Citizen Welles

6. Mai 2015
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Ein Zeitzeichen der KUNO-Redaktion: Heute wäre Orson Welles 100 Jahre alt geworden. Dieser Pionier durchlebte alle Medienformen des 20. Jahrhunderts. Seine Karriere begann am Theater. Er wurde durch seine Arbeit für das Radio bekannt und produzierte mit seiner Theatertruppe Literaturklassiker, den Auftakt des Mercury Theater on the Air bildete am 11. Juli 1938 Dracula. Landesweite Bekanntheit erlangte er durch das Hörspiel War of the Worlds nach der Vorlage des Science-Fiction-Romans Der Krieg der Welten von H. G. Wells, das am Halloween-Abend 1938 ausgestrahlt wurde. Diese fiktive Reportage soll bei ihrer Erstausstrahlung am 30. Oktober 1938 an der Ostküste der USA eine Massenpanik ausgelöst haben. Das „Wunderkind” wurde von der Produktionsfirma RKO nach Hollywood gelockt, was das gleichzeitige Arbeiten für Film- und Radioproduktionen verkomplizierte. Als bisher einziger Autor/Regisseur erhielt Orson Welles von seinem Filmstudio eine  „Carte blanche”. Dadurch war er in die Lage, einen Film seiner Wahl vollständig nach seinen eigenen Vorstellungen zu drehen. Obwohl von Kritikern gelobt und bis heute verehrt, blieb Citizen Kane der große Erfolg verwehrt. Citizen Kane besticht auch heute durch seine multiperspektivische Erzählweise, seine theatrale Optik und die Finessen des Soundtracks bei dem die Erfahrungen aus dem Hörspiel hervortreten – Welles kombinierte hier alle Medienformen in übergreifender Weise.

A.J. Weigoni widmete Orson Welles mit Kopfkino ein WortVideo für eingeweihte Ohryeure. Im Paralleluniversum 2001 taucht eine bis dato unentdeckte Fassung von Herz der Finsternis, dem ersten Orson Welles–Film, aus den unergründlichen Tiefen eines Sammlerarchivs wieder auf. Restauriert, denn die Benutzeroberfläche des Spektakelkinos muß neuesten Standards entsprechen, damit der Markenkern ästhetisch nicht desavouiert wird. Georg Kaplan, ein Journalist wider besseres Wissen, bekommt durch Zufall den Auftrag seines Lebens. Er beginnt mit seinen Recherchen und stellt bald fest, daß etwas nicht stimmt, die wieder aufgetauchte Herz der Finsternis–Fassung ist offensichtlich eine Fälschung. Weigoni heftet sich auf die Spuren des Cineasten und entdeckt in den glatten Oberflächen eines Kapitalismus der Bilder eine paradoxe vitale Aufladung und Leblosigkeit zugleich: Ungläubigkeit, wiederholte Prüfung der Fakten. Diese Novelle ist ein Schlag gegen das Textkino.

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Cyberspasz, a real virtuality, Novellen, Edi­tion Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2012.

Zombies, Erzählungen, Edition Das La­bor, Mülheim an der Ruhr 2010.

Vignetten, Novelle, Edi­tion Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2009.

Eine Reaktion auf Cyberspasz, a real virtuality kann man auf kukultura-extra nachlesen, zusätzlich kann man ein Hintergrundgespräch auf Lyrikwelt.de lesen. Ein nicht minder lesenswerter Essay findet sich auf fixpoetry. Eine Leseprobe findet sich hier und Probehören kann man eine Rezitation von A.J. Weigoni auf MetaPhon die durch Tom Täger vertont wurde.

 

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