Wer ein „Best-of“-Album zusammenstellt, betreibt meistens eine Inventur des Verfalls.
Auch Nude & Rude, The Best Of Iggy Pop, präsentiert vordergründig die amtlich beglaubigten Restposten des Ruhms, ordentlich verpackt für den bürgerlichen Konsum, Schauplätze einer retrospektiven Verklärung. Sie verwandeln das einstige Erdbeben in eine gepflegte Parklandschaft. Doch dieses Album ist keine bloße Rückschau; es ist eine Autobahn, die man in rasender Geschwindigkeit entgegen der Fahrtrichtung befährt.
Man sollte diese Kompilation als eine Reihe von Bildern begreifen, die wie die Fassaden einer nächtlichen Großstadt im Scheinwerferlicht aufblitzen.
Wo andere Retrospektiven den Künstler monumentalisieren, reißt Nude & Rude das Denkmal eigenhändig ein. Das liegt an der radikalen Natur des Materials. Die frühen Stücke mit den Stooges sind keine polierten Meilensteine, sondern Bruchstücke einer permanenten Katastrophe. „Search and Destroy“ ist kein historisches Dokument, sondern das akustische Äquivalent einer brennenden Barrikade, die den Passanten zwingt, Stellung zu beziehen.
Die Ausnahme, die dieses Album darstellt, legitimiert sich durch die physische Präsenz seines Urhebers.
Während die übliche Best-of-Platte das Werk vom alternden Körper des Künstlers trennt, um es als sterile Ware zu sichern, bleibt hier der Schweiß spürbar. Iggy Pops Stimme fungiert nicht als musealer Führer durch die eigene Biografie. Sie ist die Stimme des Chronisten, der die Zerstörung des eigenen Körpers auf offener Bühne protokolliert hat. Von der ungefilterten Aggression der Stooges-Ära bis zur unterkühlten, europäischen Melancholie von „The Passenger“ – die Geografie dieser Platte wechselt ständig die Vorzeichen.
Es ist eine Aneinanderreihung von existenziellen Häutungen
Nude & Rude verweigert sich der harmonischen Abrundung. Dieses Album feiert die kreativen Höhepunkte ebenso wie die Phasen des exzessiven Selbstschadens und des kommerziellen Scheiterns. Es ist die Montage einer Existenz, die im Moment der totalen Verausgabung ihre Wahrheit findet. Wer diese Platte hört, besichtigt keine Galerie der Erinnerungen. Er betritt einen Raum, in dem die Zeit aufgehoben ist, weil die Gefahr noch immer real im Raum steht. Hier wird der Ruhm nicht verwertet – er wird im Sekundentakt neu riskiert.
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Nude & Rude, The Best Of Iggy Pop, 1996
Weiterführend → Mit einem freundlichen Hinweis auf eine andere Geburtshelferin darf man dies Proto-Punk nennen. Lesenswert der Essay von Peter Glaser: Attrappe einer Kulturgeschichte von neulich. Der „Ratinger Hof“ bildete in Düsseldorf eine subkulturelle Scharnierstelle. Die Rheinmetropole war so etwas wie die heimliche Hauptstadt der alten BRD, im Bermuda-Dreieck zwischen der Uel, dem Einhorn und dem Ratinger Hof traf man auf geballte Zeitgeist–Kompetenz. Lesen Sie auch den Artikel Perlen des Trash über 25 Jahre Gossenhefte. Ebenso eindrücklich empfohlen sei Heiner Links Vorwort zum Band Trash-Piloten. Luther Blissett beschreibt den Weg von Proust zu Pulp.