Progressive Rock

 

„Genesis Live“, veröffentlicht im Juli 1973, markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der Karriere der britischen Progressive-Rock-Pioniere Genesis. Es ist nicht nur das erste offizielle Live-Dokument der Band, sondern auch ein authentisches Zeugnis der Ära mit Peter Gabriel, bevor die Gruppe mit „The Lamb Lies Down on Broadway“ ihren konzeptionellen Zenit erreichte.

Ursprünglich als günstiges Übergangswerk gedacht, um die Wartezeit zwischen „Foxtrot“ und „Selling England by the Pound“ zu überbrücken, entwickelte sich das Album schnell zu einem Fan-Favoriten. Die Aufnahmen stammen überwiegend aus dem De Montfort Hall in Leicester und dem Free Trade Hall in Manchester im Februar 1973. Zu diesem Zeitpunkt hatten Genesis ihren Sound perfektioniert: eine Mischung aus pastoralen Akustikpassagen, komplexen Rhythmen und der theatralischen Exzentrik Gabriels.

Das Album umfasst lediglich fünf Stücke, doch diese repräsentieren die Essenz des frühen Genesis-Sounds. Den Auftakt macht „Watcher of the Skies“, getragen von Tony Banks’ majestätischem Mellotron-Intro, das live eine fast außerirdische Atmosphäre erzeugte. In „Get ’Em Out by Friday“ zeigt sich Gabriels Talent für soziale Satire und verschiedene Charakterrollen, während „The Musical Box“ mit seinem dramatischen Finale den Höhepunkt der Live-Darbietung darstellt. Das epische „The Knife“ schließlich erinnert an die aggressiveren Wurzeln der Band.

Was „Genesis Live“ so besonders macht, ist die rohe Energie. Während die Studioalben oft sehr poliert klingen, offenbart die Live-Aufnahme die druckvolle Rhythmusgruppe aus Mike Rutherford und Phil Collins sowie Steve Hacketts präzises, atmosphärisches Gitarrenspiel. Man hört eine Band, die hart arbeitet, um ihr anspruchsvolles Material auf die Bühne zu bringen.

Zu bemängelten ist das Fehlen von „Supper’s Ready“, dem eigentlichen Herzstück ihrer damaligen Show, das aus Platzgründen auf der LP weggelassen wurde. Dennoch bleibt „Genesis Live“ ein unverzichtbares Dokument. Es fängt den Moment ein, in dem Genesis von einer Kultband zu einer der bedeutendsten Formationen des Jahrzehnts aufstieg – ein Zeugnis musikalischer Virtuosität und britischer Exzentrik.

 

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Genesis Live, 1973

Weiterführend → Eine Vorschau auf ein Meisterwerk des Trash: The Lamb Lies Down on Broadway

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