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Auf dem Bett, die Füße werden ungeduldig, unbefriedigend gerieben, ohne eigentlich zu wissen warum. Er schaute auf, um sich der Uhrzeit zu vergewissern. Tatsächlich schon spät. Langsam zog er die fast schwarzen Socken von den Füßen und legte sie ungeordnet neben seine Schlafmatratze. Ein Bett hatte er nicht, wohl auch lange nicht gehabt. Wäre ihm sicherlich zu luxuriös vorgekommen, hätte zu seinem spartanischen Lebensstil überhaupt nicht gepaßt. Und doch hätte Herr Nipp nicht wenig Lust gehabt, sich in ein Bett zu legen, aber momentan, dass heißt seit über sechs Jahren, reichte das Geld einfach nicht aus, um mehr als Nahrungsmittel und Papier zu kaufen. Seit über einem Monat schon kein Bild mehr verkauft. Auch keinen seiner sonst so, wenn auch sehr eingeschränkt, populären Drucke. Und wenn in der letzten Zeit irgendjemand mal Interesse hatte, so wollte er meist wenig oder besser gar nichts dafür bezahlen, als sei es schon eine Gnade an sich, daß irgendein Popanz ein Bild aufhängt. Am Besten noch farblich passend zum Sofa.

Herr Nipp horchte nicht ein wenig auf die nicht gerade heitere Musik. Wie konnte man sich an einem so trüben Herbsttag auch noch Anne Clark anhören? Diese Frage seiner Schwester ging ihm immer wieder durch den bräsigen Kopf und er mußte unwillkürlich grinsen. „Scheiße noch mal“. Ein aufgeschlagenes Buch, geschrieben von einem seiner Bekannten, lag da und ein leeres umgeworfenes Glas, vom Suff, am Tag zuvor.

Aufräumen, nicht seine Stärke. Auch wenn er es eigentlich sauber und ordentlich liebte. „Du bist und bleibst eben nur ein Spießbürger“. Sicher, auch das hat Wahres. Seine Lider wurden wieder einmal schwer. Das Licht gelöscht und unter die nicht unbedingt wärmende Steppdecke mit dem blau-rot gemusterten Bezug. Herr Nipp drehte sich auf die linke Seite, versuchte den Tag noch einmal Revue passieren zu lassen, schlief aber, diesen Gedanken kaum angedacht, viel weniger zu Ende, ein.

Es sollte mal wieder eine dieser kaum belastenden Nächte werden. Nächte, die mehr zu bieten haben als das normale Leben den Menschen vorzugaukeln versucht. Wo die wirkliche Welt zu suchen ist, dürfte heutzutage ja wohl mehr als eindeutig sein.  Im Kopf. Träumerisch. Als von außen kommende kann man sich niemals auf eine solche Realitätsebene beziehen. Hier kann all das ohne Konventionen oder lächerliche Naturgesetze passieren, sogar in den Armen seiner Frau kann ein Schlafender mit einem anderen Mann schlafen.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Außerdem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist Mikroblogging eine auflebende Form. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein.