheinwelten auf beiden seiten inbegriffen, gehen in diesen texten ineinander über und verschmelzen miteinander, teilweise bis zur ununterscheidbarkeit. oder sind gar computerwelten die neuen realwelten wie kopien die neuen originale? der autor beschreibt auswirkungen technologischer zwänge auf die menschen nicht von außen, sondern aus eigenem erleben. man lese hierzu den computerweltlichen eingangstext Auf ewig dein. er hinterfragt die idealistisch klingende parole des computerzeitalters »Jeder kann alles und deshalb ist alles für jeden da.«, die auf illusionen beruht. denn natürlich hängt können von begabungen ab, die nicht jeder gleichermaßen hat. zugleich beschränkt der allgegenwärtige egoismus das dasein für andere. während einzelnen bevölkerungsgruppen vorgeworfen wird, sie würden parallelwelten bilden, besteht die moderne, postmoderne, spätmoderne oder hypermoderne welt insgesamt aus parallelwelten, die sich allerdings permanent neu sondieren und dabei punktuell und zeitweilig zusammenwirken. letztlich ist freilich jeder mensch eine parallelgesellschaft. »Digitale Mystik funktioniert als Steigbügelhalter eines modernen Relativismus, der alle Lebensbereiche erfasst.« und »Die Informationsgesellschaft befindet sich in einem Zustand aufgeklärter Konfusion.« erklärt weigoni, und fragt: »Was ist Wirklichkeit, was Kopie, was Fiktion im Patchwork von Bild- und Tonpartikeln aus Mythos, Alltagstrivialem und Übernatürlichem?«

A.J. Weigoni · Porträtiert von Jesko Hagen

an einer stelle heißt es, große teile der postmodernen wirklichkeit seien eine art »Neu-Schwanstein«, also illusionswelten. peter sloterdijk spricht von der »Illusionswirtschaft der Massenkultur« (Die Sonne und der Tod). arthur rimbauds »Das wahre Leben ist anderswo. Wir sind nicht auf der Welt.« gilt bis heute. wer durch die straßen geht, sieht lauter scheinweltkulissen, daneben menschen, vermutlich laiendarsteller, die engagiert wurden, damit sie wirklichkeit spielen. wie manche filmregisseure arbeitet weigoni in seinen texten mit improvisatorisch veranlagten laiendarstellern, die er als figuren wie in einem puppentheater in einer weltweit vernetzten black-box agieren läßt.

dabei weiß er natürlich, daß die beschreibungen zweifelhafter welten noch keine befreiung davon ist. desillusionierungen können jedoch vorstufen des willens zur veränderung sein. wer die gesellschaft grundlegend ändern will, muß sie mit zweifeln kontaminieren. bleibt die frage, wie sehr ein mensch seine wirklichkeit erkennen, oder gar durchschauen, darf, damit er darin noch leben kann. oder ist tatsächlich die blindheit der erfahrung der garant jeder halbwegs harmonischen existenz?

indem der kritiker glaubt, er könnte etwas bewirken, und sei es nur nachdenken, enthält kritik immer auch optimismus. die eigentlichen pessimisten sind jene, die meinen, man könne ohnehin nichts ändern, sondern sich immer bloß neu anpassen. der utopist kommt indes schnell an einen punkt, wo er etwas postuliert, dem die real existierenden menschen nicht entsprechen können. wer viel denkt, handelt unter umständen eher wenig, weil denker überwiegend skeptisch sind und zweifel haben, während handlungen stets kompromisse verlangen, nicht zuletzt solche, die man eigentlich vermeiden will. manche entlasten sich vom falschen, das sie tun, indem sie es abseits ihrer handlungen selber kritisieren.

