Die Vertreibung aus dem Paradiese

 

Das ist eine Welt, die zwischen Morgen- und Abendblatt lebt und sich von dem Dämmerschein des neuen Jahrhunderts nicht bange machen lässt. Irgendwo ist ihr plötzlich der Begriff für Dimensionen abhanden gekommen und sie beeilt sich darum, jeder Winzigkeit eine historische Geberde zu verleihen. Scheinbar ist es nur eine stolze Epoche der Zündhölzchen-Automaten, die sie sich bereitet hat, aber, wie das schon so mit den technischen Fortschritten zu gehen pflegt, zugleich auch eine Epoche des automatisch erzeugten Ruhmes und der sich selbst enthüllenden Monumente. Dass in einer Zeit, die aller Tradition entsagt hat und die man versteht, wenn man in ihrem Schlagwörterverzeichnis ein wenig blättert, Cultur kaum in sorgsam gehüteten Treibhäusern zu gedeihen vermag — wen soll es bekümmern? In Österreich hat die Verkehrtheit der menschlichen Dinge Couleurstudenten zu Führern einer Nation gemacht. Wird von dem Verzweiflungskampfe der Deutschen, der sich an einer Pilsener Straßentafel austobte und nachher im Parlamente nur noch unarticulierte Laute fand, ein nennenswertes Literaturdocument künftigen Generationen erzählen? Vermöchte ein Nationalismus, der in der Zerstörung der anderssprachigen Schule eine Errungenschaft sieht, das Geistesleben der Volkheit sonderlich zu vertiefen? Und wird sich die Erinnerung an ein Heroenzeitalter von Versammlungssprengern nicht am Ende bloß zu epischen Gassenhauern verdichten lassen?

Es ist ein Zug von aufreizender Bizarrerie, wenn die Rasse, die im politischen Kleinkampf Dichter zu zeugen verabsäumt und ihren Boden zur Unfruchtbarkeit verdammt hat, weil sie seine Grenzen vertheidigen muss, tagtäglich aus jenen Kreisen, die auch dem edelsten nationalen Streben theilnahmslos gegenüberstehen, geistigen Zuschuss erhält. Nicht etwa, als ob unseren Kunstwärtern das sociale Gewissen über völkisches Bewusstsein gienge, als ob sie von der Höhe modernen Denkens jedweder nationalen Bethätigung den Respect versagten. Nicht doch — was diese Industrieritter vom Geiste zur Herrschaft gelangen ließ, ist einfach die größere Behendigkeit und die rasche Occupation des Marktes, dessen gangbare Werte ein politisch beschäftigtes Volk nie recht gekannt hat.

Wie das Recept, nach dem die literarische Nahrung der Massen verfälscht wird, Geheimnis einiger weniger Unternehmer ist, mag im Folgenden gezeigt werden. Ich will es versuchen, ein Bild jenes Marktes und seiner lautesten Schreier zu zeichnen, ein Gruppenbild, das erst auf dem Hintergrund der Wiener Gesellschaft und der Wiener Presse die richtigen Contouren gewinnt. Man wird schließlich finden, es sei ein Familienidyll der Corruption, so recht traulich und in abendliche Stimmungen getaucht. …

In anderen Centren sind die Beziehungen loser und schwerer aufzudecken; die Hand hat einen weiten Weg, um die andere zu waschen, einen weiteren, um in die Taschen des Publicums zu gelangen. Aber hier in Wien, wo jeder von jedem weiß, mit wem er bereits verfeindet ist oder wen er noch betrügt, ist es helllichter Tag, wenn die Geschäfte abgemacht werden. Eine Presse, die außerhalb jeglichen politischen Einflusses gestellt ist und die im Drange der Verhältnisse sich genöthigt sah, ihren Freisinn zum Freikartensinn umzugestalten, versorgt in eigener Regie den Theatermarkt und wacht mit Argusaugen, dass kein Berufener eindringe.

