Dieses Live-Album dokumentiert den permanenten Kampf der Musiker gegen die physische Ablenkung und die Unruhe der Masse.

The Doors performing for Danish television in Copenhagen (Gladsaxe Television-Byen studio) Foto: Jan Persson.
Die Klangästhetik von Absolutely Live bricht radikal mit der kontrollierten Architektur der Studioalben der Doors. Während im Studio (mit Assistenz des Produzenten Paul A. Rothchild) eine plastische, fast unheimliche Intimität konstruiert wurde, inszeniert das Live-Album das akustische Scheitern des Individuums an der Masse. Das ´Live-Album` ist keine Dokumentation; es ist eine Montage aus Trümmern. Über Wochen hinweg wurden von Rothchild Konzerte zerschnitten und neu zusammengesetzt, um das Idealbild einer einzigen, übermenschlich perfekten Nacht zu simulieren. Hier wird das Tonbandgerät zum genuinen Schock-Instrument. Es hält fest, was im Moment des Erlebens bereits im Taumel der Masse unterging. Morrisons Stimme flüstert nicht mehr im schützenden Gehäuse des Studios; sie ist der Witterung des Raumes ausgesetzt. Das Mikrophon fängt den Schweiß, das Atmen und die drohende Gewalt des Publikums ein. Es ist – ganz im Sinne Walter Benjamins – die Erfüllung der technischen Reproduzierbarkeit, denn das Einzigartige einen Rock’n’Roll-Konzerts wird massenhaft pressbar gemacht, ohne dabei seine Aura des Schreckens einzubüßen.
Ray Manzarek ist das metronomische Gewissen der Band. Seine hypnotischen, zyklischen Orgel-Riffs bilden den hypnotischen Raum.
Die Orgel von Manzarek funktioniert wie die monotone Architektur einer modernen Metropole. Sie gibt die Richtung vor, unerbittlich, hypnotisch, wie das Klicken der Weichen einer Straßenbahn bei Nacht. Während die Masse im Saal nach Erlösung schreit, baut Manzarek das Gerüst, an dem sich die Ekstase emporranken kann. Es ist ein kaltes, barockes Licht, das durch die psychedelische Dunkelheit schneidet. Manzareks ´Vox Continental`- oder ´Gibson-Kalavette-Orgel` schneidet scharf und grell durch die Mitten. Kriegers Gitarre klingt oft kratzig, übersteuert und nackt. Diese Frequenz-Härte nimmt der Westcoast-Variante des Psychedelic Rock seine verträumte Weichheit und ersetzt sie durch eine aggressive, fast punkige zu nennende Dringlichkeit.
In Stücken wie When the Music’s Over bricht der Sound manchmal bis zur totalen Stille zusammen, in der nur noch Morrisons unbegleitetes Atmen oder das isolierte Klicken von Densmores Rimshots zu hören sind.
„Control your paradox behavior!“ – Morrisons Schrei an das Publikum ist das verbale Äquivalent eines Plakats an einer baufälligen Fassade. Der Sänger agiert hier nicht mehr als Schamane, der die Meute heilt, sondern als Dompteur, der die Bestie, die er selbst heraufbeschworen hat, nicht mehr bändigen kann. Das Publikum auf Absolutely Live ist kein Kollektiv der Revolution, sondern eine amorphe Masse im Zustand der Ekstase-Erfahrung, sie applaudieren ihrem eigenen Untergang. Jedes Klatschen ist der verzweifelte Versuch, die Ohnmacht gegenüber der hypnotischen Bedrohung auf der Bühne in Aktivität zu verwandeln.
Robby Krieger agiert live wie ein Kommentator: Er verstrickt sich nicht in den dionysischen Rausch Morrisons, sondern umreißt ihn mit filigranen, manchmal fast dissonanten Blues- und Jazz-Linien.
Kriegers besitzt die Filigranität von schmiedeeisernen Balkongittern des Jugendstils, die über einem Abgrund hängen. Seine Linien sind keine schweren Blues-Riffs, sondern dünne, scharf gezogene Drähte. Sie erinnern an die feinen Nervenbahnen des Großstadtmenschen, der permanent unter Hochspannung steht. Krieger improvisiert nicht im luftleeren Raum; er kommentiert das Rasen Morrisons mit einer fast sachlichen Eleganz. Es ist – widerum im Sinne Walter Benjamins – die Kunst des Flaneurs, der mit gelassener Geste am brennenden Haus vorbeigeht und die Ästhetik der Flammen im Notizbuch festhält.
Jim Morrison nutzt seine Stimme live als perkussives und theatralisches Instrument.
