Das Frühwerk von Kraftwerk war keine sterile Schaltzentrale. Es war eine Werkstatt, in der der Ruß der sechziger Jahre noch an den Wänden klebte. Es war zu deutsch, zu lokal, zu sehr verhaftet im Trümmerfeld einer Nachkriegskultur, die nach Ausdruck rang.

Coverrückseite der LP Ralf & Florian, fotografiert von Barbara Niemöller.
Ein Name, der ein Jahrhundert der Industrie wie ein Monument besetzt: Kraftwerk. Aber wer die Fundamente dieser Fabrik absucht, stößt auf eine vermauerte Tür. Das Album Kraftwerk 1 ist nicht verloren; es wurde exkommuniziert. Im offiziellen „Katalog“ herrscht an seiner Stelle das absolute Weiß einer sterilisierten Chronologie. Ralf Hütter und Florian Schneider haben ihre eigene Wiege zertrümmert. Sie taten dies nicht aus Scham über das Unfertige, sondern aus der radikalen Erkenntnis, dass der Vorwärtsgang der Moderne die Vernichtung der eigenen Spur verlangt. Wer die Zukunft konstruieren will, darf keine Herkunft besitzen.
Das Spiel auf Kraftwerk 1 war noch Ausdruck von Musikern. Der spätere Kanon verlangt die totale Unterwerfung unter das Gesetz der Maschine.
Kennzeichen D nutzte Ruckzuck als Fanfare der Aufklärung, als akustischen Begleiter für den Blick hinter den Eisernen Vorhang. Es war Musik, die funktionierte, die sich an die Realität der Politik verkaufte. Genau diese Funktionalität musste das spätere Kraftwerk-Konstrukt abstoßen. Ihre Musik sollte keine Kommentare zur Gegenwart mehr abgeben; sie sollte die Gegenwart selbst als Rhythmus diktieren. Das Frühwerk war das Fundament, das im Schlamm versinken musste, damit der Turm aus Glas und Silizium weithin sichtbar glänzen kann. Die Band hat das Album nicht vergessen – sie hat es geopfert, um selbst unsterblich zu werden.
Der Übergang vom Menschen zur Maschine duldet keine Übergangsformen. Ein Roboter hat keine Kindheit. Wenn Hütter das Frühwerk tilgt, vollzieht er den entscheidenden Akt der Avantgarde: die Entpersönlichung.
Die Löschung war kein chirurgischer Einzelschnitt; sie war eine systematische Säuberung der Matrix. Das Urteil, das Kraftwerk 1 traf, vollzog sich mit derselben unerbittlichen Konsequenz an Kraftwerk 2 (1972) und Ralf & Florian (1973). Diese drei Alben bilden die verstoßene Dreifaltigkeit des Übergangs. Im offiziellen Bewusstsein der Band existiert die Zeit vor der Autobahn (1974) nicht.
Ohne Conny Plank gäbe es den Mythos Kraftwerk nicht; er schenkte der Band nicht nur ihren Namen, sondern formte ihr Fundament. In dieser Frühphase war er weit mehr als ein Techniker – er war der dritte Architekt im Raum.
Bei Kraftwerk 2 regiert noch das Experiment, das sich selbst im Weg steht. Titel wie Klingklang oder Strom sind keine präzisen Pop-Entwürfe, sondern psychedelische Klangskulpturen. Es gibt hier zu viel Zufall, zu viel Tonband-Manipulation von Hand und – am schlimmsten für den späteren Mythos – ein echtes, schwerfälliges Schlagzeug, das von Humankapital bedient wird.
Das Album Ralf & Florian ist das gefährlichste für den heutigen Mythos, denn es zeigt die Nahtstelle. Man hört den ersten Einsatz des Synthesizers (Minimoog) und der Rhythmusmaschine, aber sie sind noch gepaart mit Querflöte, Violine und einer fast pastoralen, romantischen Intimität. Auf dem Cover blicken uns zwei junge Männer mit langen Haaren in einem bürgerlichen Studio entgegen. Ein Bild, das die späteren, kühlen Androiden der Mensch-Maschine um jeden Preis auslöschen mussten.
Die Verbannung von Kraftwerk 1, Kraftwerk 2 und Ralf & Florian aus dem offiziellen Kanon ist deshalb immer auch die bewusste Tilgung des Namens Conny Plank aus der Bandhistorie. Indem Hütter das Frühwerk totschweigt, enteignet er den Geburtshelfer seines eigenen Erfolgs. Die Maschinen durften keine Väter haben; sie mussten aus sich selbst heraus entstanden sein. Planks Name klebt an den Masterbändern dieser drei Alben wie ein unauslöschlicher Fingerabdruck des Menschlichen – und genau deshalb müssen sie im Keller des Archivs verrotten.
Auf dem Schwarzmarkt der Gegenwart, getarnt unter den falschen Etiketten italienischer Piraten-Pressungen, kursiert das Verbotene weiter. Es ist das Paradoxon der Ware: Das gelöschte Objekt wird im Untergrund zum Fetisch. Hört man Ruckzuck, das einst als Signalhorn des Fernsehmagazins Kennzeichen D wöchentlich in die Wohnzimmer der fahrigen Bundesrepublik schnitt, begreift man den Bruch.
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Kraftwerk 1 – Philips – 6305 058 / LP, Vinyl + einem Photo von Bernd und Hilla Becher. Musikalisch finden sich zu hohe Anteile an Krautrock, daher gehört dieses Album nicht zum Kanon.
Weiterführend → Der Begriff `Krautrock´ geht auf das Wort „Sauerkraut“ sowie die Bezeichnung „Krauts“ für die deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg zurück. Der Ursprung des Wortes Krautrock geht auf eine Werbeanzeige der deutschen Firma Popo Music Management zurück, die in der US-amerikanischen Zeitschrift Billboard das Wort 1971 erstmals benutzte, um für Platten von Bacillus Records zu werben. Dieser Begriff wurde von der britischen Presse aufgegriffen und häufig benutzt. Krautrock ohne angloamerikanisches Vorbild. KUNO ertastet den Puls des Motorik-Beats.