Das verlorene Album

Notes from San Francisco sollte ursprünglich Anfang 1978 erscheinen, wurde jedoch von Gallagher in einer dramatischen Entscheidung kurz vor der Fertigstellung komplett zurückgezogen und eingestampft. Erst im Jahr 2011 – 16 Jahre nach seinem Tod – wurde es von seinem Bruder Dónal und dessen Sohn Daniel Gallagher aus den Archiven gerettet und als Doppel-CD veröffentlicht

Nach dem großen Erfolg des von Roger Glover produzierten Albums Calling Card (1976) drängte Gallaghers Plattenfirma Chrysalis Records darauf, seinen Markt in den USA gezielt auszubauen. Der Plan: Ein Album, das direkt in den USA mit einem amerikanischen Produzenten aufgenommen wird. Die Wahl fiel auf Elliot Mazer, der kurz zuvor durch seine Arbeit an Neil Youngs Meisterwerk Harvest weltberühmt geworden war. Im November 1977 flog Gallaghers damalige Band – bestehend aus Gerry McAvoy (Bass), Rod de’Ath (Drums) und Lou Martin (Keyboards) – direkt nach einer anstrengenden Japan-Tournee nach Kalifornien in die His Master’s Wheels-Studios in San Francisco. Die Studio-Sessions gestalteten sich von Anfang an zäh und angespannt. Mazer ging sehr akribisch vor, doch Gallagher empfand den amerikanischen Produktions- und Abmischungsprozess als viel zu technisch, kompliziert und steril. Es klang für ihn schlicht nicht richtig – als würde er „in einer Fremdsprache singen“.

Der Wendepunkt kam am 14. Januar 1978: Gallagher besuchte das berüchtigte, finale Konzert der Sex Pistols. Als er am nächsten Tag ins Studio zurückkehrte, blickte er auf seine eigenen, hochproduzierten Aufnahmen und traf eine radikale Entscheidung: Er warf das fast fertige Album komplett in die Mülltonne.

Das Studioalbum enthält die ursprünglichen San-Francisco-Aufnahmen von 1977/78. Gallagher hatte vor seinem Tod verfügt, dass die Bänder nur angefasst werden dürfen, wenn man sie komplett neu abmischt. Das übernahm sein Neffe Daniel Gallagher. Wer die alten Bänder ohne Reinigung abtastet, betritt ein Sanatorium der Sterilität. Der Blues, dessen Wesen in der Unmittelbarkeit des Schmutzes liegt, wurde dort in die sterilen Kammern amerikanischer High-Fidelity-Apparaturen gepresst. Für Gallagher war das Resultat ein Gesang „in einer Fremdsprache“. Die Maschine sprach kalifornisch, die Gitarre aber litt irisch.

Die posthume Verfügung des Künstlers gleicht daher einem Dekret: Die Bänder dürfen aus ihrem Schlaf nur geweckt werden, wenn der technisierte Staub von ihnen geblasen wird. Sie müssen durch ein neues Ohr hindurchgehen, um überhaupt erst eine Heimat zu finden.

