Die Rotationsachse der Sprachen

31. Mai 2014
Von
Gründliche, eindringliche Gedankenarbeit mit präziser Darstellung und Formulierung.
 P.P.Wiplinger

Die Wortspielhalle ist eine Dialogkantate zwischen zwei vielseitigen Poeten (Sophie Reyer aus Wien und dem ungarischen Rheinlander A.J. Weigoni). Diese Sprechpartitur zeigt die beiden Künstler als schreibende Leser und lesende Schreiber, denen nichts fremd ist. Sophie Reyer ist eine Alchimistin der Worte, die den Stoff der Wirklichkeit destilliert, bis nur noch die mythische Essenz der Welt übrig bleibt. Wörter werden zerlegt, aufgespalten in Silben, Konsonanten und Vokale. Sie balanciert die Worte über ein Silbengeröll, das unvermittelt herabstürzen kann. Es scheint so, als nehme sie jeden Satz, um ihn über Eck zu legen und auf seine Haltbarkeit zu prüfen. Buchstaben sind gleichsam theatralische Ereignisse, sie verbinden sich mit den subtilen, aber auch perkussiven Klängen und Geräuschen.

Weigoni weiß, wie man Dichtung zu Klang macht. Er bringt Ausdruck und Struktur in Einklang, instituiert damit eine auratische Zeichenhaftigkeit dodekaphoner Expressivität und verändert die Sprache mit jedem Sprechen. Die Zeichen geraten in Schwingungen, feste Beziehungen zwischen dem Bezeichneten und dem Bezeichnenden lösen sich auf. Reyer zeigt das Substanzielle im Alltäglichen. Weigonis Sätze, beginnen in ihrer syntaktischen Üppigkeit meist bei einem Sinneseindruck, ragen am Ende jedoch immer in eine groteske Unwirklichkeit hinein.

„Haluzi\Nation = Auf einer sightseeingtortour stossen die hypermodernen Menschen auf gespaltene Versöhnlichkeiten in der = Hauptstadt der Bewegung. An der Feldherrnhalle mutieren Touristen in einer paranormalen Existenz zu Terroristen, und schiessen = ihr Motiv.“

Das Vokabular dieser Poeten wird dadurch so farbenreich wie die Palette eines impressionistischen Malers, und ihre Metaphern sind betörend wie der schwere Duft von Rosen, der unsere Sinne benebelt. Es ist eine vitale Form der Sprache, eine Literatur, die der Sprache auf die Finger schaut, sie zugleich ihrem eigenen Gefälle überläßt und damit entfesselt. Reyer zeigt das Substanzielle im Alltäglichen.

:

hello, kitty

oder aber:

Manga Kater für das

zeitalter des pissens, peter

pan syndrom heißt der

neue code,

oder?

(ein

kind isst seine

hände und

vergisst sich.)

 

Auf der Rotationsachse der Sprachen kann man bei Reyer und Weigoni den Unterschied zwischen der österreichischen und der deutschen Sprache lesen. In einer großen Sprachfamilie haben die Mitglieder der Familie, die am Rand leben und die sich bereits vermischen mit fremden Sprachen, eine andere Schieflage zur Wirklichkeit, auch eine andere Obliquität zur Sinnlichkeit. Das Österreichische ist leichtfüßiger und auch a bissl schlampiger, in der Schlampigkeit aber manchmal im Ungefähren auch präziser. Deswegen gibt die Wiener Schule, die eine sehr geglückte Dialektdichtung hat, da das Wienerische sich sehr dazu eignet und eine große Präzision hat – übrigens das Rheinländische auch – aber dann sind wir auch schon durch mit den deutschen Dialekten. Die Mundart ist weicher und sie ist anschmiegsamer und hat natürlich auch ihre Unverbindlichkeiten und manchmal auch Nachteile.

“So schauts aus, sammer sichs ehrlich¡”

Reyer und Weigoni schaffen etwas, das vielen anderen Autoren wohl verwehrt bleibt: Sich neu zu erfinden, ohne die Qualität zu verraten. Die Experimente, die Verweigerungshaltung gegenüber mehr vom Gleichen, das alles zeugt von einer Haltung, die Mittelmaß vermeidet. Sie treiben ein parodistisches Spiel mit postmodernen Theoriefragmenten, wechseln zwischen verschiedenen Dialekten. Verstehen wollen führt hier nicht weit, narrative Strukturen werden dauernd verwischt, Abstraktion prallt auf Körperlichkeit. Mit ihrer Frage, wie es ist, im 21. Jahrhundert ein Poet zu sein, artikuliert sich ein antireduktionistischer Antrieb, der Einspruch dagegen erhebt, psychische Phänomene mit physischen Prozessen umstandslos gleichzusetzen: Es ist eine Illusion, zu glauben, die Welt lasse sich vollständig beschreiben, wenn die Wirklichkeit erlebender Wesen, als deren Repräsentantin die Queen of the Biomacht zu Ehren kommt, allein mithilfe chemisch-physikalischer Naturgesetze zu erfassen versucht wird. In solch poetischen Beschreibungen sind die unzerlegbar  subjektiven Phänomene – Tatsachen eigener Ordnung – längst verschwunden. Die aktuelle Hirnforschung scheint allmählich zu bemerken, daß die Aufzeichnung elektrochemischer Vorgänge keinen Gegenstand namens Geist oder Erleben herbeizuzaubern vermag. Mit einem Satz: die Wortspielhalle verschafft  eine Sensibilität für die Diversität von Gesellschaft, Leben und Poesie.

 

 

***

 

Weiterführend →

Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. In ihrem preisgekrönten Essay Referenzuniversum geht sie der Frage nach, wie das Schreiben durch das schreibende Analysieren gebrochen wird. Vertiefend zur Lektüre empfohlen, das Kollegengespräch :2= Verweisungszeichen zur Twitteratur von Sophie Reyer und A.J. Weigoni zum Projekt Wortspielhalle. Hören kann man einen Auszug aus der Wortspielhalle in der Reihe MetaPhon.

 

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