Meldung machen

 

Jacqueline wurde das grelle Licht einer Taschenlampe direkt unter die Nase gehalten, während Shari und Ansgar versuchten, auf der Erde in schweißtreibenden Gefilden zu wühlen.

»Was machen Sie hier?«, erkundigte sich der Polyp scharf. Leuchtete mit seiner Taschenlampe auf den Boden. Sein Gesicht glühte unter der Polizeikappe. Die Knöpfe seiner Polizeiuniform prangten über seinem mächtigen Leib.

»Na, und Sie?«

»Oh nix… echt… rein gar nix«, stotterte der Rothaarige und versuchte seine Erektion zu verbergen. Der Schlag zuckte noch in seinem Gesicht. „Oh Ansgar, kommst du wieder?“ Jacqueline grinste anzüglich.

»Voll die Peilung verloren.«

»Wie bitte?«, der Polyp war auf restringierten Code nicht geschult, versuchte sich zurecht zu finden und stierte auf Jacquelines perfekt sitzende rote Unterwäsche. Fixierte die festen Brüste, ließ den Blick nach unten wandern.

»Öm, mein Name ist Ludwig Bronischewski«, stellte er sich vor, weil ihm die Situation unangenehm war. Diese Frau brachte es durch pure Präsenz so weit, dass ihm die Nackenhaare zu Berge standen. Gerade Haltung. Nachtschwarze Haare. Dunkle Augen. Rote Spitzendessous.

»Wir haben die Nase gestrichen voll…«, hatte Martin Tilkowski, Chef der Kirmes–Polizeiwache, bei der Einsatzbesprechung geschnaubt: »… mit der Hitze ist auch die Zahl der Körperverletzungen und Schlägereien gestiegen. In der Nacht von Freitag auf Samstag mussten unsere Beamten im Europadorf eine Massenschlägerei schlichten. Bis Sonntag früh dauerte der Einsatz ihrer 50 Kollegen im Bayernzelt, bei dem mehrere Fußball–Hooligans für Krawall gesorgt hatten, nachdem das Gastspiel der Schalke–Fans ohne Zwischenfälle verlaufen war«, Martin Tilkowski hatte sich seine Brille aufgesetzt, griff nach den abschließenden Meldungen über die Cranger–Kirmes für die Presse und hatte abschließend den Rat gegeben: »Meine Herren und meine Damen, bleiben Sie ruhig und souverän.«

Ludwig Bronischewski blieb sachlich und souverän. Tastete nach seinem Sprechfunkgerät.

Ansgar presste die Lippen zusammen. „Ansgar, komm, lass uns ein schönes Spiel spielen“, schoss es Jacqueline durch den Kopf. Der Polyp zeigte Autorität, er zog Shari hoch. Spätestens jetzt war es Zeit, Meldung zu machen.

»Noch so eine«, murmelte er.

„Ansgar, kleiner Junge, hast es dir besorgen lassen. Und ihr nicht, böser Junge!“ Jacqueline lachte auf. Hatte sich aber sofort wieder im Griff.

»Was gibt es da zu lachen?«, herrschte sie der nervöse Polizist an. Jacqueline konnte sich nicht erinnern, dass es einmal anders gewesen wäre: „Sie haben immer solch eine Angst, Ansgar. Dann brüllen sie immer, das müssen sie. Siehst du, sie haben auch den Blick: das darf doch alles nicht wahr sein.“ Sie spannte die Muskeln an und lächelte.

»Es tut mir leid!« Der Polyp leuchtete ihr direkt ins Gesicht. Sie zwinkerte, wich aber nicht aus. „Wenn du nackt bist, bist du angreifbar.“ Dieser Zustand musste sich ändern.

»Darf ich mich jetzt anziehen – oder wollen Sie mich so mit zur Wache nehmen?«, rotzte sie ihm ins Gesicht. „Würdest du am liebsten. Mich in roter Unterwäsche, und die Akten vom Tisch fegen und…“

»Sie alle drei kleiden sich an«, herrschte der Polyp. Ansgar und Shari zogen sich schweigend an. Ablenkungsmanöver. Jacqueline zog Shari an sich und versuchte, sie auf den Mund zu küssen. Ansgar schlug nach ihr. Heumacher.

»Verpiss dich, du Votze, verpiss dich endlich!«

»Ich lasse dich doch atmen, was willst du mehr?«, Jacqueline lächelte ihn eiskalt an, während Shari vor Scham und Zorn bebte. Bronischewski kämpfte eine verzweifelte Schlacht der Vernunft gegen diesen Wahnsinn, ihm war klar, dass diese Durchgeknallten schwerer unter Kontrolle zu halten waren als eine Tüte Mücken. Er musste mit diesen Freaks ans Licht. Umgehend.

»Vergelt’s…«, seufzte Shari, faltete die Hände und drehte die Augen nach oben. Kein Zeichen von dort – wie gewöhnlich. „Ich habe immer versucht, nett zu sein.“ Und fast glaubte sie sich wirklich. Versuchte sich selbst von sich zu überzeugen. Auch Jacqueline versuchte nett zu sein. War gnädig und schlug den dicken Polypen mit einem Hieb nieder.

 

 

Fortsetzung folgt.

***

Massaker, ein Cranger-Cirmes-Crimi von Barbara Ester und A.J. Weigoni, Krash-Verlag 2001

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In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsmöglichkeiten von populärkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay Perlen des Trash stellt diese Reihe ausführlich vor. Dem Begriff Trash haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Lesen Sie auch das Kollegengespräch von A.J. Weigoni mit dem echten Bastei Lübbe-Autor Dieter Walter. Eine Würdigung von Massaker durch Betty Davis lesen Sie hier. Die Hörfassung unter dem Titel Blutrausch hören Sie in der Reihe MetaPhon. Als Tag für die Vorstellung dieses Cranger-Cirmes-Crimis war der 11. September 2001 vorgesehen.