Erst die Demontage des alten Klangbildes, das radikale Trennen und Neu-Gewichten der Spuren von McAvoy, de’Ath und Martin, löst den Knebel, den die West-Coast-Produktion dem Blues angelegt hatte. Nur eingefleischte Fans von Gallaghers Bootleg-Alben kennen „B Girl“ bereits; für alle anderen ist es ein neuer Song – und zwar ein richtig guter. Untermalt von einem schmutzigen Gitarrenriff, das sich mal in den Mix hinein- und mal wieder herausbewegt, legt die Band einen fetten, funkigen Rhythmus vor, der unter Gallaghers vergleichsweise rauem, nach Whiskey klingendem Gesang tanzt. Genau dieser Kontrast zwischen dem dunklen Timbre des Gitarristen und der hellen Instrumentierung der Band lässt den Song erst richtig glänzen. „Fuel To the Fire“ stellt einen weiteren Ausreißer in Gallaghers musikalischer Entwicklung dar. Vor dem Hintergrund einer reduzierten, aber kraftvollen Instrumentierung, die seinen melancholischen Gesang untermalt, schlägt Gallagher mit seinem für ihn untypischen Gitarrenspiel eine Richtung ein, die weniger vom Blues als vielmehr vom Rock ’n’ Roll geprägt ist; dabei finden sich jazzige Untertöne, eigenwillige, belebende Phrasierungen sowie ausgedehnte Soli von schlichtweg wunderschöner Qualität. Das Album enthält zudem zwei „Bonustracks“, darunter das zuvor unveröffentlichte (oder neu eingespielte) Stück „Out On the Tiles“ – ein wilder Rocker mit lokomotivartigem Rhythmus und einem geradezu eruptiven Stil, bei dem Gallagher die Töne mit ungestümer Hingabe aus der Gitarre feuert: ein messerscharfer Sound, gepaart mit rasendem Tempo und einem mitreißenden, freudvollen Chaos. „Mississippi Sheiks“, ein langjähriger Live-Favorit, doch hier präsentiert er ihn in einem anderen Arrangement. Gallaghers beeindruckendes Gitarrenintro und die stotternden Rhythmen der Band erinnern an jenen vom Blues geprägten Hard Rock, wie ihn Bands wie Savoy Brown oder Status Quo spielten. Was diese Darbietung jedoch von allen anderen abhebt, ist der Einsatz von Joe O’Donnells lebhafter E-Geige, die dem Song eine überirdische, beseelte Atmosphäre verleiht. Gallaghers Testament lehrt uns: Manchmal muss man ein Kunstwerk zerstören, um seine Wahrheit zu retten. Das Archiv öffnet sich nicht dem Historiker, der die Asche bewahrt, sondern dem Alchemisten, der das Feuer neu entfacht.

Diese Entscheidung Notes from San Francisco nicht zu veröffentlichen stürzte sein Management und das Label in tiefe Verzweiflung, beendete aber gleichzeitig eine Ära: Gallagher löste seine langjährige Band auf, verabschiedete Rod de’Ath und Lou Martin und formierte ein schlankes, aggressives Power-Trio mit Gerry McAvoy und dem neuen Schlagzeuger Ted McKenna.

Das Live-Dokument ist ein mitreißendes Konzertdokument, aufgenommen im Dezember 1979 an vier Abenden im Club The Old Waldorf in San Francisco. Es offenbart, dass der Blues-Rock der endgültig vom Mainstream abgeschnitten war. Die Musiklandschaft wurde von der New Wave of British Heavy Metal und Post-Punk beherrscht – Genres, die schneller, härter und maschineller klangen. Die Reduktion auf das Powertrio (mit Gerry McAvoy und Ted McKenna) war keine nostalgische Rückkehr zu den Folk-Wurzeln, sondern eine Radikalkur, um klanglich mit dieser neuen Aggressivität mitzuhalten. Hier hört man die neue Trio-Besetzung mit Ted McKenna am Schlagzeug, wie sie genau den rohen, unbändigen „Meat and Potatoes“-Rock ’n’ Roll zelebriert, den Gallagher ein Jahr zuvor gesucht hatte. Wo Taste auf der Isle of Wight noch das Gefühl des unendlichen Aufbruchs und der fast anarchischen Improvisation verströmte, wirkt dieser Mitschnitt wie eine Festung gegen den eigenen Relevanzverlust. Die Songs wurden schneller, die Riffs schneidender, die Soli atemloser. Es war kein entspanntes Musizieren mehr, sondern ein manischer, unerbittlicher Kampf gegen die Uhr und den wechselnden Zeitgeist.

 

 

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Notes from San Francisco, von Rory Gallagher, erschien auch in einer Deluxe Edition + Booklet

Weiterführend  Rhythm & Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. KUNO betrachtet die Cowboy Junkies als Geburtshelfer der Americana. Weiterführend eine Denkübung zum tiefgründigen Folk-Song: Both Sides Now. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosphäre einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie Dr. John. Die Delta-Blues-Progression des Captain Beefheart muss dahinter nicht zurückstehen, eine gute Einstimmung für sein Meisterwerk Trout Mask Replica. Wir lauschen der ungekrönten Königin des weißen Bluesrock. Und dem letzten Werk der Doors. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom Memphis Slim. In der Reihe mit großen Blues-Alben hören wir den irischen Melancholiker. Lauschen dem Turning Point, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den Swordfishtrombones, von Tom Waits und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter Blueser?

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