Fast alle Bühnen sind ihr tributpflichtig, fast alle haben ihr tägliches Quantum an Gratisbilletten abzuliefern und jene Stücke aufzuführen, die sie selbst verfasst oder zumindest vidiert und protegiert hat. Dieselben Leute, die gestern noch als freie Recensenten auf freien Plätzen saßen, tauchen heute als dankbare Autoren vor dem Vorhang auf und werden morgen von den Redactionscollegen überaus schmeichelhaft besprochen sein. Kritische Machthaber, welche aus der von ihrer Gunst und Gnade abhängigen Theaterkanzlei Tantièmen beziehen — ich bin zu wenig Staatsanwalt, um sogleich den richtigen Ausdruck für solche Übung zu finden. Da steht diese Bande in den Zwischenacten der Première auf einem Fleck beisammen, hält die Passage des Mittelganges versperrt und täuschelt Ansichten über die Frage aus, wie viel »Häuser« das Stück voraussichtlich »machen« werde. Während das übliche Meinungscartell für die Morgenblätter zustandegebracht wird, sprengen literarische Galopins auf und ab, den Löwy zu suchen und in hohem Auftrag auch die anderen Correspondenten der Berliner Blätter zu bearbeiten; ein strebsamer Jüngling schießt hin und her, um Stimmung zu machen, und die Hyänen vom Schlachtfelde des Durchfalls schleichen von Reihe zu Reihe und beschnüffeln jeden, bei dem sie ein selbständiges Urtheil vermuthen. Da quält sich ein Librettist zum Beifall, dem der Concurrentenneid aus dem Auge leuchtet, und ein Componist, von Tantièmengier geschüttelt, kann seinen Ärger kaum unterdrücken, dass der andere ihm eine Arie vorweggestohlen hat. … Und diese saubere Gesellschaft treibt ihr Gewerbe unter den Augen eines Publicums, welches das journalistische Ergebnis der erbärmlichsten theatralischen Schacherpolitik immerzu als Orakel aufnimmt. Aus unmittelbarer Anschauung könnte es jedesmal klar und deutlich erkennen, wie die Sache gemacht wird, und mit raschem Entschlusse, wenn es sich im Zwischenact organisierte, den Bund der Autoritäten auseinanderjagen.

Seitdem die bodenwüchsige Vorstadtposse verblichen ist, müssen wir das Wiener Theater einem regelrechten Speculantenthum preisgegeben sehen. Journalistische Schmarotzer, die eben erst aus dem Kehricht der öffentlichen Meinung emporgetaucht sind, Operettenwucherer und Coulissiers, die, wenn schon nicht dem Gerichtssaal, so doch der Gerichtssaalrubrik entsprungen sind, tummeln sich auf der Scene, die einst Nestroy und einem herrlich verwienerten Offenbach gehört hat. Vollends in den letzten Jahren, die den Wirkungskreis des Wiener Liberalismus auf ein Premièrenparket beschränkten, hat das literarische Manchesterthum eine Entwicklung genommen, die geradenwegs einer Katastrophe zutreiben muss. Nie ist der Einfluss der Tagespresse schamloser in bares Geld umgemünzt, nie der Theatertheil der Journale offenkundiger  zum Vortheil derer, welche ihn redigieren, benützt worden, nie hat Selbstlob in ähnlich verbrecherischer Weise der Beutegier allmächtiger Impotenzen Vorschub geleistet. Gelang es, durch zwei Jahrzehnte jede künstlerische Regung im Tantièmenreiche niederzuhalten, dem auf sich selbst gestellten Schaffen den Weg zur Bühne mit allen Chicanen zu verrammeln, so hatten doch Beeinflussung botmäßiger Directoren und Feindseligkeit gegen Talente, die den Canossagang zu Redactionsdienern verschmähten, ehedem eine gewisse, ich möchte sagen: Anstandsgrenze. Heute sind die Kaffeehaustische markiert, an denen vorbei der Weg zu Bühnenerfolgen führt, und »reine Künstler« müssen sich glücklich preisen, wenn sie, nach dornenvollem Streben von Tisch zu Tisch, in der Runde der laut mit Theaterwerten feilschenden Zwischenhändler sesshaft geworden sind.

… Weit dehnt sich das Gehirnweichbild des Wiener Literatenthums, täglich erfolgt neuer Zuzug von Talenten, die der Entdeckung harren, und die Billardspieler fühlen sich bereits geniert. Die Jugend fordert ihre Rechte, die ungestüme Jugend, die alle Entwicklung von der Eröffnung des Café Glattauer datiert und in ketzerischem Übermuthe vergessen möchte, dass es einst auch eine Epoche Griensteidl gegeben hat. Aber unter allen Abtheilungen, die in der heutigen Ordnung dem künstlerisch beschönigten Müßiggang zugewiesen sind, hat die dramatische ihren alten Zauber bewahrt, und neugierig und verlangend steht mancher Anfänger vor der Schwelle ihrer Mysterien. Jawohl — mag die umliegende Welt in Trümmer gehen, in diesem Tantièmenkotter wird noch immer mit dem gleichen Ernst über den Cassenausweis einer 25. Aufführung gesprochen und, wenn das Geschäftliche erledigt ist, noch immer mit der gleichen Heiterkeit jeder Kaffeeschluck aufgenommen, den der als Witztyrann gefürchtete Tischpräsident gethan hat. Ein Absolutismus des Lachens, der heisere Unterthanen straft, aber Gnaden vertheilt, wo eine tüchtige Kehle in allen Stimmlagen Beweise unverbrüchlicher Loyalität gegeben hat.