Absolutely Live stellt die erste Veröffentlichung des Performance-Stücks „Celebration of the Lizard“ der Doors in voller Länge dar; dieses war ursprünglich bereits während der Aufnahmesitzungen zu „Waiting for the Sun“ im Studio in Angriff genommen, letztlich jedoch verworfen worden. Hier ist es das Herzstück des Albums und wird zum Fundbüro für verlorene Mythen. In der Zivilisation des 20. Jahrhunderts, inmitten von Verstärkern und Scheinwerfern, wird die Echse zum Totemtier der Entfremdung deklariert. Morrison rezitiert seine Poesie wie ein Auktionator, der die Restbestände des kollektiven Unbewussten versteigert. Dieser Performer ist das Element der absoluten Unberechenbarkeit; er zwingt die verbleibenden drei Musiker zu einer permanenten, musikalischen Alarmbereitschaft. Er liefert das dokumentarische Element des Realen – das Gefühl, dass in jeder Sekunde das Konzert abgebrochen werden –… oder die Situation völlig eskalieren könnte. „I am the Lizard King, I can do anything.“ Dieser Satz ist kein Ausdruck von Macht, sondern das letzte, verzweifelte Aufbegehren des isolierten Subjekts vor seiner endgültigen Auflösung in der Warenwelt der Musikindustrie.
John Densmore fungiert als akustischer Seismograph. Seine Dynamik ist extrem: Er beherrscht das laute, peitschende Rock-Schlagzeug ebenso wie das hauchdünne, jazzige Beckenspiel in den Momenten, in denen Morrison flüstert.
Wenn der Jazz in die Westcoast-Psychedelik einbricht, bringt er die Präzision des Uhrwerks mit. Densmores Becken zischeln wie das Gaslicht in den Passagen. Er trommelt nicht gegen die Wand des Sounds, er zeichnet ihre Risse nach. Seine Schläge sind die Synkopen der urbanen Angst. Während Morrison die Ewigkeit beschwört, erinnert Densmore mit jedem Beat an die unerbittlich vergehende, messbare Zeit. Er ist der Wächter am Nachtschalter, der Quittungen für die Ekstase ausstellt. Das Album zeigt die Band nicht als harmonische Einheit, sondern als ein höchst fragiles Gefüge, in dem jeder Musiker eine theatralische Funktion übernimmt, um das Live-Erlebnis vor dem Chaos zu retten… oder es an anderer Stelle bewusst dorthin zu treiben.
Absolutely Live ist nicht dokumentarisch echt. Diese ´Montage` besitzt eine tiefere, künstlerische Authentizität.
Dieses Album ist ein Meisterwerk der akustischen Installation, sie konfrontiert die Zuhörer mit einem tiefen Paradoxon. Der Titel verspricht geradezu unerschütterliche Authentizität: Absolute, geradzu unerbitterliche Unmittelbarkeit, ungefilterte Energie, die nackte Realität einer der provokantesten Rock’nRoll-Combos dieser Ära. Doch hinter dem Vorhang dieser akustischen Wildnis verbirgt sich kein einzelner, magischer Konzertabend, sondern die kühl kalkulierte Präzisionsarbeit des Produzenten Paul A. Rothchild. Indem er das Album aus zahllosen ca. 2000 Ton-Schnipseln der Tournee 1969/1970 neu zusammensetzte – und dabei teilweise mitten im Song auch die Städte wechselte –, erschuf er eine akustische Illusion. Es stellt sich die fundamentale Frage:
Darf ein Werk, das so tiefgreifend im Studio rekonstruiert wurde, überhaupt das Prädikat „Live-Album“ tragen?
Die Antwort erfordert eine Neudefinition von dem, was man unter dem verschwitzten Begriff Authentizität im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit versteht. Betrachtet man den Begriff eines „Live-Album“ puristisch, ist Absolutely Live ein Fake. Die traditionelle Erwartungshaltung an ein Live-Dokument basiert auf der klassischen Kontinuität von Zeit, Ort und Raum. Auch ein Konzert besteht ein flüchtigen Momenten, , ein Dialog zwischen Band und Publikum an einem spezifischen Ort. Rothchild bricht dieses ungeschriebene Gesetz in radikaler Weise auf. Seine Arbeit gleicht der eines Filmregisseurs im Stile von Walter Ruttmanns Weekend oder der sowjetischen Montage-Schule. Durch das künstliche Homogenisieren von Publikumsgeräuschen und Raumton kaschierte er die Brüche der Realität um die Abgründe hörbach zu machen. Was der Hörer als organischen Fluss wahrnimmt, ist in Wahrheit eine topografische und chronologische Unmöglichkeit.
