Hungertuch 2017, Sparte Bildende Kunst für Roland Bergère

16. Juni 2017
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Ich glaube, es gibt kaum einen bildenden Künstler, der so beharrlich, so ausdauernd und systematisch, dabei so unprätentiös und ehrgeizlos an seinem Werk feilt wie Roland Bergère.

Umso erstaunlicher ist dies, weil es gewissermaßen um das Nichts, um ein Nichts kreist. Ein Projekt, das er zwischen 1981 und 2011 verfolgte, namens „Firmin Dynamo Désiré Caravaggio“, kurz: FDDC, bringt diese Idee bereits auf den Punkt – der Titel weist auf den Protagonisten einer Reihe von Texten, die Bergère immer wieder neu schrieb, ohne die alten Versionen zu behalten. So sagt er heute. Ich erinnere mich aber, dass FDDC das Konzept eines umfassenden Kunstprojekts war, das alle Teile der Bergère’schen Schaffens beinhaltete. Dass es nun im Orkus verschwand, ist nicht nur typisch, sondern hat Prinzip. Bergère sieht das gesamtes Schaffen im Spannungsfeld von Zeit (also Veränderung, Vergänglichkeit) und Verlust (also Verschwinden). Er hat für seine Philosophie die Metapher vom gestorbenen Stern geprägt, dessen Licht durch die Weiten der Galaxien noch unterwegs ist und letztlich zu uns gelangt, obwohl der Stern selbst längst erloschen ist. Dieses Licht, so Bergère, versuche er in seinen Arbeiten zu fassen und wiederzugeben.

Daran sieht man schon, die Kunstproduktion ist für ihn wie eine buddhistische Lebenspraxis, eine Meditationskunst, die er um ihrer selbst willen betreibt, jahrein, jahraus, ohne Ziel, er tut, was er tut.

Das Ausmaß des künstlerischen Gesamtprojekts Bergères ist für Außenstehende nicht mehr zu überblicken, geschweige denn zu durchschauen – unzählige Installationen, Künstlerbücher, Webprojekte und Ausstellungen sind Teil dieses Unternehmens. Bis in die frühen 1990er Jahre hinein malte Bergère noch Ölbilder – dass er damit aufhörte, ist bedauerlich, denn zu seinen teils großformatigen Bildwerken existierte nichts Vergleichbares. Sie befleißigten sich einer ganz eigentümlichen Motivik, die irgendwie – so platt das klingt – typisch französisch wirkte, vermutlich weil seine Figuren, oft putten-like, sich von Dekor und Skulptur der romanischen Bildwelten ableiteten, dem Personal der klassischen Malerei ebenso wie jenen Figuren, Figurinen oder Wasserspeiern, die Renaissancegebäude oder Kirchen schmücken. Das leicht Fleckige, Schmutzige mittelalterliche Gemälde oder architektonischer Gebilde, an denen der Zahn der Zeit nagt, schien diese Bilder zu prägen, ein keineswegs zufälliger Effekt, den Bergère nämlich durch den extensiven Einsatz von Kaffee und Eiweiß bewusst herbeiführte. Was zudem zur Folge hatte, dass auch der Geruch zu einem gleichermaßen adäquaten Ausdrucksmittel dieser Malerei wurde, vor einem Bild Bergères wähnte man sich wie in einem Seitengang der Florentiner Uffizien.

Zum Glück hat sich die faszinierend-verstörende Formensprache der Bilder in Bergères minutiös gestalteten Künstlerbüchern erhalten – sie sind geradezu Kleinodien bibliophiler Unikat-Kunst. Sein Zeichenstil, jetzt mit Aquarellfarben, Tinte und unvermindert oft Kaffee, Tee, Ei, entspricht seiner Malerei ganz und gar. Nur reduziert Bergère sich dabei auf die Details, die eine Figur, die eine Konstellation oder schräge Idee von hintergründigem Witz.

Denn nicht zuletzt erfahren die klassizistischen Zitate, die Anleihen an die große künstlerische Vergangenheit, zumeist eine ironische Brechung durch oft ganz banale Gegenstände oder Sachverhalte, popmoderne Zeichen und Signaturen, Engelsfigur konterkariert durch gelbes Quietscheentchen.

Mehrere Tausend überaus pointierte Zeichnungen verbergen sich in Bergères zahlreichen Künstlerbüchern – verbergen ist das richtige Wort: Denn es scheint fast, als seien diese Folianten als Versteck für diese ebenso sensible wie ausdrucksstarke Kunst gemeint. Man würde ihnen bisweilen wünschen, sie würden allesamt einmal aus dem sie bindenden Zusammenhang befreit und in einer umfassenden Ausstellung des zeichnerischen Werks ans Licht der Welt gezerrt. Meiner Ansicht nach kann man Bergère in seiner Bedeutung als Zeichner kaum überschätzen.

