In der christlichen Ikonografie wird das Lamm Gottes häufig als Symbol für Christus verwendet. Oft wird es mit der Siegesfahne (rotes Kreuz auf weißem Grund) als Attribut dargestellt, um den Sieg Christi über den Tod und damit seine Auferstehung zu versinnbildlichen.
Durchgeknallt over the Top, so lässt sich das Konzeptabum von Genesis mit einer Tagline zusammenfassen. Es ist das letzte Album von Peter Gabriel mit Genesis. Danach trennte man sich, wie es in den Verlautbarungen heißt: „aufgrund kreativer Differenzen“.
Man muss die Mythologie von den Plakatwänden abkratzen, um ihre Fratze zu sehen.
Wo einst Götter thronten, wirbt heute die Konsumindustrie. Das Konzeptalbum verhält sich zur klassischen Oper wie die Fotomontage zur Malerei. Die Satire auf den Kommerz funktioniert hier durch mimische Anpassung: Das Werk schreit so laut wie die Leuchtreklame am Times Square, bis das System im eigenen Echo kollabiert. The Lamb Lies Down on Broadway wird in Musikkreisen als Meilenstein des Progressive Rock gefeiert, trägt aber gleichzeitig alle Züge eines Meisterwerks des edlen, kalkulierten Absurden und des Trashs – im besten cineastischen Sinne des Wortes. Peter Gabriel inszenierte hier ein Werk, das sich bewusst von intellektueller Perfektion abwandte und stattdessen tief in die Ästhetik von B-Movies, Surrealismus und groteskem Comic-Trash eintauchte. Der Sänger bestätigte, dass die Story maßgeblich von Alejandro Jodorowskys surrealem Kultfilm El Topo inspiriert wurde. Jodorowskys Werke mischen spirituelle Tiefe mit brutalem, visuellem Pulp und Exploitation-Kino – genau diesen „schmutzigen“, fieberhaften Vibe wollte Genesis kopieren, um sich von der sauberen, elitären britischen Märchenwelt ihrer vorherigen Alben abzugrenzen. Gabriel schreibt keine Lyrics, er montiert Slogans, Reklamefetzen und psychologische Trümmerteile zu einer Topographie der Entfremdung.
Die Handlung lässt sich in einer surrealen Kurzgeschichte zusammenfassen, die Antonin Artaud durchaus auch hätte einfallen können.
Der Protagonist Rael kommt am frühen Morgen aus einem New Yorker U-Bahn-Tunnel und versteckt seine Spraydose, mit der er Graffiti gesprüht hat. Als er die Straße entlanggeht, sieht er ein Lamm, das sich auf dem Broadway niederlegt (The Lamb Lies Down On Broadway). Eine dunkle Wolke legt sich über den Times Square und Rael wird von Staub eingeschlossen. Er sieht eine Militärparade und verliert das Bewusstsein (Broadway Melody von 1974). Als er wieder zu sich kommt, findet er sich eingesponnen in einem Kokon (Cuckoo Cocoon). Rasch bilden Tropfsteine einen Käfig um Rael, der seinen Bruder John entdeckt. Er bittet ihn um Hilfe, aber John sieht ihn nur wortlos an (In The Cage). Der Käfig beginnt sich zu drehen, so dass Rael John wieder aus den Augen verliert. Der Protagonist beobachtete die „Große Parade der leblosen Hüllen“.
Rael erinnert sich an sein altes Leben in New York City (Back In N.Y.C.). Er erzählt von dem missratenen Versuch, durch einen Ratgeber zum perfekten Liebhaber zu werden (Counting Out Time). Dann kommt Rael zu einem langen Korridor und sieht Menschen, die über einen Teppich zu einem Ausgang kriechen (The Carpet Crawlers). Durch den Ausgang gelangt Rael in eine Kammer, in der es 32 Türen gibt, von denen nur eine ins Freie führt (The Chamber of 32 Doors).
