hommage à jean krier

12. Januar 2018
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[Spiegelmensch und letzte Reise]

es spielt keine rolle wo sich für uns das jenseits vom diesseits trennen wird nochmal eine reise also nach paris rom helsinki athen new york berlin yaoundé oder basse-terre wäre unsinnig aber danach fragen wir nicht tun es einfach nach paris weil guadeloupe so unwirklich ist sagt sie nichts als armut und dreck und dummheit und feuchte hitze üppige flora du wirst alles das nie sehen weil sie sagt nicht nur die grands-blancs ertränken sich im alkohol und des meeres gischt knistert dazu unter dem passat paris also wo du jede verpisste gasse kennst und noch nie auf dem eiffelturm warst aber pflastermüde im jardin du luxembourg unter einem tuschelnden taschentuchbaum liegend eingeschlafen bist über dem gedanken wie michelle die erste frau von boris vian die geliebte sartres werden konnte philosophenpack aber es gehören zwei dazu sagt man paris also das bodenlose obskure drecksloch sein charme stinkt und klebt an dir wie hundescheiße am schuh sie spricht vom odeur der bohème in den villes nouvelles ist sie niemals gewesen das ist so töricht wie licht und freiheit und fraternité in welcher epoche lebt sie eigentlich sie sagt paris ist ein teil von dir das bist du la ville de l´amour wenn man noch daran glaubt dass je t´aime die schönsten wörter der welt seien

der morgen im hôtel des arts hinter dem théâtre des nouveautés hohe fenster schmutziges halbdunkel himmelsgrau statt meeresblau das breite doppelbett ihr dicker godemichet sie sagt lass uns schöne schweinereien machen so schmutzig wie paris bevor das volle licht des tages unser zimmer penetriert und dann ein café au lait aber deine fleischlichkeit fiel der zeit zum opfer zum vögeln fehlt die kraft deine lust gilt den gedichten von jean krier dem buch dort auf dem von schlaflosigkeit zerwühlten laken ihr krankes herz war vian und krier gemein denkst du und dann sieht er dich im bad der spiegel in übergröße darin wirst du ein spiegelmensch unversehens verloren und gefunden vor dem finale in deinem leid still und schleichend dein schicksalstag ist da heute vor dem fin de partie der endlichkeit alles gedachten und vorgestellten bewusst zeigt der spiegel mehr als er sieht du sein und er sein und sie und es soi-même comme un autre die erkenntnis des homomorphismus und dass es umgekehrt richtig und gültig sei du das spiegelgesicht und es das du strukturverträglich du lächelst wenn es lächelt du streckst den arm mit zeigendem finger weil es den arm ausstreckt zeigend auf sich weil du weißt du bist das abbild und welt gleitet weg und du wirst eben nicht auf den kopf gestellt

was ist geschehen ein jetzt zerplatzt le jour où tout a basculé

und alles ist anders ein wimpernschlag und du bist das dem ich das ich erklärende ich da sitzt du in dir ohne spiegel nun und doch seid ihr zwei chin-chin sagt sie dir unpassend eine kaffeetasse entgegengestikulierend es ist bald mittag du bestellst das déjeuner jp sartre sie lacht ach der schon wieder und über deine schmieralien der vergangenen jahre spricht sie von versgewordenem schicksal nichts kommt zurück aus der lebenserinnerung was immer sie damit meint und der andere oder das andere löst sich aus dir sitzt mit euch am tisch des les deux magots salut mon pote déjà chié aujourd’hui paul verlaine ging hier ein und aus und rimbaud simone de beauvoir sartre picasso und françois truffaut und du in den neunzigern weißt du noch sagt sie wir schrieben uns nieder reimten uns einer am anderen das waren leichte zeiten zwischen wahnsinn und vernunft und viehischer sofortbegattung als der kopf noch erogene zone war vor der misshandlung der ideale und den träumen die nach einsamkeit schrien jedoch wir waren die spiegelmenschen immer nur vorstellung von uns so ist es nur natürlich dass wir sterblich sind wie alle anderen ideen jetzt erhitzen einsicht und der doppelte espresso deinen körper

das bordeauxrot der sitzbank verblasst hinter ihrem rücken mir geht es schlecht so blass bin ich so fahl und eingefallen wie ein winziges wintermüdes goldhähnchen einen schritt draussen noch unter der grünen markise wird meine spiegelwelt zu nebel die spätsommerluft gläsern und gespannt als ob vektorräume gleich

zerreißen sie erfasst meine hand und ich frage obgleich ich es begriffen habe wie kann es sein dass wir sterblich sind und sie fragt glaubst du an ein leben vor dem tod das überraschendste das ich jemals von ihr gehört habe und ich sage deine seele sehen beim blick in den Spiegel dein vortodkontakt mit dir selbst deine gewissheit es gibt ein leben vor dem tod aber was soll der unsinn pourquoi tu gâches ta vie du musst den spiegelmenschen in den spiegel zurückbannen die welt die ein spiegel zeigt ist die welt die in ihm vorhanden ist wir sind das abbild langsam beginne ich zu verstehen warum du von den gedichten kriers nicht loskommst

sagt sie es ist sein aufruhr gegen das sterben nicht wahr seine revolte der endlichkeit die dir ein fieber macht unruhe und trotz und wir gehen einen zweiten schritt und einen dritten weit wollen wir laufen bis zur rue dauphine ecke rue christine wo es den club le tabou nicht mehr gibt centre de folie organisée

jean krier ist tot und du wirst ihm folgen wie es wie sie wie ich

wie können wir ruhig schlafen mit dem wissen um vergänglichkeit ich habe endlich meine vorstellung von mir gesehen beim blick

in den spiegel zu viel zeit verloren zuvor jetzt glaube ich an das leben vor dem tod sie hält weiter meine hand ich finde es albern und wir schreiten in den kosmos der place saint-germain-des-prés

möchten noch einmal die rue bonaparte hinauf der turm der abbaye erscheint mir höher als sonst und childebert schwebt transluzent darüber ich stürze zu boden rieche warmen asphalt und den staub der welt in einer weltstadt sie blickt zurück sieht einen kellner

des deux magots monsieur fait un malaise lieber wäre ich im jardin de luxembourg unter dem taschentuchbaum erloschen oder unter einem balsambaum im parc national de la guadeloupe aber es ist einerlei wo und wann und deshalb pas de souci mein letzter blick touchiert ihre quietschgelben dianetten mit pfennigabsatz du zitterst also

und stirbst und feierst fröhliche urständ am nächsten morgen und mein letzter gedanke sucht meine tochter in der rückschau acht jahre alt strahlend und aufrecht sagt sie vorsicht vor menschen die sich mit dem zeigefinger der linken hand in der nase bohren das sind spiegelmenschen die fressen deine seele auf

 

 

***

 

Der Essay Sind wir nicht alle ein bisschen COPY & Paste? wurde beim KUNO-Essaypreis 2013 mit einer lobenden Erwähnung bedacht. Die Begründung findet sich hier. Die Redaktion verlieh Denis Ullrich für einen weiteren fulminanten Text den KUNO–Essay–Preis 2015.

Lesen Sie bitte auch: Fragmentarischer Versuch einer Prosaverortung und den Prosaüberflug Lost in Laberland.

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