Konstruktionsplan fürs Überleben nach dem Mythos

Der alternde Künstler im 21. Jahrhundert ist eine Maschine, von der man verlangt, dass sie mit dem Treibstoff ihrer eigenen Jugend läuft. Was aber geschieht, wenn der Tank leer ist, die Mechanik jedoch unerbittlich weiterdreht?

Wer das Vermächtnis antritt, bevor der Nachlass geregelt ist, gleicht dem Passanten, der die Münze in einen leeren Automaten wirft. Er hofft auf das grelle Epochenbild, doch er erhält nur das Echo des eigenen Aufpralls. Als Iggy Pop im Januar 2015 eine SMS an Josh Homme schickte, war dies kein Akt der Korrespondenz, sondern das Zerschlagen einer Notbremse. Das Archiv, gefüllt mit den Funken der Bowie-Jahre, wurde nicht geöffnet, um Historie zu verwalten, sondern um Material für eine letzte, geheime Sprengung zu gewinnen. Ein Album, das unter dem Siegel der Verschwiegenheit entsteht, verweigert sich dem Nutzwert der Gegenwart. Es ist das Werk von Saboteuren, die den eigenen Denkmalschutz unterminieren.

Josh Homme komponiert nicht, er schlägt Breschen in die Zeit. Seine musikalische Struktur ist das Antidot zur flüssigen Gefälligkeit des digitalen Zeitalters.

Wenn der Nutzen endet, beginnt die Zone des puren, ungeschützten Daseins. Homme, Fertita und Helders fungieren hier nicht als Begleitband, sondern als Abschleppdienst an der Bruchlinie der Rockgeschichte. Sie liefern den harten, trockenen Rhythmus für einen Mann, der feststellt, dass seine nackte Brust kein Skandalsymbol mehr ist, sondern eine Landschaft aus gelebter Zeit. Man betrachte das rhythmische Fundament, das Homme gemeinsam mit Dean Fertita und Matt Helders legt: Es ist ein synkopischer Betrug am klassischen Viervierteltakt der Rockgeschichte. Die Songs kamen als Fragmente ins Studio – als Halbfabrikate einer Existenz, die sich weigert, schlüsselfertig übergeben zu werden.

Dass die Lieder als Fragmente ins Studio getragen wurden, spiegelt sich in der Härte der Schnitte wider.

In den Notizen über David Bowie, die Pop mit sich führte, lag kein Trost. Es waren vielmehr Konstruktionspläne für das Überleben nach dem eigenen Mythos. Ein Vermächtnis ist eine Last, die den Träger krümmt, wenn er versucht, sie aufrecht zu präsentieren. Erst im unfertigen Zustand, im Fragmentarischen, entgeht die Kunst der Verdinglichung. Die Songs auf diesem Album sind keine Denkmäler; sie sind Ruinen, die man hastig betritt, bevor der Denkmalschutz zuschlägt. Diese Unfertigkeit ist Methode. Sie verweigert dem Hörer den finalen Nutzen des eingängigen Ohrwurms. Die Struktur bleibt porös, damit der Geist des ungesicherten Experiments hindurchpfeifen kann.

Bleibt vom Pop-Mythos etwas übrig, wenn man den Songs die Funktionalität des Entertainments entzieht?

Die Gegenwart duldet keine ungenutzten Räume. Alles muss zirkulieren, alles muss verwertet werden. Ein Künstler, der sein eigenes Ende thematisiert, bricht das Gesetz dieser ununterbrochenen Verwertung. Er stellt sich quer in die Einbahnstraße des Fortschritts. Post Pop Depression ist die Protokollierung dieses Stillstands. Es ist die Einsicht, dass das größte Rätsel des Vermächtnisses nicht darin besteht, was man den Nachkommenden hinterlässt, sondern wie man die Leere erträgt, die entsteht, wenn der Applaus verstummt und man dennoch gezwungen ist, im Scheinwerferlicht der eigenen Erinnerung stehen zu bleiben. Es ist die Konstruktion eines Hauses, dessen Dach weggelassen wurde, damit der Blick auf den aschfahlen Himmel der eigenen Endlichkeit frei bleibt.

 

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Post Pop Depression, Iggy Pop. 2016

Weiterführend → Lesen Sie auch ein weiteres Nachdenken über die Resteverwertung des Ruhms.

Mit einem freundlichen Hinweis auf eine andere Geburtshelferin darf man dies Proto-Punk nennen. Lesenswert der Essay von Peter Glaser: Attrappe einer Kulturgeschichte von neulich. Der „Ratinger Hof“ bildete in Düsseldorf eine subkulturelle Scharnierstelle. Die Rheinmetropole war so etwas wie die heimliche Hauptstadt der alten BRD, im Bermuda-Dreieck zwischen der Uel, dem Einhorn und dem Ratinger Hof traf man auf geballte Zeitgeist–Kompetenz. Lesen Sie auch den Artikel Perlen des Trash über 25 Jahre Gossenhefte. Ebenso eindrücklich empfohlen sei Heiner Links Vorwort zum Band Trash-Piloten. Luther Blissett beschreibt den Weg von Proust zu Pulp.