Eine blinde Frau führt ihn in einen neuen Raum (Lilywhite Lilith) und bittet ihn hier zu warten. Er erlebt Todesangst (The Waiting Room). Rael hat sich mit seinem Tod abgefunden (Anyway) und der Tod kommt vorbei (Here Comes The Supernatural Anaesthetist). Rael entkommt und gelangt an einen Teich mit rosafarbenem Wasser, an dem er mit mehreren Lamien eine erotische Erfahrung erlebt (The Lamia). Am Ende sind die Lamien gestorben.
Rael findet sich in der Kolonie der Glibbermänner wieder. Der einzige Ausweg ist der Doktor, der per Kastration die Libido unterbindet; Rael entscheidet sich dafür. Das Ergebnis wird in einem Plastikbehälter ausgehändigt, den aber gleich ein Rabe stiehlt. Rael bittet seinen Bruder wieder um Hilfe und wird erneut enttäuscht (The Colony of Slippermen – The Arrival – A Visit to the Doktor – Raven). Rael verfolgte den Raben in einer Schlucht. Durch ein Tor erscheint ihm sein altes Leben am Broadway, aber gleichzeitig hört er die Hilferufe seines ertrinkenden Bruders John, der in den Stromschnellen um sein Leben kämpft. Sofort entscheidet er sich für die Rettung von John und damit gegen den Ausweg in seinem alten Leben (The Light Dies Down on Broadway). Er kämpft sich eine Böschung voller Geröll hinunter zum Fluss (Riding the Scree). Er rettet John unter Einsatz seines Lebens, als er erkennt, dass John plötzlich sein Gesicht hat (In the Rapids).
Wer seinen Bruder rettet, rettet in der industriellen Moderne immer nur das eigene, abgespaltene Ich.
Im Schleusenbecken der Identität verfließen Rael und John zu einer einzigen Monade. Die Rettung ist kein Triumph, sondern das nackte Überleben im Trichter des Traums, nachdem alle mythischen Gewissheiten – von den Lamien bis zu den Fleischfressern – als Konsumartikel entlarvt wurden. Die Traumlogik diktiert die Richtung. Neben wunderschönen Melodien bricht das Album immer wieder in puren klanglichen Klamauk und Lärm aus. Stücke wie The Waiting Room (von der Band intern „The Evil Jam“ genannt) bestehen aus verstörendem Synthie-Gequieke, scheppernden Becken und unheimlichen Geräuschen, die perfekt als Soundtrack für einen billigen Science-Fiction- oder Horrorstreifen herhalten könnten. Jeder Song ist ein Straßenschild, das in die Irre führt, und doch gibt es kein Entrinnen aus dieser urbanen Mythologie. New York wird zum Interieur eines kollektiven Unbewussten, in dem die Band den Takt für den Abgesang auf das bürgerliche Individuum schlägt.
Die moderne Mythenbildung bedarf keiner Tempel mehr; sie nistet sich in den Auslagen der Warenhäuser ein.
Das Konzeptabum „The Lamb Lies Down on Broadway“ ist ein Meisterwerk des Trash, Genesis kombiniert hier virtuose Instrumentalpassagen mit klassischen Elementen, experimentellen Synthesizer-Sounds (mitentwickelt von Brian Eno) und dramatischem Storytelling. Typisch sind ungerade Taktarten, komplexe Rhythmen und lange, ineinander übergehende Stücke. Drei Jahre nach Fertigstellung wurde diese Art von Prog-Rock vom Punk in die Themse gespült. Sollte man das bedauern? Eher nicht! Solche verwegenen Vorhaben sind das, was Pop heute abgeht.
***
The Lamb Lies Down on Broadway, Genesis, 1974
Zu empfehlen ist das 1994er-Remaster, es nimmt den rauen, mystischen und dichten Charakter des originalen Art-Rock-Meisterwerks, säubert ihn für die digitale Welt und bewahrt gleichzeitig genau das Klangbild, das Peter Gabriel und die Band 1974 im Studio erschaffen haben.

Das Cover wurde von dem legendären britischen Grafikdesign-Studio Hipgnosis gestaltet.
Weiterführend → Eine Rückschau Genesis Live.
→ In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsmöglichkeiten von populärkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay Perlen des Trash stellt diese Reihe ausführlich vor. Dem Begriff Trash haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Luther Blissett beschreibt den Weg von Proust zu Pulp.