Das Instrument ist kein Werkzeug mehr, sondern eine chronische Wunde. Wer Rory Gallaghers Stratocaster betrachtet, blickt nicht auf ein Produkt industrieller Fertigung, sondern auf das Protokoll einer fortlaufenden Zerstörung. Der Lack ist abgetragen wie der Putz an den Fassaden der Arbeiterquartiere. In den Kerben des Holzes nistet nicht der Schmutz, sondern die verdichtete Zeit von zehntausend Akkorden. Dieses Instrument besitzt keine Aura der Unberührbarkeit; seine Würde liegt in seiner vollkommenen Profanierung. Es ist ein geschundener Gegenstand, der erst im Moment seines Zerfalls seine eigentliche Bestimmung offenbart.
Im Gegensatz zu den exzentrischen, psychedelisch gekleideten Virtuosen seiner Zeit trat Gallagher in abgetragenen Flanellhemden und Jeans auf. Er verweigerte jede Pose.
Der Stil entspringt nicht einer ästhetischen Absicht, sondern einer Anatomie des Zufalls. Zwischen Daumen und Zeigefinger, dort wo das Plektrum im präzisen, schrägen Winkel gehalten wird, vollzieht sich eine ständige Reibung, die das Fleisch dem Material opfert. Der chronische Abrieb des Fingernagels ist der Preis für den Funken. Was die Musikkritik später als Genie feiert, begann als unbewusste Gewohnheit – eine physische Marterung, die Obertöne freisetzt, welche wie Sirenen über das Festivalgelände jagen. Erst das Bewusstsein der anderen macht aus der Notwendigkeit eine Methode. Der Künstler lernt sein Eigenes erst aus den Spiegeln der Passanten.
Richard „Charlie“ McCracken webte dichte, oft kontrapunktische Basslinien, die die Songs melodisch zusammenhielten. Er verlieh der Band eine rhythmische Flexibilität, die weit über den starren Takt des frühen Hard Rock hinausging.
Auf der Isle of Wight versammelt sich die Masse nicht, um einen Strandurlaub zu machen, sondern um sich im elektrischen Strom aufzulösen. Taste auf der Bühne, das ist keine Darbietung, sondern eine Demontage der Distanz. Die Verstärkerwände fungieren als die neuen Monumente einer ephemeren Stadt aus Zelten und Schlamm. Der Ton steigt mit einer Geschwindigkeit auf, die dem Tempo der modernen Maschinenwelt gleicht; er heult und bricht sich in den Ohren der sechshunderttausend Zuhörer. Es ist ein kollektiver Schock, der die vereinzelten Individuen für die Dauer eines Auftritts in einen einzigen, vibrierenden Körper verwandelt.
Am Schlagzeug saß mit John Wilson ein Drummer, der die Wucht des Rock mit der Finesse des Jazz verband. Er trieb das Trio unaufhörlich voran. Vor allem bei den ausgedehnten Live-Improvisationen zeigte sich Wilsons Fähigkeit, die Intensität der Band federleicht zu steuern – von fast lautlosen, tastenden Passagen bis hin zum eruptiven Gewitter.
Es gibt Zonen der Expressivität, die sich der Mechanisierung entziehen. Der Bottleneck, dieser glatte Zylinder aus Glas oder Metall, der über die Saiten gleitet, verspricht die perfekte, gleitende Linie des Blues. Doch wo das Hilfsmittel versagt, beginnt die eigentliche Wahrheit des Künstlers. Der hocheffiziente Klang, das schreiende Aufbegehren der Obertöne, lässt sich nicht durch ein Prothesenwerkzeug erzwingen. Es verlangt nach dem direkten, zerstörerischen Kontakt von Haut, Horn und Stahl. Nur im Verschleiß des eigenen Körpers triumphiert das Subjekt über die kalte Apparatur.
Taste erhöhte das Tempo des Blues drastisch. Aus dem melancholischen Schleppen des Delta-Blues wurde ein treibender, aggressiver Rhythmus, der die Energie des Punk vorwegnahm.
Die wahre Größe von Taste lag in ihrer Chemie. Nur in dieser Dreierkonstellation konnte eine solche klangliche Dichte entstehen. Weil kein zweiter Gitarrist oder Keyboarder die Frequenzen besetzte, mussten alle drei Musiker permanent an ihrer absoluten Leistungsgrenze spielen. Ihr Auftritt auf der Isle of Wight im August 1970 – kurz vor ihrer bitteren Trennung – bleibt das Monument einer Band, die sich in ihrer eigenen Energie verzehrte, um für einen Moment die absolute Freiheit des Blues-Rock zu erreichen.
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Taste, live at the isle of wight, 1971
Weiterführend → Rhythm & Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. Wir betrachten die Cowboy JunkiesGeburtshelfer der Americana. Des Weiteren eine Betrachtung des tiefgründigen Folk-Songs: Both Sides Now. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosphäre einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie Dr. John. Die Delta-Blues-Progression des Captain Beefheart muss dahinter nicht zurückstehen, eine gute Einstimmung für sein Meisterwerk Trout Mask Replica. Wir lauschen der ungekrönten Königin des weißen Bluesrock. Und dem letzten Werk der Doors. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom Memphis Slim. In der Reihe mit großen Blues-Alben hören wir den irischen Melancholiker. Lauschen dem Turning Point, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den Swordfishtrombones, von Tom Waits und den Circus Songs von den Tiger Lillies. Und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter Blueser?