Die Reduktion auf das Powertrio bei Stage Struck ist eine bewusste Rückkehr zur nackten Architektur von Taste. Doch wo die Dreierkonstellation auf der Isle of Wight 1970 das Monument einer tragischen, sich selbst verzehrenden Freiheit war, ist sie 1980 auf Stage Struck etwas anderes: ein hochpräziser, fast industrieller Kampf gegen die Zeit.
Bei Taste (1970) war das Trio eine organische Notwendigkeit. Weil die Frequenzen leer waren, explodierte die Chemie zwischen Gallagher, McCracken und Wilson. Es war das Suchen nach der absoluten Freiheit, das im Moment des Genies (und der Trennung) verglühte. Bei Stage Struck (1980) kehrt Gallagher zu dieser Form zurück – aber nicht aus Romantik, sondern aus Härte. Es ist keine organische Chemie mehr, sondern eine mechanische. Gerry McAvoy und Ted McKenna spielen nicht mit Gallagher, sie jagen ihn. Die klangliche Dichte entsteht hier nicht durch die Sehnsucht nach Freiheit, sondern durch den Druck der schieren Vorwärtsbewegung.
Zur Einstimmung, ein Konzertmitschnitt aus dem The Old Waldorf in San Francisco aus dem Jahr 1979.
Man sollte diesen Mitschnitt als das Dokument einer Belagerung hören. Wo die Combo Taste auf der Isle of Wight noch das unendliche Panorama einer anarchischen Improvisation verströmte – ein utopischer Ausblick auf eine befreite Zeit –, gleicht dieses Dokument einer Festung, die Gallagher gegen den eigenen Relevanzverlust errichtet. Ted McKenna am Schlagzeug exekutiert keinen Rhythmus mehr; er hämmert Pflöcke in den schwindenden Boden. Es ist roher, unbändiger „Meat and Potatoes“-Rock ’n’ Roll, den man hier feiert – nicht als Fest, sondern als das letzte verbliebene Proviantamt in einer besetzten Stadt. In den Riffs, die spürbar schneidender werden, und den Soli, die atemlos vorantreiben, vollzieht sich eine fundamentale Transformation der Kunstausübung. Dies ist kein entspanntes Musizieren im bürgerlichen Sinne mehr. Es ist ein manischer, unerbittlicher Kampf gegen die Uhr, ein Wettlauf mit dem wechselnden Zeitgeist, der die Spuren des Gestern mit der unbarmherzigen Geschwindigkeit einer Planierraupe tilgt. Das Dokument fängt den Moment ein, in dem die Musik, um überhaupt noch gehört zu werden, die Härte des Gegners annehmen muss. Die Songs werden schneller, weil das Vergehen der Epoche sich beschleunigt.
Der Auftritt von 1970 war ein Sakralbau des Blues-Rock – errichtet unter freiem Himmel, ein brennendes Monument. Stage Struck hingegen geicht einer Autobahn bei Nacht.
Dieses Album markiert der Eintritt von Rory Gallagher in die harte, unbarmherzige Asphalt-Ästhetik der beginnenden 1980er Jahre. Er wirft den vermeintlichen Ballast der Blues-Tradition ab. Die akustische Mandoline, die ’77 in ›Going To My Hometown‹ noch das kollektive Gedächtnis beschwor, wird hier rationalisiert, weggeschnitten. Das Album ist ein rücksichtsloser, purer Hard-Rock-Angriff. Stücke wie ›Shin Kicker‹ oder ›Shadow Play‹ rasen mit einer Geschwindigkeit voran, die keine Kontemplation mehr erlaubt. Es ist die totale Mobilmachung.
Gallagher reaktiviert das Trio-Prinzip von Taste, um im veränderten Zeitalter von Punk und Heavy Metal überhaupt überlebensfähig zu sein.
Besetzungstechnisch bricht Gallagher rabiat mit der Vergangenheit. Das lyrische Klavier von Lou Martin, das zuvor noch Jazz-Tupfer und melodische Räume schuf, ist verschwunden. Übrig bleibt das skelettierte Powertrio: Rory Gallagher, Gerry McAvoy am Bass und Ted McKenna an den Drums. Keine Schnörkel mehr. Die Musik wird nicht mehr „ausgestellt“, sondern „errichtet“ wie eine Betonfassade. Es ist ein ultrabrutaler Wall of Sound.
Im Jahr 1980, eingekeilt zwischen der New Wave of British Heavy Metal und dem sterbenden Punk, durfte die Gitarre kein feinfühliges Werkzeug mehr sein. Sie musste zur Waffe werden. Das Album atmet den Schweiß und die Paranoia einer unerbittlichen, mörderischen Welttournee.
Wo das Verzehren von Taste auf der Isle of Wight ein einmaliges, historisches Unikat war, ist Stage Struck das Dokument einer unbarmherzigen Tournee-Maschine. Gallagher nutzt die Leere des Trios wie ein athletisches Korsett. Er zwingt sich und seine Musiker an die absolute Leistungsgrenze, aber dieses Mal tun sie es als Veteranen, die genau wissen, wie man das Feuer kontrolliert und als Waffe einsetzt. Es ist das Dokument eines Musikers, der sich weigert, zum Klassiker zu erstarren, und stattdessen lieber mit Vollgas in die Ästhetik des kommende Jahrzehnts rast.
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Stage Struck, von Rory Gallagher, 1980
Weiterführend → Rhythm & Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. KUNO betrachtet die Cowboy Junkies als Geburtshelfer der Americana. Weiterführend eine Denkübung zum tiefgründigen Folk-Song: Both Sides Now. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosphäre einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie Dr. John. Die Delta-Blues-Progression des Captain Beefheart muss dahinter nicht zurückstehen, eine gute Einstimmung für sein Meisterwerk Trout Mask Replica. Wir lauschen der ungekrönten Königin des weißen Bluesrock. Und dem letzten Werk der Doors. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom Memphis Slim. In der Reihe mit großen Blues-Alben lauschen dem Turning Point, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den Swordfishtrombones, von Tom Waits und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter Blueser?