Wie heißt doch der Herr, von dessen Gesicht zuvorkommende Tischgenossen es im Nu ablesen können, wenn ihm gerade nichts einfallen will, und der dann, jedesmal ängstlich prüfend, im Kreise der Getreuen nur strahlende Gesichter erblickt? Wie heißt der Herr, der von seinem Kaffeehausstühlchen die Wiener Theaterwelt beherrscht, die gesammte Journalistik seinen Wünschen fügsam zu machen weiß und ihren Heerbann, der dem Wink seines Hasses folgt, gegen jene aufrührerischen Elemente entsendet, welche sich unter dem Erbtheil Heinrich Heines etwas anderes als ödes Kalauern, gepaart mit dürftiger Versroutine, vorzustellen wagen? Nein — es gibt gewiss nichts, das die klägliche Kleinheit dieses geistigen Wien besser bezeichnen könnte, als die Thatsache, dass der Mann, dem die Collegenschaft tagtäglich Lobeshymnen singt, die einem dramatischen Säkularmenschen gegenüber als aufdringliche Reclame wirken müssten — Julius Bauer heißt. Dieses ans Groteske streifende Missverhältnis zwischen der äußeren Macht und der wesentlichen Unbeträchtlichkeit eines Journalisten ist es, was die endliche Abwehr herausfordert, und der kleine Bänkeldichter erscheint ernsthafterer Betrachtung wert, wenn er zum Mentor der literarischen Jugend ausgerufen wird, wenn vor ihm die Mimen in Devotion ersterben und seines Geistes Werke, mögen sie auch noch so geringe Zugkraft üben, keine Direction vom Repertoire abzusetzen wagt.

Die Theaterleute schmachten unter dem Drucke dieses Recensenten, dessen unbedenkliche Art, einem Buchstabenwitz zuliebe einen Erfolg zu schmälern, sie kennen. Die Börsengesellschaft, die doch in ihren Reihen manch ursprünglicheren Humoristen aufweist, schätzt ihn, weil er eine ihr minder geläufige Nuance, den Commis voyageur-Witz repräsentiert. Die Zeitungsleute, die gerade in dieser Species wiederum eine verwandte Saite anklingen hören, feiern ihn als den Nachfolger Heinrich Heines, wenn sie es nicht vorziehen, Aristophanes mit ihm in entehrende Beziehungen zu bringen. Nun, es wird hier noch öfter Gelegenheit sein, an dem Rücken dieser Sippschaft ihre Maßstäbe zu zerbrechen; für heute mag sie sich in ihrem — wenn ich nicht irre — nach Raab zuständigen, mühsam zu Budapester Cultur erzogenen Abgott getroffen fühlen. Auch ist es mir zunächst um die armen Schauspieler und verschüchterten Literaturneulinge zu thun, welche sich im Hörigkeitsverhältnis zu Herrn Julius Bauer viel weniger wohl zu fühlen scheinen, als die Collegenschaft, die erst Überlegenheit des Könnens und der Bildung als Druck empfinden würde. Aber Herr Julius Bauer, der unverdrossene Buchstabenverwechsler, der den Franz-Josefs-Quai lachen macht, wenn er statt »Musentempel« »Busentempel«, wohlgemerkt: B statt M, und statt »Im Wein liegt Wahrheit« »Im Bein liegt Wahrheit«, wohlgemerkt: B statt W sagt, der Routinier einer seit Heine sattsam strapazierten und längst ausgeleierten Versform, übersteigt wahrhaftig das Niveau der Genossen nicht. Gewiss gibt es auch unter den Journalangehörigen Wiens ungleich bessere und gebildetere Stilisten, die nur aus Indolenz oder missverstandener Collegialität sich gegen den widerlichen Cultus eines kleinen Theaterplauderers nicht auflehnen. Unerfindlich bleibt, wie z. B. Hugo Wittmann, der doch — man mag gegen den ausgedienten Feuilletonisten der Bourgeoisie alles mögliche einwenden — an Kenntnissen und erzogenem Geschmack den Journalistendurchschnitt weit überragt, sich mit Herrn Bauer zum Operettenbunde vermählen konnte. Unerfindlich, wie Herr Speidel nach Schluss einer Burgtheaterpremière sich von dem schon inspirationsbedürftig in der Garderobe wartenden Bauer auch nur in den Winterrock helfen lassen kann.

