Ohrganisch

Gegenwärtig verbindet sich mit dem in deutschen Rahmenplänen verankerten Begriff der „Medienkompetenz“ vor allem die Fähigkeit zur „Medienkritik“. Echte Bildung, das ist vor allem Geschmacksbildung. Durch das Vorführen anspruchsvoller Beispiele und durch die Sensibilisierung der Wahrnehmung anhand von künstlerisch wertvollen Arbeiten bildet sich dauerhaft ein Geschmacksempfinden aus, das die Rezeptionsgewohnheiten von Jugendlichen um einige Dimensionen erweitern kann.

Mit literaturpädagogischen Kursen versucht A.J. Weigoni die fluide Intelligenz abseits von Routinen zu schulen. Es geht ihm in erster Linie um eine Schärfung der Aufmerksamkeit und der Sinne – um eine Anstiftung zur Genauigkeit. Die Umgestaltung der Welt durch Literatur – an dieser revolutionären Lehre  hat Weigoni festgehalten. Sie kann nur gelingen, wenn sich alle künstlerischen Sparten in formaler wie inhaltlicher Hinsicht gegenseitig inspirieren und bereichern. Deshalb spricht aus allen Arbeiten Weigonis der Wille zur Einheit einer Kreativität, die alle Bereiche des Lebens ergreift und mit akustischen Mitteln auf die veränderten Konditionen einer industriellen Produktionsweise antwortet.  Aus dem suchenden Gedankenspiel eines Navigierens in einem Raum der Möglichkeiten speist sich ein Lernen, das andauernd den Entwurf mit der Reflexion konfrontiert und das zwischen Nachdenklichkeit und Idee agiert. Kopf und Hand gehen eine Vermählung ein, wie es das Lernen nur selten zulässt, weil bekanntermaßen das träge Wissen aus den Büchern meist nicht die nächste Lernkontrolle überdauert.

Zur Sprache bringen…, O-Ton-Hörspiel, abgemischt von Tonmeister Täger, TadR.

Weigoni verfolgt mit seinen Kursen das Ziel, die Lernenden aus festgefahrenen Denkmustern zu befreien. Fluide Intelligenz, ein Konzept, das die Fähigkeit beschreibt, adaptiv und kreativ zu denken, wird durch literaturpädagogische Methoden geschult. Anstatt auf Routinen zurückzugreifen, fordert er die Teilnehmer dazu auf, neue Perspektiven einzunehmen und sich auf die feinen Nuancen literarischer Texte einzulassen. Sein Ansatz basiert auf der Überzeugung, dass Literatur als Medium nicht nur Unterhaltung bietet, sondern auch als Werkzeug zur Förderung kritischen Denkens und zur Entwicklung von Empathie dient. Durch textuelle Analysen und kreative Schreibübungen ermutigt Weigoni die Lernenden, eigene Assoziationen und Interpretationen zu entwickeln, die weit über die Oberfläche hinausgehen.

Zur Didaktik und Methodik

Weigonis Methodik beinhaltet eine Anstiftung zur Genauigkeit. Dieses Element hebt sich durch die genaue Analyse von Sprache und Stil der Texte hervor. Die Lernenden lernen, literarische Techniken zu erkennen und deren Einfluss auf die Bedeutungsbildung zu verstehen. Diese Genauigkeit schult nicht nur das Textverständnis, sondern auch das eigene Schreiben. Indem sie präzise und wohlüberlegte Formulierungen verwenden, entwickeln sie ein Gespür für Stil und Ausdruck. Ein weiterer Aspekt der Genauigkeit ist die kritische Auseinandersetzung mit Texten. Weigoni fordert seine Teilnehmer auf, Meinungen und Interpretationen zu hinterfragen und zu diskutieren, was zu einem tiefergehenden Verständnis führt und die eigene Positionierung stärkt.

