Ins Paradies vertrieben

24. Juni 2013
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Die nennen das Schrei – Die gesammelten Gedichte von Thomas Brasch

1.

Die Ästhetik war „Außer Atem“. Thomas Brasch (1945 – 2001) trieb die Abgrenzung bis zur Pose und schrieb Gedichte für die Köchin im Ganymed bei Gelegenheit. Dann schrie er aus dem Fenster seinen Verdruss. Das hörte man nebenan, wo das Berliner Ensemble ist. Das Ende im Blick vor dem Anfang: das ist das erste Gesicht der Gedichte von Thomas Brasch. Der Fatalismus der Geschichte summt darin sein Lied vom Sozialismus. Der Kampf geht immer nur „um eine Niederlage“. „Wer unterliegen will, muss siegen“. Der Geschlechterkampf geht über den Klassenkampf hinaus.

Es ist sofort alles da, schon im ersten Band, einem Poesiealbum aus dem Jahr 1974, die Graphik von Einar Schleef. Das war monatliche Lyrik in der DDR, für neunzig Pfennig am Kiosk. Auch Hồ Chí Minh bekam sein Poesiealbum. Das Leben blutet aus Augen & Ohren, viel ist (wie) für das Theater geschrieben, es gibt Kursivschriftstellen, die sich als Regieanweisungen lesen lassen. „Wir können erst weiter, wenn wieder geschossen wird“.

Auch Braschs Krieg fand ohne Schlachten statt, er war sich nicht zu schade, Potenz vorzutäuschen. Heiner Müller schrieb ihm einen Hass zu, „der in dieser Welt den Vätern zukommt“.

Am letzten Morgen von Neunzehnhundert76 verließ Brasch die DDR, mit Katharina und Anna Thalbach gemeinsam. Er reagierte so auch auf sechzig Änderungswünsche, die einer Veröffentlichung von „Vor den Vätern sterben die Söhne“ im neuen Deutschland entgegen standen. In Müllers Besprechung von „Vor den Vätern sterben die Söhne“ und „Kargo“ erkennt der Rezensent die eigene Versteinerung. Außerdem sagt er: „Ich weiß nicht, was sie dort (in der Bundesrepublik) für Folgen haben werden, in der DDR wird nach dem Erscheinen seiner Bücher Vor den Vätern sterben die Söhne und Kargo niemand mehr so schreiben können, als ob er sie nicht geschrieben hätte. Wie es ist, bleibt es nicht“.

„Kargo“ ist viel Prosa, im Band der gesammelten Brasch-Gedichte fürsorglich untergebracht von den Herausgeberinnen Martina Hanf und Kristin Schulz, damit er nicht verschwindet. Drei Jahre Editionsarbeit steckt in der Versammlung, die alles Unfertige und Entwürfe außen vor ließ – und einer kritischen Ausgabe trotzdem nahe liegt.

2.

Notizen zum Vortrag „Du kannst DDR zu mir sagen“ von Kristin Schulz

„Leben im Material“ – das ist die Verbindung einer Biografie mit der Geschichte eines Landes. Das ist Heiner Müller, der sein Bleiben in der DDR nie ex positivo begründet. Müller bleibt im Material, anders als Brasch. Er ist siebenundvierzig, als der Jüngere geht, und steht schon fest als wichtigster DDR-Dramatiker. „Die Freiräume in der BRD“ erscheinen ihm künstlich. Müller erklärt Braschs „Land-Wechsel:“ „Die Generation der heute Dreißigjährigen in der DDR hat den Sozialismus nicht als Hoffnung auf das Andere erfahren, sondern als deformierte Realität. Nicht das Drama des Zweiten Weltkriegs, sondern die Farce der Stellvertreterkriege (gegen Jazz und Lyrik, Haare und Bärte, Jeans und Beat, Ringelsocken und Guevara-Poster, Brecht und Dialektik). Nicht die wirklichen Klassenkämpfe, sondern ihr Pathos“.

Darin steckt ein Vorwurf der Uneinsichtigkeit, Müller überzieht damit auch „Kargo:“

„Die Ungeduld, zu warten, bis der Schock Erfahrung wird“, entdeckt er.

