Die Wirklichkeit von Liebe, Leben und Tod

31. August 2014
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Lieber France! Jetzt, da ich am frühen Morgen hier in Wien Dein Gedicht „Im Hotelzimmer“ aus Deinem Gedichtband „Osmi dan v tednu“ (Der achte Tag in der Woche) lese, in den Du am 22.9.1989 nach unserer gemeinsamen Lesung in Ljubljana/Laibach eine Widmung – „Meinem lieben Freund Peter Paul“ – hineingeschrieben hast, erschrecke ich wieder, genauso wie damals, als ich dieses Dein Gedicht zum ersten Mal von Dir gelesen habe.

Welch eine Reduktion auf die nackte Lebensrealität, aber zugleich welch eine Dimension der Wahrheit ist in diesem Gedicht und wird völlig unsentimental, eben lakonisch als Tatsache ausgesprochen; ein wenig Traurigkeit – oder besser: Trauer – schwingt vielleicht mit, darüber, daß eben „das alles“ so ist wie es ist. Lakonisch beginnt das Gedicht mit der Beschreibung einer Augenblickssituation: „Ein Gedicht schreiben im Zimmer eines Hotels …“. Nichts Besonderes, denkt man. Das könnte im Parkhotel in Bled gewesen sein, wo wir einander so oft bei den PEN-Konferenzen getroffen haben.

Aber dann saust ein Satz nieder wie ein Beil, wie eine Guillotine auf den Hals des Delinquenten, des Menschen: „… jeder muß mit sich selbst fertig werden / Kraft genug muß er finden zur rechten Zeit …“. Also: Man ist ganz auf sich allein gestellt. Und man muß sich rechtzeitig wappnen für die kommende Zeit, für Schicksalsschläge, für die unausweichliche Tragödie oder auch Banalität des Todes, vor allem des eigenen Todes. Das Lebensende ist Gewißheit, wie sonst nichts im Leben. Dazu die Erkenntnis: „… nichts gehört dir, alles ist nur geschenkt / für den Augenblick einer Wirklichkeit …“. Und dann wiederum der Einbruch der Wahrheit, radikal und lapidar zugleich, mit den Worten: „… niemand kann dir helfen beim Sterben / niemand kann leiden für dich …“. Das ist die nackte Wahrheit; Du würdest sagen: Das ist ganz einfach die Wirklichkeit, die Lebensrealität.

Du hast sie erfahren: in der Folterkellern der Gestapo, in den Gefängnissen, in den Konzentrationslagern Dachau und Mauthausen; nachts in den Baracken und wenn man am Morgen die Leichen hinaustrug und die Menschenkörper auf einen Haufen stapelte. Du hast sie erfahren auf der „Todesstiege“ von Mauthausen, die vom Steinbruch hinaufführt zum Appellplatz des Lagers. Gemeinsam sind wir mit Deiner lieben Frau Nada und einem Deiner Söhne einmal an einem 8. Mai bei der Befreiungsfeier den ganzen langen, beschwerlichen Weg Stufe für Stufe schweigend hinaufgegangen, haben uns an den Händen gehalten und waren in Gedanken und im Gedenken gleichzeitig hier und anderswo; Du sicher bei Deinen Kameraden, die nicht mehr lebten, die nicht überlebt hatten. Oben dann das gewaltige Oratorium, eigentlich ein Requien, „Mauthausen“ von Mikis Theodorakis; er dirigierte selbst, dieser großartige Mann. Und wir standen da, gemeinsam und doch jeder auch für sich allein; Du vor allem. Nie habe ich eine Träne bei Dir gesehen oder sonst ein Zeichen der Rührung. Das hatte nichts mit Abgebrühtheit zu tun, sondern mit Deiner Lebensrealität.

Was hat das alles mit „ein Gedicht schreiben im Zimmer eines Hotels“ und überhaupt mit dem Schreiben eines Gedichts zu tun? Hier in Deinem Gedicht, in dem Du von all dem schreibst, in dem Du Dich nicht nur erinnerst in diesem Augenblick und die in Dir schon seit langem gewonnene Erkenntnis ausdrückst, indem Du von der Tatsache des Leidens, des Sterbens und des Todes und doch auch zugleich von der Liebe und von der Poesie sprichst. Was hat das alles miteinander zu tun: „Niemand kann leiden für dich, / und das ist so einfach, so billig, so pervers, / so dumm, wir haben einen Mythos gebaut / aus Sterben und Dichten, / als wäre es leicht zu sterben in grosser Pose und feierlich, / als wäre es leicht, sein Gedicht zu schreiben / im Zimmer eines Hotels, so allein, so nackt, so verlassen.“ Die bittere Wahrheit – des Lebens, des Todes? Nein, ich dürfte das so nicht sagen, nicht unwidersprochen von Dir. Du würdest das Gesagte und mich zurechtrücken. Vielleicht würdest Du ansetzen mit dem Satzbeginn: „Damals in Mauthausen …“. Und dann, so wie bei und mit Dir erlebt, abbrechen; als würdest Du Dir selber das Weitersprechen, jedes weitere Wort darüber verbieten. Ich erinnere mich an die bescheidene Gedenkfeier, als die Gedenktafel für die 68 Opfer des Aufstandes von Begunje an einer Mauer in Mauthausen enthüllt wurde. 68 Menschenleben ausgelöscht, mit einer Maschinengewehrsalve, in einem einzigen Augenblick. Du hast diesen Ausgelöschten, den slowenischen Opfern des Naziregimes, Dein weiteres Leben gewidmet, als Historiker, hast Namen aufgezeichnet, Schicksale offengelegt und begreifbar gemacht.

