Transluzent

 

„Regen“ und „Im Auge“ – von Katja Butt

Vorformen \ Verformen… \ das Ungestalte visualisieren & einen neuen Weg zum Verstehen des Unverstandenen suchen… die Barriere des Unsagbaren überwinden \ in der Stummheit artIQliert sich Sinn, eine Deutung über das Ende der Geschichten sowie dem unweigerlichen Beginn der Wortarabesken… \ & auch diese consolatio poesiae hat keinen Ort, sie ist ein Vortasten in die Dringlichkeit… \ immerfort… ein Beginnen & Vergehen… \ Sprache spricht sich selbst… Worte & Sätze werden… wie in Trance… wiederholt… beim Versuch der Selbstvergewisserung gelingt das Unbewusste wachzuhalten… das Lesen wird gleichsam zu einem Versuch das gedankliche Material zu durchdringen… & sich auf der Flucht in den eigenen Innenweltraum durch einen Grafitstift zum Stummel schreiben… mit dem Pinsel aus dem Handgelenk beiläufig Schriftzeichen auf das Blatt werfen… durch Sprache zur Welt finden… & durch das Buchstabieren der Welt zurück in die Sprache… nicht in einem überschwänglichen Gefühlsenthusiasmus verfallen… \ die Aufmerksamkeit wird dabei aber so gestreut, dass eine Konstruktion von Sinn nur verschwommen oder gar nicht erkennbar ist… die Wahrnehmung wird überformt… Abbildungen verschieben sich von der Substantialität zum Verweisungsgefüge \ prätentiöse Pathosformeln treffen auf das gehäuft Unvorhergesehene… \ mit Unvoreingenommenheit auf existenzielle Fragen blicken: auf Trauer, das Verlorene & Zerstörte… als Archäologie die Räume der Erinnerung abschreiten, jeden Stein umdrehen → der Verbindung von Moosen & Myzel nachgehen & ein Netzwerk aus verzweigten fadenförmigen Zellen entdecken \ Worte abklopfen, bis sie ihren Ungeist preisgeben… \ der Linie folgen, zwischen den Zeilen lesen… einen Zeilensprung ins Unbestimmte wagen, den Sinnzusammenhang über das Ende eines Blattes hinaus ausdehnen… \ das Verstehen scheint hinter der Ratlosigkeit hervor… einen weiteren Würfelwurf wagen… den Nachtschatten des Unbewussten auf die Taghelle des Bewusstseins prallen lassen… der Versuch weite Räume zu denken, kann zu einem Schlüsselerlebnis werden… für jene, die den Mut haben sich zuweilen in der Uferlosigkeit verlieren zu können… \ die Erinnerung wird zu einem zirkulären Wesen…\ das für den Moment aufblitzende Glück, ist alles, was sich fassen lässt… C’est tout.

 

 

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Dieses Poem ist das letzte aus der Hand von A.J. Weigoni. Es steht thematisch in Verbindung zu seinem Langstreckenpoem welches in 2024 tagtäglich auf Differenzierung pocht.

András (A. J.) Weigoni (* 18. Januar 1956 in Budapest/Ungarn, Flucht mit den Eltern nach dem Volksaufstand; † 26. Januar 2021 in Düsseldorf)

In 2024 stellt die Edition Das Labor ein nachgelassenes Poem von A.J. Weigoni in 366 Strophen vor. Diese consolatio poesiae hat keinen Ort, sie wird wahrscheinlich für eine Weile im Datennirvana existieren und irgendwann ganz verschwinden. Poesie ist immer ein Beginnen, Vergehen und Neudenken. Der Kontrast dieser Poesie mit allen beredten Details, trifft auf eine konkrete Alltäglichkeit. Auch in der literarischen Publikation gilt es digitale Transformationsprozesse zu gestalten. Die Publikation dieser Wiederbelebungsmasznahme erfolgt in digitaler Form. Das Erkunden der Textsortengrenze überläßt sich ganz dem Vergehen der Zeit, dieses Langstreckenpoem folgte dem Rhythmus der Sekunden und Minuten, der Tage und Wochen und hat assoziativ Erinnerungen und Begebenheiten aufgegriffen. Es war der Versuch, eine Chronik der Zukunft zu verfassen, ohne dabei die Traditionslinien des stochastischen Schreibens zu verlassen, also nach dem Zufallsprinzip entstandene poetische Strukturen, dem Experiment verhafteten Konstrukt und den Wortfreistellungen zwischen den Zeilen.