In seinen Ausstellungen der letzten beiden Dekaden hat er sich hingegen stark auf die Installation verlegt, unter Einbeziehung von Videos und anderer Medien, oft sehen diese Arbeiten aus wie unfertig: Die Stromkabel werden nicht verborgen, sondern hängen überall herum, drängen sich offensiv ins Auge des Betrachters: Seht her, ich bin Teil einer elektronischen Installation, ohne Strom funktioniert hier nichts …

Anders geartet, aber nur dem Anschein nach, ist die aktuelle Schau Um die Häuser – man könnte das für eine ganz strenge, ja klassische Anordnung kleiner Arbeiten auf Papier halten. Doch es handelt sich erneut um eine Installation im eigentlichen Sinne – die Exponate schaffen einen Raum, in diesem Fall einen geistigen Raum, der weit über die Blattgrenzen hinausreicht. Denn alles ist dem Konzept „Häuser“ unterworfen – was diese bedeuten können, was alles in der menschlichen Existenz als Behausung in engerem oder metaphorischem Sinne gewertet werden könnte. Hier zeigt sich auch, wie wichtig Texte in Bergères künstlerischer Arbeit sind. Sie fügen zur Bildebene noch eine weitere, allein sprachlich vermittelte Bedeutungsschicht hinzu. Nicht umsonst ist Bergère schon seit langer Zeit als Autor hermetisch-eindringlicher Prosaminiaturen tätig, leider ohne jeden Wert auf deren Veröffentlichung zu legen.

Zwei Beispiele möchte ich hier herausgreifen:

„La Porte / Die Tür“ ist eine kleine Arbeit, sie besteht aus einer Spieluhr und perforierten Fotostreifen, mittels derer man der Spieluhr spezielle Töne entlocken kann. Suggestiv schon das. Doch erst der Begleittext verrät, welch hintergründig-philosophisches Gedankenfeld Bergère hier aufspannt. Das Foto, das in Streifen geschnitten ist, zeigt den Eingang der Pariser Bibliothèque Nationale, eines Gebäudes, das natürlich nicht irgendein Haus ist, sondern ein Tempel des Geistes.

Walter Benjamin, so erfährt man weiter, besuchte diese Bibliothek nahezu täglich während seiner Exilzeit in Paris. Hier arbeitete er an seinem Hauptwerk, dem sogenannten „Passagenwerk“.  Für den Exilanten, den verfemten, gejagten, jüdischen Theoretiker vermittelte dieser Ort gewiss so etwas wie „Heimat“, eine intellektuelle Geborgenheit inmitten der historiographischen und philosophischen Werke, derer er sich dort bediente.

Die Mitgliedsnummer von Benjamins Nutzerausweis hat Bergère nun in das tonale System überführt, jede Ziffer eine Note, welche jetzt die mit den Lochstreifen gefütterte Spieluhr wiedergibt, eine kleine Geistes- und Geistermelodie also. So ist diese kleine Arbeit doch eine große. Denkwürdige und dabei spielerisch leichte Meditation über die Rolle von materiellen und geistigen Behausungen.

Bei „Partis – Gegangen“ hat Bergère Todesanzeigen ausgewertet, hat die bildnerischen Beigaben zu den Trauertexten aus diesem Zusammenhang herausgelöst und Vorhänge damit bedruckt. Diese einstmals hochaufgeladenen Grafiken – der Sonnenuntergang, das ablegende Segelschiff, Sterne,  ein altes verrostetes Tor, das halb aufsteht – sie werden nun schlicht zum dekorativen Muster einer Innenraumgestaltung. Die ursprüngliche Provenienz ahnt man nicht mehr, sie verlieren jede Bedeutung über ihre bloße Bildhaftigkeit hinaus.

Diese Beispiele mögen zeigen, welch komplexes Universum der Künstler Roland Bergère in seiner jahrzehntelangen beharrlichen Recherche erzeugt und ausgemessen hat, ähnlich einem Marcel Broodthaers oder einem Christian Boltanski ist er in der Wahl seiner Mittel, seiner Formsprache und seinen Inhalten ein künstlerischer Solitär, der weit mehr als ein Hungertuch verdient hat.

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Weiterführend →

Eine Liste der bisherigen Hungertuchpreisträger finden Sie hier. Durch einen Klick auf den Namen gelangen Sie zu den Würdigungen der einzelnen Artisten.

Twitteratur, eine Anthologie. Erweiterte Taschenbuchausgabe mit der Dokumentation des Hungertuchpreises. Herausgegeben von Matthias Hagedorn, Edition Das Labor 2016.

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