In einem rein dokumentarischen Sinne ist das Album keine Live-Aufnahme, sondern eine im Studio zusammengesetzte Collage.
Doch diese puristische Sichtweise greift zu kurz, da sie die Natur von Live-Musik und die Psychologie des Hörens missversteht. Ein einzelnes, ungefiltertes Konzert ist oft fehlerhaft, akustisch unbalanciert und fängt selten die subtile Essenz ein, die eine Band in der Erinnerung ihrer Fans hinterlässt. Und genau hier setzt Rothchild an: Seine akustische Montage zielt nicht auf die Abbildung einer faktischen Wahrheit ab, sondern auf die Erschaffung einer höheren Wirklichkeit.
Das Ergebnis ist das, die der Philosoph Jean Baudrillard als ´Hyperrealität` bezeichnet – ein Zustand, in dem das Modell des Realen realer wirkt als die Realität selbst.
Absolutely Live klingt schmutziger, wilder und gefährlicher, als es ein einzelnes Konzert der Doors je war. Jim Morrisons destruktive Energie, die Unberechenbarkeit der Band und die latente Gewalt der späten 1960er-Jahre verdichten sich auf diesem Album zu einem atmosphärischen Destillat. Rothchild nutzte die kühlste Studiotechnik nicht, um die Ecken und Kanten der Band glattzubügeln – wie es bei postmodernen Pop-Produktionen der Fall ist – sondern um diese Kanten künstlich zu schärfen. Die Schnitte dienten der Intensivierung, nicht der Sterilisierung.
Daraus ergibt sich ein faszinierendes Paradoxon
Das Album ist gerade wegen seiner absoluten Künstlichkeit ein erschütternd authentisches Dokument. Es fängt zwar nicht die physische Realität eines bestimmten Abends in New York, oder Detroit ein, aber es fängt die psychologische und kulturelle Realität der Doors-Tournee im Ganzen ein. Dies ist das akustische Schlachtengemälde einer Ära, die aus den Fugen geriet. Hätte Rothchild lediglich ein einzelnes Konzert eins zu eins überspielt, wäre das Ergebnis womöglich flach, gar ermüdend oder fragmentarisch gewesen. Erst durch die Montage entstand die emotionale Wucht, die der Hörer mit dem Begriff „Live“ verbindet.
Man kann Absolutely Live daher nicht nur als Live-Album bezeichnen, man sollte es möglicherweise als ´das ultimative Live-Album` verstehen.
Es emanzipiert den Begriff von der bloßen Pflicht zur Tonband-Dokumentation und erhebt den Rock’n’Roll zu einer Kunstform. Das Album beweist, dass im Kosmos der Rockmusik die „gefühlte Wahrheit“ erheblich schwerer wiegt als die messbare Realität. Rothchilds chirurgischer Eingriff hat den Körper der Realität zerlegt, um seiner Seele Ausdruck zu verleihen. Am Ende ist Absolutely Live genau das, was der Titel verspricht – nicht, weil es die Wirklichkeit unberührt ließ, sondern weil es die Studio-Apparatur nutzte, um die ungefilterte Essenz des Live-Erlebnisses für die Ewigkeit wiedererlebbar zu machen. Am Ende von Absolutely Live bleibt keine Katharsis. Das Album schließt mit dem Applaus, der abrupt in die Rille der Schallplatte zurückgeworfen wird. When the Music’s Over / turn out the light…
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Absolutely Live von The Doors, 1970
An American Prayer, Lyrik von Jim Morrison, erschienen 1970 im Selbstverlag (500 Exemplare). 1995 erschien eine Lesung der Gedichte als Hörbuch.
Weiterführend → Im typischen Gestus junger Dichter hasste Arthur Rimbaud die kleinbürgerliche Enge seiner Vaterstadt, was z. B. in dem satirischen Gedicht À la musique (An die Musik) zum Ausdruck kommt, er ist der erste Rockstar der Poesie. Dichter wie der Dub-Poet Linton Kwesi Johnson, der Punk-Poet John Cooper Clarke, der Lo-Fi-Poet Dan Treacy, der Spät-Expressionist Peter Hein, der Lizard-King Jim Morrison und die Grandma des Punk Patti Smith nutzten Musik als Transportmittel für ihre Lyrics. Und eigentlich könnte auch: „Dylan gut ohne den Nobelpreis für Literatur weiterleben und -arbeiten. Er ist auch kein genuiner Kandidat, insofern er halt kein ‚richtiger‘ Schriftsteller ist, sondern ein Singer-Songwriter.“ (Heinrich Detering).