Müllers Termine mit der Geschichte: dreiunddreißig, der Vater wird verhaftet, Heiner stellt sich schlafend. Neunundvierzig, die Staatsgründung findet statt: „Ich war vier als mein Vater verhaftet wurde und 1949 war ich zwanzig“. Einundsechzig fällt Müller in Ungnade. Achtundsechzig ist das Jahr der Panzer und das Lied vom „Panzer als Geburtshelfer der Republik“ zu Ende. „Prag nicht als Trauma, sondern als das Ende eines Traumas“, schreibt Müller auf seiner Baustelle. Die Baustelle: das ist die DDR.

„Das Elend des Vergleichens ist das Elend der Ideologie“.

„Hat er Hitler nicht sabotiert, wird er auch den Aufbau (der neuen Gesellschaft) nicht sabotieren“.

Noch ist nicht neunundachtzig und die Rede nicht von „der Beschädigung der Literatur durch ihre Urheber“. Noch nicht: „Welches Grab schützt mich vor meiner Jugend“. Müllers „Bau“ nimmt die „Spur der Steine“ auf. Der Autor nennt „die BRD eine gesundgeschrumpfte Firma“ und beschreibt „die DDR als Kaiserschnitt durch Klassen“. Das ist sein fester Stand, als er Brasch beim Weggegangensein zusieht so wie man sich nach seinem Schatten umdreht.

3.

Katharina Thalbach und Martin Wuttke lesen aus den gesammelten Gedichten im Berliner Ensemble

Das wuchtigste Ereignis der elisabethanischen Renaissance, so sagt es Heiner Müller, war die Zerschlagung der Armada als Signatur der Marginalisierung einer Großmacht. Kein anderer Vorgang wirkte sich so stark auf die Zeit aus, in der Shakespeare wirkte. Trotzdem ist an keiner Stelle seines Werks davon direkt die Rede. Es sind die Spiegelungen der Großwetterlagen einer Epoche, „die das Material eines Schriftstellers bilden“. Heiner Müller erklärte mit Shakespeare und dem Niedergang des spanischen Weltreichs seine Unzuständigkeit für explizite Wendeliteratur.

„Ich bin überhaupt nicht verpflichtet, jetzt hier das große Licht anzumachen“, schreibt Rolf Dieter Brinkmann – wenn ich Thomas Brasch lese, höre ich ein Reibeisen. Das ist die Stimme von Katharina Thalbach, die im Verlauf der Jahrhunderte zum Kobold wurde.

Das ist nur der Alkohol

Wenn man bei Tageslicht noch vernünftig wird

und den Arsch nicht in der Hose hat

sie auf die Knie fallen zu lassen, dann

setzt eine Krähe sich aufs Fensterbrett

spuckt Eisen in deinen Hals.

Für mich konntest du aus dem Vollen schöpfen, singt Katharina Thalbach dem heimlichen Vernehmen nach: Ins Paradies vertrieben/ morgen will ich mir eine neue Religion erfinden“.

Katharina Thalbach frisst die Gedichte in sich ein, sie nimmt sich den Mann dafür jedes Mal, wenn sie mit ihm auftritt, vor so als könnte er ihre Möse noch schmatzen lassen: „Wie das schöne Moos aus Dankbarkeit ihn ein wenig Witterung aufnehmen lässt“. Man hört den libidinösen Grund der Angelegenheit, die DDR erschien Brasch als Heimat „der Verstellungsakrobaten“.

Ich finde, der Kapitalismus verstellt die Leute auch nicht schlecht. „Endlich verbrüdern sich die Schwestern/ zwei Hexen unter Apfelbaum“.

Die Baustelle ist bei Thomas Brasch eine Mischung aus Knast und Irrenhaus. Aus Hohenschönhausen rufen sie: „Wir sind draußen, ihr seid drin“.

***

Sie nennen das Schrei, Gesammelte Gedichte von Thomas Brasch. Hrsg. v. Martina Hanf u. Kristin Schulz. Suhrkamp, Berlin. 1030 S., 49,95 €.

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