Ein Rebell mit Anlass, aber keinem Grund

Die Düsseldorfer Literaturszene in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren war ein Schmelztiegel kreativer Strömungen, in dem sich dynamische, oft rebellische Stimmen gegen die Konventionen der etablierten Literatur erhoben. In dieser vielfältigen Landschaft trat Weigoni hervor, dessen einzigartige Mischung aus provokantem Auftreten und innerer Sensibilität ihn zu einer prägnanten Figur machte.

András (A. J.) Weigoni (* 18. Januar 1956 in Budapest/Ungarn, Flucht mit den Eltern nach dem Volksaufstand; † 26. Januar 2021 in Düsseldorf), Porträt: Thomas Suder

Weigonis Auftreten war geprägt von einer Form der Rebellion, die sich nicht nur in seinen literarischen Texten, sondern auch in seiner Persönlichkeit widerspiegelte. Sein brüskes Arschlochgehabe bot einen Kontrapunkt zu der oft nostalgischen und gefühlvollen Lyrik, die damals vorherrschte. In seinen Texten suchte er aktiv den Konflikt: Er stellte nicht nur den Status quo in Frage, sondern provozierte auch die Leser, ihre eigenen Überzeugungen zu hinterfragen. Die Balance zwischen rauem, oft derb klingendem Humor und einer verborgenen Sensibilität machte seine Werke faszinierend und komplex.

In diesen Jahren engagierte sich Weigoni aktiv in verschiedenen literarischen Initiativen und Lesebühnen. Diese Zeit war geprägt von einem Schattenspiel zwischen traditionellen und avantgardistischen Strömungen. Er war ein fester Bestandteil der sogenannten „literarischen Revolte“, einer Bewegung, die sich gegen die stagnierenden Strukturen der Literaturszene auflehnte. Seine Lesungen waren ein Erlebnis: Mit ironischem Unterton und einer bemerkenswerten Mimik brachte er selbst die ernstesten Themen auf eine für die Zuhörer greifbare Ebene. Weigonis Art, mit dem Publikum zu interagieren, förderte eine Art des Dialogs, die bis dahin in der Düsseldorfer Literaturszene selten war. Hier verband er die direkte Ansprache seiner Zuhörer mit poetischen Höhepunkten und schuf so eine unmittelbare Verbindung zu seinem Publikum.

Die Veröffentlichung seiner Texte in literarischen Magazinen und Anthologien festigte seinen Ruf in der nonkonformistischen Szene. Sein Stil war geprägt von Sprachspielereien und einer kompromisslosen Ehrlichkeit, die oft verletzliche Aspekte menschlicher Beziehungen thematisierte. Indem Weigoni persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Beobachtungen verband, erzeugte er ein literarisches Werk, das sowohl individuell als auch universell nachvollziehbar war.

Die Rezeption seiner Arbeiten war unterschiedlich, jedoch konnte niemand seine Relevanz ignorieren. Kritiker lobten seine Fähigkeit, die Leserschaft zu provozieren und zum Nachdenken anzuregen. Gleichzeitig gab es Stimmen, die sein „brüsker“ Stil als herausfordernd und anstößig empfanden. Diese ambivalente Reaktion zeigte jedoch, dass Weigoni seine Zielgruppe effektiv erreicht hatte und die Diskussion über Literatur neu ankurbelte.

Nonkonformisten stellen gesellschaftliche Erwartungen und Normen in Frage. Die frühen Tätigkeiten von Weigoni in der literarischen Szene Düsseldorfs zeigen eindrucksvoll, wie ein provokanter Stil in der Literatur nicht nur unterhalten, sondern auch zum kritischen Denken anregen kann. Durch seine rebellische Haltung und die Mischung aus Humor und Sensibilität hat er sich einen festen Platz in der nonkonformistischen Literaturszene erobert und bleibt bis heute eine inspirierende Figur für aufstrebende Schriftsteller. Weigoni ist nicht nur ein Beispiel für den Geist der Zeit; sein Werk ist ein lebendiges Zeugnis für die Kraft der Literatur, gesellschaftliche Normen herauszufordern und den Dialog zu fördern.

 

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The last pop-songs, von A.J. Weigoni und Frank Michaelis (mit Marion Haberstroh und Andy Schulz) bei instant music, Düsseldorf 1989

Die Aufnahme ist in HiFi-Stereo-Qualität erhältlich über:  info@tonstudio-an-der-ruhr.de

Photo: Anja Roth

Wie das englische Wort lyrics (für Liedtext) verrät, basierten die antiken Vorläufer der Popmusik auf Texten, die zu den Klängen der Lyra vorgetragen wurden. Tonmeister Tom Täger hat das 1989 produzierte Tape the last pop-songs (vom DAT) digital remastered. Frank Michaelis und A.J. Weigoni haben die Energie und die Einfachheit von Pop genutzt, um komplexere Emotionen auszudrücken. Es ist beeindruckend, wie unbekümmert sie Stile, Genres und Ausdrucksmittel mischen. So entsteht eine intermediale Literatur, Poetry slams und Songtexte werden als künstlerische Artefakte wahrgenommen, die es mit ‚klassischer‘ Literatur aufnehmen kann. Sie hören ein Denkspiel über Pop, das selbst Pop ist, weil es Pop als körperverwandelndes Medium versteht und Popgeschichte als Mediengeschichte. MetaPhon präsentiert in der Reihe Revisited einen Rückblick auf „The Best Of Jugendsünden“.

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