Marias, Auszug

26. September 2013
Von

habe sie nicht gewusst wohin mit ihrer verzweiflung oder das ist zumindest die stimme die übrig blieb/ den mundtod weitergeben an das was aus der gebärmutter raus/ und ihr in eine welt geflutscht in der sie kein stimmrecht gehabt habe/ also sie nicht sie nicht auch sie nicht und deshalb gabs keinen unterschied/ sprechen wir von 1787 bis 1849/ das häufigste tötungsdelikt der frühen neuzeit und unverheiratet/ mundtote kindsmörderin/ lippen abgezwickt/ den säugling mit der nabelschnur erhängt habend und sei das zurückzuführen auf sozialwirtschaftliche faktoren wie/ dienstbotenmädchen die von ihrem landwirten penetriert werden mein land deine vagina meine vagina nein/ und sie habe dann nicht gewusst wohin mit ihrer verzweiflung weil sie ihr die sprache genommen und dann auch noch ihr loch/ da sei sie ins loch/ da habe sie anstatt ihres kopfes nur mehr eine ausgehöhlte rundung gehabt oder so aber auch das lässt sich schwer sagen ohne sprache und was immer sie versucht darüber zu schreiben wird falsch sein denn sie ist analphabetin sie betet/ duckt sich untern zipfel der muttermaria/ mutter wenn ich nur an deinen zehennägeln lutschen darf aber bin ich nicht würdig und/ erwürg deshalb dieses bündel leben mit der nabelschnur da ist nichts als die weite des feldes und wohin sich fortlaufen lässt daran darfst du nicht denken/

aber die sozialen netzte die bestanden/ die gebär- und findelhäuser in innenösterreich wie laibach triest und es graust ihr vor sich selbst wie wenn sie die pest befallen hätte der ranzige geruch aus ihrem geschlecht aber muttermaria wenn ich mich nur an deine fußsohlen binden könnt lass mich nicht entbinden/ bitte/ der mundtot sollte bitter schmecken aber da ist nichts/ nur stumm/ lippenamputiert in die luft intonieren/ mümmelmutter und die nabelschnur um den faltigen hals des kindes das uralt aussieht und schreit wie du weils keine stimme hat/ wir haben 1787 und diese jahreszahl hast du nie schriftlich gesehen aber was du kennst sind deine hände bei der arbeit/ die kerben an der handrückenhaut wie die linien der ackerfurchen/ wenn das rückgrat ach macht als seis sensibel wie fischgräte/ sich biegt und beugt unterm kreuz deiner arbeit wie morscher baum aber du weißt nichts von der schönheit der metapher/ und die netze in die du fortlaufen könntest wären in laibach oder sagen wir triest und in der steirischen landeshauptstadt/ vier klassen system und du brauchst auch die hostie der zehn kreuzer nicht hergeben wenns dich kreuzigt/ denn unentgeltlich ist die vierte klasse aber frauen deiner klasse wissen nichts davon oder/ die scham und dem loch nicht entkommen wollen das alles auflutscht und schließlich auch dich durch deine große schuld/ muttermaria ich liebs an deinen zehennägeln zu saugen und du faltest deinen mantel über mir aus wie zelt/ und vergib mir die schuld die die anderen mir zugefügt haben die schwer ist wie meine schultern/ und richte mir das rückgrat gerade aber/ amen

und wenn du gewusst haben würdest von der geburtsanstalt/ wüsstest du auch wie sie dich als anschauungsmaterial vorgeführt hätten als wärst du vieh/ aufgeschwollene gebärmutter ohne mund/ riesenwunde die fiepst nach der ewigkeit von der sie nichts weiß als was die anderen ihr erzählen/ also dass sie besser ist als was ihr hier/ damals flutschten also nur 160 frauen pro jahr aus den müttern die in den gebärhäusern lagen und als lebendige phantome dienten/ guckmal wie ihr der schmerz aus den augen als wär sie kuh/ sähe man da wie die frau die erbsünde abbüßt mit händen und mit füßen/ so ists geschrieben in den orgelchorälen/ und amen/ während die geburtsrate der unehelichen kinder um die 2 500 pro jahr betragen/ aber so schwach bist du nicht/ brustwarzenmonster mit dem aufgeblähten euterbauch/ was dich unterscheidet vom herdenvieh ist nichts als eine sprache die du gehabt haben könntest aber vergiss denn auch das ist geschichte/ im wahrsten sinne eines wortes von dem du nichts weißt/ also weiter du euterweib

