Pulp-Poesie

19. Juni 2014
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Ist in einem völlig ausdifferenzierten Literaturbetrieb noch eine Überraschung möglich?

Zuweilen schon. Klicken Sie auf das unabhängige Audioportal Buchsurfer, das nach nach einer Idee von Thorsten Schäfer gestartet worden ist. Auf diesem Portal finden Sie knackig kurze Buchtips, die in die papiernen Wüsteneien des Rezensionsfeuilletons wie ein Blitz einschlägt – und dieser Wellenreiter hat einen Clou, jedes Buch wird mit einem kurzen Ausschnitt von der prägnanten Stimme von Andreas Göx vorgestellt. Er bevorzugt eine Literatur, die unterschiedlichen Weisen des Zugriffs auf die Realität haben. Diese Type hat eine ultralässige „Berliner Schnautze“ und die Art seines Vortrag ist kunstfern aber sehr direkt, es kommt ein Metrolekt zur Sprache, der aus einer Mischung vieler unterschiedlicher Mundarten entstanden ist. Sicherlich nicht jedermans Sache aber unglaublich eigentlich.

Mode is et heute, det die meisten Leute schimpfen uff det ‚Babale an der Spree‘. Dieset Wujekeife, det ich nich bejreife, duht mir in de tiefste Seele weh. Hat ooch seine Reize – wat ick ohne Neid seh – München, Frangfurt, ‚Dräsen‘ und Polzin: det war wirklich klassig, wat patent un rassig, Mensch! det jiebt et doch bloß in Berlin!“

Walter Mehring

Auf Buchsurfer findet sich auch ein Hinweis auf das Gossenheft Monster – „Unsere netten Nachbarn von nebenan“ mit dem freundlichen Hinweis: „Weigonis Sammlung von Kurzgeschichten wurde im Format eines Groschen Romans veröffentlicht und ist ein Stück Subversion im Literaturbetrieb.“

Die Art und Weise, wie Andreas Göx den Proll aus dem Band Monster interpretiert, kann man durchaus als kongenial bezeichnen, harsch, kantig und ein wenig laid back. So ganz anders, als die Inzenierung der Zombies von Weigoni, dennoch treffend. Hören Sie zum Vergleich die Umsetzung des VerDichters auf Metaphon.

Mit „The Walking Dead“ ist das Trash-Genre Zombies seriell geworden. Die Frage ist, kann man daraus gute Literatur machen? Die Antwort lautet ja. Und zwar A.J. Weigoni, der in seinen neuen Erzählungen „Zombies“ zeigt, dass es keinen Virus oder Totenkult braucht, um aus uns allen Zombies zu machen.

Jessica Dahlke

Die Stories von A.J. Weigoni in dem vergriffenen Band Monster waren die Entwurfsskizzen, aus denen dieser Romancier die Erzählungen für den Band Zombies entwickelt hat. So unterschiedlich die Ausführung ist gilt damals wie heute: Sprachlich auf das Wesentliche reduziert, Erzählungen, die ihrem Namen gerecht werden. Hier ist auf die verführerischste Art gemischt, was alle Welt am nötigsten hat, die drei grossen Stimulantia der Erschöpften, das Brutale, das Künstliche und das Idiotische. Und wie sagte Margaretha Schnarhelt: „Diese Erzählungen sind voller Humor und streckenweise so schwarz, daß sie unter der Kohlenkiste noch einen Schatten werfen würden.“

 

 

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Links zu Zombies: Kultura-extra, nrhz, fixpoetry

A.J. Weigoni regte den Verleger Dietmar Pokoyski 1989 dazu an, sogenannte Gossenhefte ins Verlagsprogramm aufzunehmen. Das erste Heft dieser Reihe, die Erzählung Jaguar, überarbeitete Weigoni als Neo-Noir-Novelle Der McGuffin – Nachruf auf den Kriminalroman für das Buch Cyberspasz, a real virtuality weiter. Weiteres auf kukultura-extra, zusätzlich kann man ein Hintergrundgespräch auf Lyrikwelt.de lesen. Ein lesenswerter Essay findet sich auf fixpoetry. Eine Leseprobe findet sich hier und Probehören kann man eine Rezitation von A.J. Weigoni auf MetaPhon die durch Tom Täger vertont wurde.

Ein vertiefender Artikel von Betty Davis zum Thema Gossenhefte findet sich hier. Die Hörfassung unter dem Titel Blutrausch hören Sie in der Reihe MetaPhon.

Die erwähnten Gossenhefte sind vergriffen und werden unter Sammlern für Preise um 20,- Euro gehandelt. Die sorgsam edierten Erzählungen und Novellen sind erhältlich:

Cyberspasz, a real virtuality, Novellen von A. J. Weigoni, Edi­tion Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2012.

Zombies, Erzählungen von A. J. Weigoni, Edition Das La­bor, Mülheim an der Ruhr 2010.

 

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In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsmöglichkeiten von populärkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay Perlen des Trash stellt diese Reihe ausführlich vor. Dem Begriff Trash haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer öffentlichen Institution. Daher sei sei Enno Stahls fulminantes Zeitdokument Deutscher Trash ebenso eindrücklich empfohlen wie Heiner Links Vorwort zum Band Trash-Piloten.

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