Lautpoetische Lyrismen

10. Juli 2013
Von

An die Zikade …
 Dich ergreifet nie das Alter,
 Weise,  Zarte, Dichterfreundin

Johann Wolfgang von Goethe

Mit die gezirpte Zeit stellt sich Sophie Reyer in eine Tradition, bei der Zikaden eine bedeutende Rolle spielen. Meist wird auf die Zikaden als Sänger oder als Sinnbilder für Musik und Kunst aber auch als Lärmverursacher. Die sogenannten Singzikaden und ihre Gesänge werden bereits in den frühesten schriftlichen Werken, der Ilias von Homer erwähnt. Die Aspekte der griechischen Zikaden-Mythologie sind in dem Gedicht An die Zikade von Anakreon verarbeitet. Der melodische Rhythmus von  Reyers Gezwitscher spannt sich von den russischen Konstruktivisten um Majakowski zur Wiener Schule bis zum Hip-Hop.

Zu der Tulpe Füßen spielte/ der tonkundigen Zikaden/ auserwählte Kapelle/ Stücke von den besten Meistern…

Karl Leberecht

Bei einem Titel wie die gezirpte Zeit liegt eine onomatopoetischer Assoziation nahe, besonders in diesen Tagen, da ein neuer Zikadensommer anbricht. Analog zu ihrer Arbeit auf der Bühne versucht Reyer die Sprache nicht in abbildender beziehungsweise inhaltlich-bezeichnender Funktion, sondern auch als Lautmaterial anzuwenden. Bei allen Vorgängern bedient sich Reyer mit der Ungeniertheit des Naturtalents und macht daraus etwas ganz eigenes. Sie experimentiert quasi mit ihren eigenen Erfahrungen. Im Prozess des Ausformulierens kann sich Reyer schon mal verlieren, daher holt sie sich für ihre Live-Auftritte auch Gäste hinzu. Wie in der Lautpoesie, die gleichzeitig die Töne aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, macht sie in ihren Gedichten Techniken aus, die nach dem Prinzip des Collagierens und der Simultaneität verfahren. Ihre Lyrik nähert sich in dem Maße, in dem Semantik verschwindet und der Klang in den Vordergrund tritt, der Musik an.

 Dem Gesang der Zikaden aber kann sich auf jenem Eiland keiner entziehen.

Ingeborg Bachmann

Jede Dichtung spricht über die Situation ihrer Herkunft. Das Schreiben wird durch das schreibende Analysieren gebrochen. Wie jeder Lyriker erschafft Reyer eine ganz eigene Wahrnehmung, eine Beobachtung, die sich sowohl aus dem kollektivem wie auch individuellem Bewußtsein speist. Sie bricht die Idee vom objektiven Ich und vom subjektiven Ich auf und thematisiert in ihrer Poesie Verletztheit, es ist eine wohltuend unsentimentale Sichtweise auf die Welt und ihre Mechanik. Auch die Mechanik der Liebe. Sie mißtraut dabei jedoch den Heilversprechungen ebenso, wie den Momenten des aufrichtigen Glücks. Reyer hat einen charmanten Spleen, ein Gefühl für schräge Situationen und einbrechende Absurditäten. Mit ihrer Wahrnehmungslyrik werden die existentiellen Abgründe durch ein absurdes Element geradezu abgemildert und dem Intellekt erträglich gemacht. In diesem Kontext wirken ihre Liebesgedichte fragil, berührend, beinahe tröstlich. die gezirpte Zeit ist eine feinziselierte Sprachpartitur mit überraschenden Überlappungen und Überlagerungen.

 

***

die gezirpte Zeit, von Sophie Reyer Neue Lyrik aus Österreich Band 2., 64 Seiten, 12 x 19 cm, franz. Broschur. 1. Auflage 2013

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