Literarisch gemessen, ist Herr Bauer ein Nachtischhumorist, den man eventuell auch größeren Vereinen zuziehen könnte, aber mit dem Theater haben seine Spässchen nichts zu schaffen, und nur ein Premièrenparket, das auch seine Tafelfreuden mit Herrn Bauer theilt, könnte sie ertragen. Sein Witz entspringt nicht dem launigen Erfassen einer Situation und gehört somit nicht auf die Scene; sein Witz entspringt aber auch keinem Gefühl, keinem Zorn, keiner Meinung — somit gehört er nicht auf Druckpapier. Herr Bauer wäre nicht einmal fähig, seine eigene Missgunst, mit der er jüngeren Gesellschaftswitzlingen begegnen soll, schriftstellerisch zu gestalten. Welcher Laune sollte auch ein Humor gehorchen, der im Wortklang sich befriedigt und dem kein adäquater Ernst als Widerspiel entspricht? Zwischen den Wahrheiten, die dieser Satiriker lachend verkündet, und den Lügen, die er bekämpft, liegt zumeist nur ein Buchstabe, und wenn den der Setzer übersieht — ist das Erbe Heinrich Heines licitando zu vergeben. War die Handschrift deutlich und ist der Setzer achtsam gewesen, wird man Herrn Bauer eine gewisse Fixigkeit, mit der er seine Banalitäten schon fast mechanisch los wird, kaum bestreiten können; aber ebensowenig, dass der Vers — dieser notorische Hochstapler — zur Hebung des geringen Witzgehaltes wesentlich beiträgt. Nicht drei gute Prosazeilen vermöchte Herr Bauer zu schreiben, die, losgelöst von Kalauern, an und für sich zu wirken hätten.

Man glaubt es anderwärts nicht, dass ein Mensch, der, urtheilslos und ungebildet, an Literarisches mit einer durch Wortwitzsucht getrübten Objectivität des Reporters herangeht, bei uns seit Jahren als Kritiker, als Burgtheaterkritiker, in Betracht kommt, dass wir einen Gelegenheitshumoristen die Werke Ibsens beurtheilen lassen.

Wie aber sollte man an der kritischen Führerschaft einer Null Anstoß nehmen, wo die Verseuchung der Vorstadtbühnen durch den nämlichen Herrn Julius Bauer zu den Selbstverständlichkeiten einer jeden Saison gehört? Wo ein aus dem Schlamm der schmierigsten Halbweltanschauung geschaffenes Zeug, wie dieses »Adam und Eva«, wiewohl ihm bei der Première der intensivste Durchfall, den eine Operette seit Jahren erlebt hat, beschieden war, dennoch Dank der beispiellosen Pression des Zeitungsconsortiums auf die Theaterkanzlei einen Winter hindurch den Spielplan »beherrschen« konnte. Was da von dem hurtigen Aufgebot aller Cliquenmänner geleistet, wie da, vom Tage der Erstaufführung an, die Meinung der Theaterbesucher in täglich variierten, mit allem Raffinement wirksamer Abwechslung ersonnenen Reclamenotizen gefälscht, wie da das störrische Publicum förmlich mit Peitschenhieben in das Theater getrieben wurde — das verdient als Denkmal von der Haltung des geistigen Wien am Ausgang dieses Jahrhunderts künftiger Culturberichterstattung überliefert zu werden. Als nichts mehr verfangen wollte und das Arsenal der Lügen von ausverkauften Häusern, eigens nach Wien geeilten Directoren u. s. w. erschöpft war, durfte, ohne dass der Staatsanwalt, dem die Theatersphäre gewiss mancherlei Anregung bieten müsste, auch nur den Finger gerührt hätte, dreist erzählt werden, Erzherzog Franz Ferdinand habe bei einer Aufführung von »Adam und Eva« dem Regisseur sagen lassen, dass er sich ausgezeichnet unterhalte und den Dialog aus dem Textbuch noch einmal kennen zu lernen wünsche. Die Leute, die kurz zuvor durch Herausgabe einer Jubiläumsschrift krampfhafte und dennoch mit keinem Orden belohnte Anbiederungsversuche an die höchste Stelle gemacht hatten, glaubten jetzt ohne Rücksicht auf den § 64 (Beleidigung eines Mitglieds des Kaiserhauses) keck behaupten zu dürfen, dass es den Geschmack des Thronfolgers nach den geistigen Sumpfniederungen eines Bauer’schen Librettos ziehe.

