Axel Kutsch, Lyriker

23. Juni 2014
Von

Vorläufiges lautet, betont schlicht und einfach, der Titel jenes ersten Bändchens, dem bislang, wir schreiben das Jahr 2014, in dem Axel Kutsch, wenn ich richtig rechne, 69 wird, 69 – eine rundum runde Zahl, eine Zahl zum Lieben schön, zehn weitere Gedichtbücher gefolgt sind, von denen vor allem Wortbruch sowie Ikarus fährt Omnibus besondere Beachtung gefunden haben. Die freimetrische und reimlose Lyrik der ersten Gedichtbände aus den 1970er/80er Jah­ren ist von einem zeit- und gesell­schaftskritischen Ton geprägt, der nach 2000 gelegentlich auch wieder Eingang in die Verse von Kutsch findet. Seit den 1990er Jahren sind die Gedichte spieleri­scher, ironischer, unernster geworden. Kutsch erweist sich als Mei­ster des zuste­chenden Verses, der im Gewand geschmeidiger Harmlosigkeit immer wieder ätzende Wirkung auslöst:

Unter Kollegen

Immer wenn’s regnet,
schreibe er ein Gedicht.
Bei Sonnenschein,
sagt er, schreibe er nicht.

Ich möchte ja
nicht gehässig sein.
Ich wünsche ihm
immer Sonnenschein.

Kritische, garantiert moralinfreie Spurenelemente gehn auf sub­tile Art im Amalgam des liedhaft gereimten, zumeist kurzen, oft in Strophen mit vier Versen abgeteilten Gedichts auf und rufen so einen noch stärkeren Effekt hervor als die politisch engagierten frühen Gedichte mit ihrer klaren Botschaft. In Wort­bruch und Ika­rus fährt Omnibus mündet das leichtfüßig rhythmi­sierte, klang­volle Gedicht immer wieder in fun­kensprü­hende, iro­nisch gebro­chene und Heiterkeit auslösende Metalyrik, über die vor allem Kraus sich kaputtlacht. Kutsch provoziert in den Versen und Stro­phen die Konfrontation mit dem Gedicht, dessen grundsätzliche Existenzberechti­gung als Artefakt infrage gestellt wird, um diese mit jeder Strophe um so energischer zu bejahen. In doppelbödig angelegten, konter­karie­renden Versen, die oft auf verblüffende Pointen hinauslaufen, sucht er den Dialog über das Gedicht. Dabei werd ich mit arglos und naiv wirkendem Reim oder hübsch anzu­sehender visueller Poesie auf den lyrischen Leim ge­lockt, bis mir jedes lustige Hören und idyllische Sehen vergeht. Die Welt wird unablässig auf den Kopf gestellt, gerät konsequent aus den Fugen. Eisberge gehn un­ter, während die Tita­nic mit vergnügten Passagie­ren im Hafen von New York ein­läuft. Wer sich auf die Gedichte einläßt, kann bereits nach der Lektüre weniger Wörter an die Ab­gründe deutscher Ge­schichte navigiert werden. In der Ausei­nan­dersetzung mit Dichtern ver­schiedenster Herkunft – Gottfried Benn, Emily Dickinson, Jo­seph von Eichen­dorff, Jo­hann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine, Eduard Mö­rike, Walther von der Vogel­weide, William Carlos Williams u. a. – sowie der Beschäfti­gung mit lyrischen Traditionen zeigt der pas­sionierte Lyrikleser Kutsch, wie produktiv die Rezep­tion von Gedichten sein kann. Er demontiert Wörter und Verse gan­zer Ge­dichte, setzt sie neu zu­sammen, konfrontiert mich unver­mittelt mit althochdeutsch, nor­disch, slawisch klingen­den Tönen, wobei die ›neuhochdeutsche Übertragung‹, auf den Kopf gestellt, gleich mitgeliefert wird. Au­genzwinkernd, la­konisch, verschmitzt ködert mich Kutsch in allen elf Büchern (die, nota­bene, mehrheitlich im Verlag Ralf Liebe erschienen sind), die ge­mein­same Ent­deckungsreise in die Ge­dichte zu wagen, Hohlräume abzuklopfen, Zwischentöne wahr­zunehmen, exotischen Klängen zu lauschen, im alltäglich Banalen Erhabe­nes zu ge­wahren. Lesen Sie selbst:

Vorläufiges ∙ 1974

Aus einem deutschen Dorf ∙ 1986

In den Räumen der Nacht ∙ 1989

Stakkato ∙ 1992

Doppelt lautmit Rainer Rubin ∙ 1993

Zerbissenes Lied ∙ 1994

Einsturzgefahr ∙ 1997

Wortbruch ∙ 1999

Fegefeuer, Flamme sieben ∙ 2005

Ikarus fährt Omnibus ∙ 2005

Stille Nacht nur bis acht ∙ 2006

 

***

Anmerkung der Redaktion: Theo Breuers Porträt ist der zweite Teil des Essays Axel Kutsch spannt Versnetze übers Wortland und erschien zunächst in Matrix 36, die sich schwerpunktmäßig dem Lyriker und Herausgeber Axel Kutsch widmet; nach der Würdigung Friederike Mayröckers (Matrix 28) und dem Sonderband zu Hans Bender (Matrix 29) ist Matrix 36 die dritte von Theo Breuer edierte Matrix-Ausgabe.

Eine weitere Würdigung des Herausgebers und Lyrikers Axel Kutsch im Kreise von Autoren aus Metropole und Hinterland steht als eBook zum Download bereit.

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