Roland Kirk 1972 (Hamburg; Foto: Heinrich Klaffs)

weigoni postuliert: »Es ist ein Grundprinzip des Lebens, der Improvisation: sich erinnern, was gewesen ist, um weiterspielen zu können, und es im selben Augenblick zu vergessen, um frei zu sein.« folgerichtig sucht und sieht er alternativen, aus denen er seine vitalität bezieht, vor allem in der kunst, einem refugium durch alle historischen zeiten hindurch. die erzählungen rekonstruieren, oder konstruieren, werke der filmkunst, bildkunst und musik sprachlich. der rhythmus dieser texte, etwa in Rahsaan – eine jazzthetische Story, hat etwas jazzartig improvisierendes und filmschnitthaftes. man denkt beim lesen öfter an amerikanische filme, beispielsweise Schatten von john cassavetes. in Kopfkino, ein Wortvideo für eingeweihte Ohryeure wird nach dem vermeintlich gedrehten und verloren gegangenen film Herz der Finsternis von orson welles nach joseph conrads roman gesucht.

in weigonis texten treffen reale wirklichkeiten auf fiktive und umgekehrt, kunstwelten auf kriminelle welten, so durch den tod der malerin vera strange in Der McGuffin – Nachruf auf einen Kriminalroman, einer beschreibung neuer krimineller milieus, die den kriminalroman persifliert, aber auch als hommage an friedrich dürrenmatt gelesen werden kann, der bis heute, neben edgar allan poe, zu den wenigen kriminalautoren der weltliteratur gehört. die künstlerin kommt indes tatsächlich um. ein kriminalist, der permanent morde aufklären will, die nie stattgefunden haben, wäre jedoch in weigoni texten, die pirouetten der postmodernität satirisch überdrehen, ebenfalls nicht undenkbar.

thematisiert wird der organisierte kunstraub (Ein Schelm, wer angesichts der Ansprüche von NS-Opfern auf Bilder aus dem Schwabinger Kunstschatz an eine Zufall glaubt). man könnte genauso vom künstlerraub sprechen, wenn künstlerisch begabte menschen durch verwertungsmechanismen von der ausbildung und entfaltung ihrer begabungen abgehalten werden. kunstraub und künstlerraub gehören so zusammen. und vielleicht porträtiert der autor ja insgesamt eine zunehmend krimineller werdende gesellschaft. gewalt und kriminalität sind stets nur extremformen von fehlentwicklungen, die als normal und legitim gelten. täuschung und betrug, oder zumindest betrugsversuche, werden jedenfalls immer mehr zum normalen alltagsverhalten, nicht bloß im privatleben, sondern bis hinein in unternehmen und verwaltungen.

KUNO-Karrikatur von Bob Schroeder

auch, oder gerade, weigonis gedanken zur kunst reflektieren desillusionierungen, »Nicht der Künstler, sondern der Kunst-Betrieb bestimmt, was Kunst ist.«, »Es ist in den westlichen Ländern alles abgeschnitten, was keine konkrete Nutzanwendung hat; deshalb fangen die Gesellschaften schleichend an, aus Mangel an Inhalten zu implodieren.«, »In der Kunst ist der Einsatz das Leben.«, »Künstler migrieren, ob real, mental oder digital.«, und bieten andererseits auswege: »Urbane Unaufgeräumtheit erzeugt ein optimales Brutkastenklima für das Gedeihen künstlerischer Experimente.« und »Nur wer geniesst, was er nicht entschlüsseln kann, wird begreifen.« das sind aussichten.

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A. J. Weigoni, Cyberspasz, a real virtuality, Novellen, Edi­tion Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2012.

A. J. Weigoni, Zombies, Erzählungen, Edition Das La­bor, Mülheim an der Ruhr 2010.

A. J. Weigoni, Vignetten, Novelle, Edi­tion Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2009.

Anmerkung der Redaktion: Eine erste Reaktion auf Cyberspasz, a real virtuality kann man auf kukultura-extra nachlesen, zusätzlich kann man einen ausführlichen Essay als E-Book auf Bookrix herunterladen und ein Hintergrundgespräch auf Lyrikwelt.de lesen. Ein nicht minder lesenswerter Essay findet sich auf fixpoetry. Eine Leseprobe findet sich hier und Probehören kann man eine Rezitation von A.J. Weigoni auf MetaPhon die durch Tom Täger vertont wurde.

Weiterführende Links zu Zombies finden sich auf den Kulturnotizen, Kultura-extra, nrhz, fixpoetry. Und inzwischen wurden die Zombies zum Kultschatz erklärt.