Man muss sich nur die Ungeheuerlichkeiten alle ins Gedächtnis rufen, die später als Offenbarung eines begnadeten und in seiner Laune unerschöpflichen Witzkopfes gepriesen wurden — von denselben Herren gepriesen wurden, die am Abend der Première von dem unzweideutigen Misserfolg consterniert und kopfhängerisch dagesessen waren, als ob sie Mitglieder jener anderen »Concordia« wären, die wirklich Leichen bestattet, und nicht des Vereins, der dem todtgeborenen Erzeugnis eines Collegen zu künstlichem Scheinleben verhilft. Man erinnert sich noch der geschmacklosen Auswucherung biblischer Motive, die nicht anders als etwa eine religionslästernde Annonce des »Paprika-Schlesinger« wirkte, und der gleichfalls — in beiden Fällen wurde auch über »Reaction« gejammert — die unverdiente Ehre einer Censurierung zutheil ward. Noch tönt uns der Refrain Bauer’scher Bibelauffassung in den Ohren:

 

 »Ich bin der Josef Jakobsohn,
Bekannt im ganzen Land,
Der Sohn vom Jakob Kohn,
Der auf der Leiter stand …«

 

noch denken wir an jene andere erquickliche Situation des bilderreichen Werkes, da Sokrates und Plato von einer lebendig gewordenen Herkulesstatue geprügelt werden und Diogenes, der in der »Schönlaterngasse« zu wohnen vorgibt, dem Streite ein Ende macht. Es ist dies eine hellenische Welt, wie sie etwa Stammgäste des Café Ἀβελης oder des dem Carltheater so nahen Café Tifoxilos mit der Seele suchen. Ja, das ist Großverschleiß attischen Salzes. Witzperle reiht sich an Witzperle, und ein ganzer attischer Salzgries liegt vor unseren Augen. Kein Wunder, seit Bauer Herrn Leo Ebermann protegiert hat, kennt er das Griechenthum … Und die actuellen Anspielungen in Menge, die deutlich zeigen, dass Bauers Schaffensgebiet nicht von einem nahen Theaterhorizont begrenzt ist, dass auch die großen Fragen der Zeit ihn beschäftigen und der Menschheit Kummer die empfindsame Saite seines Humors erklingen lässt. So weiß er einerseits, dass Dreyfus Unrecht geschieht, anderseits, dass in Wien behufs Gasrohrlegung die Straßen in schlechtem Zustande sind, und er hat diesem seinem tief socialen Empfinden in beweglichen Coupletstrophen Ausdruck gegeben, oder — wie am andern Tage ein resoluter Schmock niederschrieb — »er bohrt mit aristophanischer Sonde an Zeitverhältnissen herum« — —

Es fiele mir wahrhaftig nicht ein, Herrn Bauers Kreise stören zu wollen wenn sie sich bloß mit den Kreisen dinierender und amusementbedürftiger Börsenmäcene deckten, und ich würde unserem Satiriker, der mit loyalen Verslein immerdar zur Stelle ist, sobald ein Regierungsjubiläum gefeiert wird oder gar Herr von Taussig eine seiner Töchter verheiratet, sogar das längst ersehnte Ordensbändchen oder den »kaiserlichen Rath« gönnen, dessen Fehlen der Lebensanschauung des Humoristen zuweilen einen melancholischen Zug verleihen mag. Allein der arme Wortwitzhascher, der allzulange schon in einem Unsterblichkeitsdünkel dahinlebt und nicht fühlt, dass er in Wahrheit nur ein winziger Nachkomme des der Wiener Kunstluft einst so gefährlichen Saphir’schen Canalgeistes ist, hat die endliche Zurechtweisung verdient. Weit wäre es mit der neu-österreichischen Literatur gekommen, wenn sie ernstlich darauf angewiesen bliebe, sich ihre Wege von dem Hofnarren Rothschilds, vom Aristophanes des Herrn von Taussig bestimmen zu lassen. Wir werden es nicht mehr dulden, dass die wichtigsten Ehrenstellen, welche die Literaturgeschichte zu vergeben hat, in einer Ausschusssitzung des Pensionsfonds der »Concordia« vertheilt werden, und da Heinrich Heine und die andern Großen kein anderes Mittel der Abwehr mehr haben, als sich gegebenenfalls so im Grabe umzudrehen, dass sie mit der Rückenseite gegen Herrn Julius Bauer und die ihn heute noch umheulende Rotte liegen bleiben — wird unsere Pflicht es sein, ihre Namen gegen freche Verunglimpfung zu schützen.

