Durch Sprache kenntlich werden

Kretins… it was perfectly horrible… they should certainly be killed.

Virginia Woolf

A. J. Weigoni, Schriftsteller und Literaturpädagoge, stellt in seinem Originalton-Hörspiel »Zur Sprache bringen…« Bewohner des Benninghofs der evangelisches Stiftung Hephata vor, die im landläufigen Vokabular Behinderte heißen. Das Stück, das Rundfunksender gleichermaßen als Hörspiel* und Feature senden können, gibt einen Einblick in den Arbeits- und Freizeitalltag des Heimes, indem es ausschließlich die Bewohner selbst zu Wort kommen läßt, die über ihre Erfahrungswelt sprechen und so als Personen kenntlich werden. Daß sie Auskunft über sich geben können, tut ihnen hörbar gut. Auch die sozusagen therapeutische Wirkung des Projekts, die das Gefühl des Anerkanntwerdens vermittelt, ist nicht zu unterschätzen. Viele der Erlebnisberichte sind von einer starken Unmittelbarkeit und ganz auf die jeweils beschriebenen Situationen bezogen. Indem die Sprechenden, als durchaus selbstbewußte (Selbst)-Darsteller, oft „normal“ wirken, machen sie deutlich, wie fließend die Grenzen zwischen Behinderung und Normalität sind, sofern man nicht beide Begriffe an sich fragwürdig findet.

Fast alle Akteure verfügen über ein auffallendes Gespür für Typisierungen. Und sie sind gute Nachahmer, teilweise mit, egal ob nun bewußt oder unbewußt, spielerisch parodistischer Tendenz, die das sogenannte normale Leben indirekt in Frage stellt. Dies erinnert mich an den einst umstrittenen Film »Auch Zwerge haben klein angefangen« von Werner Herzog, der eben diesen Effekt nutzt. Und es finden sich ausgesprochene, vor allem musikalische, Talente unter den Mitspielern, die das Hörspiel mit ihren Liedern und ihrer Musik mitgestalten. Heinz Stein spielt seit vielen Jahren regelmäßig bei Veranstaltungen Orgel. Manche der Bewohner kann man Berufen zuordnen, die sie zwar nicht ausüben, aber spielen. Neben Sänger und Musiker erscheinen so Nachrichtensprecher und Fußballreporter. Schließlich entsteht durch ihre Sprachfärbung und die Nennung von Ortsnamen ein auch regional geprägter Mikrokosmos.

Freilich schmerzt es, wenn man hört, wie Begabung und Behinderung in einer Person verschmelzen. Der Freizeitbereich des Benninghofs soll nächstes Jahr aus Kostengründen geschlossen werden. „Weil ja sowieso alles für die Katz ist.“, sagt einer der Bewohner so lakonisch wie enttäuscht ob dieser Entscheidung. Menschen kann man nicht schließen. Wer Behinderung in seinem übergreifenden Sinn versteht, den läßt dieses Hörspiel auch darüber nachdenken, weshalb die Gesellschaft zunehmend soziale Behinderungen und damit sozial behinderte Menschen produziert, denen man in den Städten immer häufiger begegnet, und die sich, einmal abgeglitten, nur schwer oder gar nicht wieder integrieren lassen.

 * Ursendung auf DeutschlandRadio Kultur. Nun als mp3 auf MetaPhon.

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Demnächst erscheint: »Gedanken, die um Ecken biegen«, Aphorismen von Holger Benkel, Edition Das Labor, Mülheim 2013