Das Leben braucht uns nicht

 

Das Leben braucht uns nicht, sagst du, der Satz ist tückisch, denn er suggeriert ein Subjekt über mir. Ich sage, ich bin das Leben, solange meine Sanduhr tickt, und ich werde nicht wahnsinnig wie Hölderlin an dem Gedanken, dass ich in meinem Werk vielleicht doch nicht überleben könnte. Ich krieg’s ja nicht mit. Ich will mir weder beim Sterben zusehen noch beim Überleben, und schon gar nicht beim Schlafen oder Ganztotsein. Jetzt bin ich alles, nachher nichts. Die christliche Hoffnung auf das Umgekehrte ist wahrscheinlich gesünder, aber eigentlich nur so eine komische Art Apotheose der Depression, um sie ertragen zu können. Kann sein, dass Religiosität die beste aller Neurosen ist, was Gesundheit, Leidensfähigkeit und Lebenslänge angeht, aber das will ich nicht. Ich will lieber mein Leiden am Leben so auskosten wie ein Kind, das weint und nicht aufhören will zu weinen, weil es Lust macht. Vielleicht ist die Kunst so ein Weinen und wird zur Kunst des Lebens, wenn wir darin zu leben verstehen. Und ich bin ziemlich sicher, dass es mir gelingt, wenn auch nicht immer, aber doch oft genug. Ein Künstler, hart in die Welt hineingestoßen, aus der er doch flüchtet, hin und her geworfen zwischen zwei Welten wie die Meerjungfrau im Märchen, braucht einen Teufelspakt, um seine Welt erschaffen zu können …

 

„Du bist kein Künstler“, sagte das Mädchen. Sie durchschaute mich. Ich sah durch das Tuch hindurch auf die goldene Spur. Die Gedanken schwanden, wurden blasser, Blut stieg auf … das Mädchen pochte an meiner Haut, ich stieß weit meine Tür auf. Wir beteten ohne Worte. Das Metrum stimmte. Wir reimten uns.

„Wann sehen wir uns wieder?“

„Bald“, flüsterte sie.

Und wo?, fragten meine Augen … Im Himmel, war die Antwort, im Himmel.

 

 

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Gionos Lächeln, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022

Vieles bleibt in Gionos Lächeln offen und in der Schwebe, Lücken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Alltägliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.

Weiterführend →

Eine liebevoll spöttische Einführung zu Gionos Lächeln von Holger Benkel. Er schreib auch zu den Arthurgeschichten von Ulrich Bergmann einen Rezensionsessay. – Eine Einführung in Schlangegeschichten finden Sie hier.