Wenn es den Herren beliebt, sie mögen weiter untereinander in kritischer Blutschande leben und uns noch öfter das Schauspiel bereiten, dass, wie es kürzlich erst geschah, eine führende Zeitung ihre Theaterrubrik wochenlang den Bedürfnissen dreier ihrer eigenen Redacteure zur Verfügung stellt, die im artigen Turnus gegenseitigen Lobes täglich vor den Augen des Publicums abwechseln. Aber neugierig sind wir, ob dieses Publicum noch lange zusehen wird, neugierig, ob es sich bis ins neue Säculum hinein eine Presse gefallen lassen wird, die den Antisemitismus besser zu erzeugen als zu bekämpfen vermag und die deshalb gegenwärtig um nichts heißer bemüht ist, als der Phrase von der »Schmach des Jahrhunderts« angesichts des nahen Verfallstages die nöthige Prolongation zu erwirken — eine Presse, die gegen ihre plumpsten und dümmsten Widersacher unterliegen muss, weil sie Wahrheitsfanatiker entsendet, deren Schuh den Koth schmutzig macht, und die, was sie durch ihre politische und financielle Gebahrung verschuldet hat, nun rasch auch auf dem Gebiete des Theaters producieren möchte. Wenn sie heute in späten Thränen über die veränderte Sinnesart der Bevölkerung ihre eigene schmutzige Wäsche auswindet, so sollte sie nicht vergessen, dass auch die Theatersphäre den von ihr beklagten Einflüssen eines Tages unterliegen könnte. Weil draußen heute — ein natürlicher Wetterwechsel — unfreundliche politische Lüfte weh’n, möge sie sich doppelt hüten, das Foyer zum Ghetto zu verwandeln. Ihr zum Trotz, die unverdrossen täglich ihr »Lacht nur bei Julius Bauer!« annoncierte, ist »Adam und Eva«, von einem entsetzten Publicum täglich von Neuem angeblasen, endlich und endgiltig von der Bildfläche verschwunden. Langsam scheint man sich zu besinnen, und, wenn die Zwischenhändler des Geistes nicht freiwillig bald ein anderes Gebiet industrieller Bethätigung aufsuchen, so wird die allgemeine Vertreibung aus dem Paradiese der Theaterherrschaft nicht mehr allzulange auf sich warten lassen.

 

 

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Quelle: Die Fackel, 1899

Die Fackel war eine von Karl Kraus von 1899 bis 1936 herausgegebene satirische Zeitschrift. In der Vorrede zur Fackel sagt Kraus sich von allen Rücksichten auf parteipolitische oder sonstige Bindungen los. Unter dem Motto „Was wir umbringen“, das er dem reißerischen „Was wir bringen“ der Zeitungen entgegenhielt, sagte er der Welt – vor allem der der Schriftsteller und Journalisten – den Kampf gegen die Phrase an und entwickelte sich zum vermutlich bedeutendsten Vorkämpfer gegen die Verwahrlosung der deutschen Sprache.

Die Fackel kam als Heftchen mit rotem Umschlag heraus, etwa im Format DIN A5. In den ersten Jahren zeigte das Titelblatt die Zeichnung einer Fackel vor der Silhouette Wiens mit dem Symbol des Theaters und der darstellenden Künste – der antiken Theatermasken, die Komödie und Tragödie symbolisieren. Da sein ehemaliger Verleger sich darauf die Rechte gesichert hatte, erschien Die Fackel später mit einem nüchternen Titel, der nur aus Text bestand.

Weiterführend → Lesen Sie auch KUNOs Hommage an die Gattung des Essays.