sei das auch zurückzuführen auf bürokratische hindernisse meinen die historiker und die innen von denen nicht viel gesagt sein wird außer dass sie zur quote beitragen/ aber amen/ immerhin hat sich der joseph der zweite doch mühe gegeben oder/ nein/ weil dass die muttermaria ihren goldbestickten mantel wie zelt ausbreiten tut über das arme frauenvieh/ also da kann man doch nicht immer sicher sein/ nein/ in der zeitspanne fanden sich dann 9 frauen die angeklagt im landesgerichtsbezirk eggenberg/ und das bist immer du nein ist immer sie/ also sie sie oder sie aber sie zieht sich damit nur stimmen an die sie nicht hat/ stimmen wie kleiderschichten/ schürzenstimmen/ ihre schicksale werden parallel laufen oder kreuzweise/ gekreuzigte vagina/ die sargnägel sind aus festgefrorenem menstruationsblut/ und sie habe nicht gewusst wohin mit der verzweiflung sagt sie und weiß dabei nichts von der schönheit der metaphern/ und das schicksal so nennt man es doch/ das ist variation und immer mit der coda von „ich bins ich sollte büßen“ und einer kadenz in c- dur/ dass das herze sich erhebt unterm rocksaum der gottesmutter/ die variation ist nie eine entwickelnde/ aber was macht das schon schließlich gibts genug davon in der musikgeschichte/ und einer muss eben herhalten/ also warum nicht sie sie oder sie was auch keinen unterschied macht/ genausowenig wie bei den kompakten körpern der gebärmaschine kuh/ komm süßer tod komm

selg´e ruh/

hinter all den kriminaluntersuchungen finden die innen der historikerinnen menschliche tragödien & führen diese zurück auf soziale und wirtschaftliche verhältnisse/ aber damit hat sie nichts zu tun/ sie kennt nur das loch der schuld die sie sich angezogen hat wie eine frische schürze/ und sie hat alle möglichen namen damits so aussieht als könnte ihr eine stimme geliehen werden/ wie/ maria anna/ nach der großenmutter und mögen ihre zehennägel ewig schimmern als wären sie aus elfenbein/ komm ich polier dir deine füße auf mit der zunge damit du mich unter deinen mantel himmelszelt lässt/ und amen/ dann heißt sie nur anna oder nur maria und einmal rosalia/ wie das jungfräuliche röslein rot/ das blümelein das kleine davon jessaja sagt/ einmal heißt sie sogar johanna/ hosianna in der höhe/ und dann ist das doch immer nur sie/ also nicht sie aber schon sie/ wie sie die sich von höhenflügen aus anschaut aber auch das ist schon kokett/ denn sie weiß von nichts als den furchen auf ihren händen/ ist köchin dienstmädchen landarbeiterin/ die freude an der variation/ und immer schon ist sie mundtot/ hat den fremdkörper gebärmuttermund/ hat den derben schlund der nur schlucken will/ gliederschmerzen und sehnsucht nach schlaf/ aber danach fragt keiner/ mach nicht viel ach und amen/

oder auch: requiem aeternam/ weil nach der ruhe der dunkelheit senhen wir uns/ nach dem gebärmuttermund des todes/ einer mulde aus wärme/ in der es keine sprache mehr gibt/ höchstens ein verhaltenes singen/ summen/ der schlund der auslöschung für alle, die den mundtot haben sterben müssen/ nicht