Literaturpädagogik wird hier zur angewandten Erkenntnistheorie, die den Einzelnen dazu befähigt, sich souverän und kreativ in einer instabilen, „fluiden“ Welt zu bewegen. Es ist ein Plädoyer für die Wachsamkeit des Geistes durch die Kraft des Wortes.

In den letzten Jahren hat sich eine Hörbuch-Szene etabliert, die mit dem schauspielerischen Potential der Sprecher ebenso zu experimentieren versteht, wie sie auf das Hörspiel alten Schlags innovativ zurückgreift. Gerade diese Liebhaberproduktionen sind es, die Aufmerksamkeit verdienen. Bei der Produktion »Ohryeure« handelt es sich um Hörspiele, die nicht von cleveren Marketingexperten für eine Zielgruppe zurechtgestutzt, sondern mit den Jugendlichen und JungautorInnen gemeinsam erarbeitet und umgesetzt wurden. Diese Arbeiten beinhalten Kriterien, die bisher kaum bei einer Beurteilung miteinbezogen wurden:

Was ist der Sound der Zeit?

Ist es bereits absehbar, daß Pop zum bestimmenden Faktor der Cyberkultur wird, die schon dabei ist den bürgerlichen Kulturbegriff abzulösen?

Wie funktionieren Trivialmythen?

Als ein Kunstwerk eigenen Ranges verstärkt das Hörbuch die Reize des Auditiven und Oralen, mit diesem Medium kehrt die Literatur zu ihrem Ursprung zurück. Dies ist eine Gegenbewegung zu einer mit Bildern überreich gesättigten Kultur. Die Mündlichkeit des Erzählens knüpfen an Zeiten an, als dichterische Vorträge noch «mit einer Aufführungspraxis verknüpft waren, die Barden haben ein sediertes Comeback. Der Sound einer Stimmen erzeugt eine Stimmung. Der mündliche Vortrag schafft mit der spezifischen Atmosphäre auch eine Auslegung des Gesagten, eine Interpretationshilfe. Die Stimme ist authentischer als die Schrift und das Hören ursprünglicher als das Lesen. Hörbücher fordern Zu-Hörer im emphatischen Sinn des Wortes: sensibel für stimmliche Nuancen, für Tonfall, Rhythmus, Modulation und Sprache. Ernst und Ironie verbindet sich auf der CD-»Ohryeure« hintergründig spielerisch. Wir, die Spätalphabeten, stehen insgesamt vor der Frage, ob Literatur, dieses Medium der Vorzeit, an der Alphabetisierung der Medienkultur, die nur wirklich beeinflussen kann, wer ihr voraus ist, mitwirken oder sich von letzterer abgrenzen kann. Welche Einflußsphären bleiben der Literatur gegenüber einer Kommunikationslandschaft, die vielfach entweder zum Selbstzweck gerät oder unausgesprochenen Interessen dient?

 

 

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Ohryeure, eine akustische Anthologie mit literaturpädagogischen Hörspielprojekten TadR 1993 – 1998.

Zur Sprache bringen…, O-Ton-Hörspiel, abgemischt von Tonmeister Täger, TadR. Erschienen als CD, Ursendung auf DeutschlandRadio Kultur, 2003

Cover: Almuth Hickl

Weiterführend → Die Reflexion Medienpädagogisches Arbeiten mit Jugendlichen wurde vom Minipressenarchiv, Mainz in Auftrag gegeben. ´Medienkompetenz` umfasst aus Weigonis Sicht vier Punkte: Medienkunde, Medienkritik, Mediennutzung und Mediengestaltung. Diesen Weg zeichnet er mit seinem essayhaften Text Produktorientiertes medienpädagogisches Arbeiten mit Jugendlichen nach. Sie beleuchtet die Produktionen Ohryeure, eine akustische Anthologie und Zur Sprache bringen, die als Hörbuch erschienen. Hörbeispiele sind auf vordenker in der Reihe MetaPhon zu finden.