Fast nie haben wir „über all das“ gesprochen. Wir wußten es und verstanden einander als Freunde und Gesinnungsmenschen sowieso. Wir waren uns immer nahe. Aber auch wenn wir beisammen waren, so war doch jeder zugleich auch bei sich selbst. So wie wir damals am Bachern oben bei eurem Häusel nach dem Grillen und bei einigen Gläsern Wein noch beisammen gesessen sind und miteinander gesprochen haben. Die anderen waren schon ins Haus gegangen. Es war schon kühl geworden. Aber der Himmel über uns war wunderschön. Rundherum Wald, Hügel, Berge; unten das Tal. Und wir redeten und schwiegen dann eine Weile, waren im Reden und im Schweigen einander nahe. Eine Selbstverständlichkeit war damals dieses Zusammensein mit Dir für mich, ein schöner, vielleicht besonderer Abend, mehr nicht. Heute weiß ich es: Es war mehr, viel mehr. Dieses, ein solches Zusammensein mit Dir als Freund, mit dem Altösterreicher und dann überzeugten Jugoslawen, mit dem ehemaligen Widerstandskämpfer und KZ-ler, der überlebt hatte, mit dem Historiker und Dichter, das hatte eine weit darüber hinausreichende, gewaltige Dimension: eben jene von der „Todesstiege“ im KZ Mauthausen bis zur Schönheit dieser gemeinsamen Nachtstunde unter einem wunderbaren Sternenhimmel.

Und dann schreibst Du ein Gedicht wie dieses. Auch darin bricht wiederum eine ungeheure Dimension auf: jene Deiner Lebensrealität, des Lebens überhaupt. Liebe, Leben, Schönheit (Poesie), Verlassensein, Sterben, Tod. Noch immer erschrecke ich, wenn ich dieses Gedicht „Im Hotelzimmer“ lese; auch nach Jahrzehnten. Aber ich verstehe Dich und dieses Gedicht; diese Gleichzeitigkeit, das Nebeneinander „von allem“ im Leben. „Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang…“ schreibt Rilke in einer seiner Duineser Elegien. Wie wahr! „Das Eine ist das Eine; und das Andere ist das Andere“ – würdest Du mir jetzt mich vielleicht korrigierend und klarstellend sagen. Und hinzufügen: „Und doch ist beides Eins“.

„Ein Gedicht schreiben im Zimmer eines Hotels …. alles ist nur geschenkt, für den Augenblick der Wirklichkeit …“. – Und dann fügst Du noch abschließend hinzu: „und ich muß schreiben mein Gedicht bis zum Ende, um fortgehn zu können von hier …“.

In Deinem 90. Lebensjahr bist Du gestorben. Ich weiß nicht wo und wie. Ich denke und hoffe, daß Nada bei Dir war, Deine liebe, gute Frau, diese „Seele von Mensch“. Ich hoffe, Du warst nicht allein; nicht so allein wie in diesem Augenblick im Zimmer eines Hotels, so wie hier im Gedicht. Du mußtest nicht zurückkehren zu Dir im Augenblick des Todes, Du warst sowieso immer bei Dir und bei ihm; lebenslang; und zugleich in der Liebe und mit Liebe.

Jetzt halte ich Dein Buch in meinen Händen, blättere darin, lese das eine oder andere Gedicht. Aber keines ist so wie dieses, das ich jetzt bedacht und von dem ich hier geschrieben habe. Keines spricht so wahrheitsgemäß radikal und doch zugleich lapidar von der Wirklichkeit des Lebens; eben vom Leben überhaupt.

***

France Filipič, geboren am 21.7.1919 in Maribor, gestorben am 6.4.2009. Schriftsteller und Historiker. 1944/45 KZ-Häftling in Dachau und Mauthausen. Nach seiner Befreiung widmete sich Filipič der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte slowenischer Mauthausen-Häftlinge.  Akribische Recherchen zu den Einzelschicksalen von mehr als 4000 Deportierten lieferten den Inhalt für sein im Jahr 1998 in slowenischer Sprache erschienenes Buch „Slovenci v Mauthausnu“ (Ljubljana 1998). Verfasser mehrerer Gedichtbände, darunter eine Gedichtsammlung aus Mauthausen.

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Über den dezidiert politisch arbeitenden Peter Paul Wiplinger lesen Sie hier eine Würdigung.

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