aber weiter: die eine also und wir sprechen von ihr als habe es sie gegeben sie hieß maria anna/ hat sich das töten als sprachmöglichkeitsrecht herausgenommen ohne es zu wissen/ auf einem sturzplatz stürzte sie den säugling und damit ein fleischfleckerl von sich selbst in den abgrund des todes/ oder war es nur der boden/ eine senkgrube das mehrungsrates und sie vergrub den verrunzelten körper zwischen den exkrementen aber/ wer war da/ sie sie oder sie/ die kanalräumer fischten den leichnam der wie fischlaich den nahmen sie aus der senkrube/ sagen wir: schöpfen aber hier spricht alles gegen die schöpfung/ denn die schöpfung zerstört sich selbst die ist ein verwesender leib/ eine kinderleiche die von jeher alt ist und nicht jung geworden/ verschrumpelt und in sich zusammengefaltet wie zieharmonika/ aber weiß sie es die maria anna/ und ob es der gräfin aufgefallen sei dass ihre köchin/ ja der habe sich schon das bäuchlein unter der schürze gewölbt da habe sie schon verdacht/ geschöpft wie später die männer das kind aus der jauchgrube schöpften/ nein anders denn was weiß sie schon von der schönheit der metapher die gräfin/ vielleicht mehr als die maria nur was heißt das/ aber auch der hausmeister erzählte wie maria ihm/ s war allerheiligen und amen/ erschöpft und leichenblass in die arme gesunken/ und auf dem abtritt fand er lachen aus blut/ blutspuren/ schleimpatzen und es roch nach muttermund und entbindung/ wir wissen nicht wie lange annas nein marias nein maria annas aber ist auch egal aber in jedem fall ists eine sie/ sei es nun sie sie oder sie/ also wie lange ihre untersuchungshaft gedauert hat/ wissen nichts von den gliederschmerzen und den ackerfurchen die die maria vielleicht schon als falten auf der handfläche hat/ aber amen und ach vergiss/ einmal bereits hatte diese anna oder mariaanna/ amen/ schon ein kind gezeugt das ließ sie beim oberleutnant/ neun jahre sind vergangen/ maria eine frau mitte dreißig jetzt im verhör sagt dass sie nie mehr eine verbindung zu einem mann gehegt habe/ wäre hegen auch das falsche wort wahrscheinlich/ nur der dienstgeber/ aber vergiss

dass die worte wie brot sind weiß die maria/ der priester von der kanzel herab die worte ihr als kleine weiße hostien auf die zunge legt nach der predigt da kleben sie da bleiben sie kleben/ und kleben reimt sich auf segen/ oder mariaanna/ wie sie sich dann ihren blutverlust erkläre und die starke körperliche schwäche/ darauf hat sie keine rollenden runden hostienworte die maria/ na und/ und was die frauen in der nachbarschaft zur rundung ihrer kurven sagten und dem aufblähen des leibesumfanges der ist als hätte wer in ihre muschi reingeblasen und sei sie plötzlich luftballon/ wieder die schönheiten der metapher aber ach/ und die maria meint das läge nur an ihrem bauschigen unterrock der sich auffalten lässt in verschiedenen schichten wie buchseiten/ wann hat sie gelesen die maria/ nie/ auch dieser vergleich wird ihr also fremd bleiben/ die maria hat keine sprache in der sie sich selbst in die welt hinausschreien kann/ kein stimmrecht/ aber jetzt verschafft sie sich stimme und weiß nichts davon/

aber was sind schon stimmen/ fragen wir hier/ wenn sie nicht gesungen sind/ denn was sich nicht in die welt der bedeutungen hinein quetschen lässt kann nur musik werden/ also ein requiem/ oder/ aber später

später die medizinischen sachverständigen die versuchen maria annas schuld zu beweisen/ durch mein großes loch/ aber die mariaanna spricht von heftiger menstruation/ das stadtmagistrat graz vermag weder todeszeitpunkt noch todesursache festzustellen/ die not noch größer als das loch/ und die mundtote marienanna mit der fast ausgelbuteten muschi drum wieder vogelfrei/ komm süßer tod singen wenn sie auf den kirchenbänken sitzt und die spitzen der vergoldeten heiligenscheine ihr ins auge stechen/ wie auch ins auge sticht dass ihre herkunft eine gutbürgerliche gewesen während die meisten anderen angeklagten annas oder marias einen bäuerlichen hintergrund aufwiesen/ ist sie aber wie ein drittel aller angeklagten schon gebärmutter gewesen für ein runzeliges bündel einmal/ hätt sie wissen sollen was das schwellen der warzen bedeutet die wie riesige schnuller/ die stetig wachsende wölbung des bauches der hüftspeck ihr immer heftiger knackt/ aber weiß sie von nichts die maria/ oder

***

MARIAS von Sophie Reyer, Ritter Literatur, 2013

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