Die Verwandlung des Schweißes in Rhythm & Blues

Nachdem bereits im letzten Jahr mit Blues eine Kollektion unveröffentlichter Aufnahmen von Rory Gallagher erschien, dürfen sich Rhythm & Blues-Liebhaber in 2020 über eine weitere Raritäten-Sammlung des irischen Musikers freuen.

Die Energie, die aus dem Lautsprecher bricht, ist kein Treibstoff für nostalgische Kontemplation. Es ist die Elektrizität des Augenblicks. Wenn Gallaghers Finger über die abgewetzte Fender Stratocaster jagen, wird der Blues-Rock aus der Komfortzone des Bürgertums gerissen. Check Shirt Wizard fungiert als in Ton gesetzte Erinnerung, an der der Geist des Jahres 1977 – das Jahr, in dem Punk-Rock die etablierten Rock-Götter stürzte – unbewusst Gallaghers eigene Wut infundiert. Das ist kein Archiv-Ramsch; es ist die Zündschnur, die zielgerichtet im Hier und Jetzt explodiert.

In den Katakomben der Abbey Road Studios wurde nicht bloß Staub von alten Bändern gewischt. Die Abmischung fungiert als optisch-akustisches Vergrößerungsglas. Was man hier wiederfindet, ist das Feuer der Eigenkompositionen. Sie wurden aus der Vergessenheit gerissen und so scharfkantig restauriert, dass jede Saite wie ein Peitschenhieb wirkt. Das Fundbüro der Rockgeschichte gibt uns hier keine Bruchstücke zurück, sondern ein intaktes, loderndes Instrumentarium der Leidenschaft.

Man höre die altbewährten Aufputschmittel: ›Going To My Hometown‹ und ›Bullfrog Blues‹. In dieser bestmöglichen Live-Klangqualität sind sie keine harmlosen Gassenhauer mehr. Sie sind eine Anklage gegen die Sterilität moderner Studio-Produktionen. Die Mandoline schmerzt, der Bass treibt wie ein Herzschrittmacher im Delirium. Gallagher klagt durch seine Virtuosität jeden glattgebügelten Pop-Entwurf an. Es ist der Beweis, dass die Wahrheit einer Gitarre nur im Schweiß des Podiums liegt.

Die Irish Tour war das Breitwandkino, der epochale Triumph. Check Shirt Wizard hingegen ist das Vergrößerungsglas, das uns die feinen Risse im Fundament zeigt. Man kann das Jahr 1977 musikhistorisch als eine Art unbewussten Abschied betrachten. Es war zwar nicht Gallaghers persönlicher Abschied von der Musik, aber es war der Abschied des Blues-Rock von seiner Rolle als absolut tonangebende, junge und gefährliche Speerspitze der Popkultur. In 1977 war Gallagher schneller, bedingungsloser, vielleicht sogar ein Stück weit verzweifelter. Wer dieses Album hört, blickt durch eine Lupe direkt auf das brennende Herz des Blues-Rock, kurz bevor die Synthesizer-Dekade alles mit Plastik überzog.

 

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Check Shirt Wizard-Live in ’77, von Rory Gallagher, 2020

Weiterführend → Rhythm & Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. Wir betrachten dieie Cowboy Junkies als Geburtshelfer der Americana. Des Weiteren eine Betrachtung des tiefgründigen Folk-Songs: Both Sides Now. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosphäre einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie Dr. John. Die Delta-Blues-Progression des Captain Beefheart muss dahinter nicht zurückstehen, eine gute Einstimmung für sein Meisterwerk Trout Mask Replica. Wir lauschen der ungekrönten Königin des weißen Bluesrock. Und dem letzten Werk der Doors. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom Memphis Slim. In der Reihe mit großen Blues-Alben hören den Turning Point, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den Swordfishtrombones, von Tom Waits und den Circus Songs von den Tiger Lillies. Und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter Blueser?