Der Lottospieler

 

Walburga »die Titte« Oschmann verdankte ihren despektierlichen Spitznamen einer anatomischen Besonderheit, die sie weit über das Viertel hinaus zu einer Art Sehenswürdigkeit machte. Während sich ihre linke Brust zu einer ansehnlichen D-Körbchen-Größe entwickelt hatte, war die rechte Brust praktisch nicht vorhanden. »Ein Igel-Schnäuzchen«, sagte Heribert Korenke, der die fragliche Fehlbildung schon bei verschiedenen Gelegenheiten näher in Augenschein neh- men konnte. Verständlich, dass Walburga Oschmann über den Zustand ihres Vorbaus unglücklich war. »Der Mensch strebt schließlich nach Symmetrie«, sagte sie, meist nach dem dritten Ramazzotti, also so gegen elf Uhr vormittags.

Sie führte mit ihrer Krankenkasse seit Jahren eine rege Korrespondenz in dieser Angelegenheit, mit der Bitte, ihr die rechte Brust aufpolstern oder – falls nicht anders möglich – die linke Seite verkleinern zu lassen. Denn die von der Natur so nicht vorgesehene Ungleichheit verursachte bei der 43-Jährigen immer mehr unangenehme Rückenschmerzen.

Bei der Krankenkasse verstand man Walburgas Dilemma, sah sich aber rechtlich nicht in der Lage, sie von diesem zu befreien. Bei öffentlichen Auftritten war sie also weiterhin gezwungen, die eine Hälfte ihres BH’s auszustopfen, damit sie für nicht allzu viel Irritation sorgte. Diese öffentlichen Auftritte beschränkten sich aber vorwiegend auf die Besuche beim Discounter, um Katzenfutter und Fertiggerichte für den täglichen Bedarf zu holen. Für ihre Basisversorgung mit Tabak und Alkoholika sorgte Gerti’s Stübchen, gleich im selben Haus.

In seinem Leben war Heribert Korenke eigentlich nur auf seinen betagten Golf GTI stolz. Zwar war der schon seit langem nicht mehr fahrbereit, dennoch hing der Bauhelfer an ihm auf eine sentimentale Weise, weil es sonst nicht viel gab, an dem er groß hängen konnte.

Seit Jahren spielte Korenke für kleines Geld Lotto, war aber immer zu nervös, die Ziehung live im Fernsehen zu verfolgen. Stattdessen lauschte er auf seinem durchgesessenen senffarbenen Sofa, wie die Zahlen im Radio verlesen wurden. Und je mehr Zahlen er zu hören bekam und sich so sein erneutes Scheitern manifestierte, desto mehr steigerte sich seine Wut. Diese mündete schließlich in der wüsten Beschimpfung der Radio-Sprecherin: »Du Schlammfotze, du widerliche, miese Schlammfotze!«

Ihm gefiel der Ausdruck, also wiederholte er ihn ein paar Mal, während die Nachrichtensprecherin längst ungerührt beim Wetterbericht und der Verkehrslage angekommen war. Die Nachbarn kannten diese Auftritte und nahmen sie kommentarlos hin, nur Walburga rief gelegentlich durchs offene Fenster: »Lass mal gut sein, Heribert!«.

Man kann Korenkes Leben aber nicht als komplette Katastrophe bezeichnen. Es gab Tage, da fand er es insgesamt eigentlich ganz in Ordnung. Dann hörte er Musik von Tony Marshall oder schaute etwas im Frühstücksfernsehen. Doch diese Tage waren eher selten.

Das galt auch für den regnerischen Mittwoch, an dem sein Golf verschwand. Jeder hier kannte Korenkes Auto, nicht zuletzt, weil er ihn eigenhändig giftgrün lackiert hatte, mit einer billigen Farbe, die zügig wieder abblätterte. Doch weil Korenke in seinem sonstigen Leben kaum mehr als eine Fallnummer war, schien es ihm wichtig, mit seinem Auto Individualität zu zeigen.

Und eines Morgens war dieses Auto weg, trotz des defekten Vergasers. Eigentlich hatte es unter der Straßenlaterne an der Mauer mit dem ACAB-Graffito geparkt, wo es schon ein halbes Jahr gestanden hatte, eben weil es einfach keinen Meter weiterkam. Und wohl jeder in der Straße erinnerte sich an den Tag, an dem der Golf den Geist aufgegeben hatte. Damals hatte der vor Wut weinende Korenke so heftig gegen die Fahrertüre getreten, dass diese eine deutliche Delle bekam.

Irgendwann später brach dann jemand die Scheibenwischer ab und knickte die Antenne um, was Korenke relativ gelassen nahm, da ihm das dazugehörige Autoradio schon lange vorher gestohlen worden war. Doch der plötzliche Verlust des Autos traf ihn stärker, als er sich selbst eingestehen wollte. »Futsch, einfach so«, fasste er es tief erschüttert gegenüber Walburga Oschmann zusammen, die noch den Morgenmantel trug und für ihren Nachbarn eine Tasse Pulverkaffee aufgebrüht hatte. »Naja«, sagte sie dann, um überhaupt etwas zu sagen, seufzte kurz, wollte ihre Rücken- schmerzen erwähnen, verkniff es sich aber.

In den kommenden Tagen stromerte Korenke durch das Viertel, vage spekulierend, dass sein Auto in dem insgesamt maladen Zustand nicht weit kommen würde. Die Diebstahlsanzeige schob er immer wieder hinaus, nicht zuletzt, weil seine Begegnungen mit der Polizei bislang meist nicht sehr erfreulich verlaufen waren. Irgendwann stand er dann immer durchgefroren bei Walburga Oschmann vor der Tür, die bestenfalls eine Portion eingeschweißtes Nasi Goreng in die Mikrowelle schob, um dann, ihre Rückenschmerzen ignorierend, mit Korenke noch ein wenig zu schmusen. Mehr ging ja sowieso nicht mehr.

Und so gingen die Tage und Wochen ins Land, bis Korenke schließlich doch den Autodiebstahl bei der Polizei anzeigte. Dann aber ging alles ganz schnell. Die kleine, pummelige Polizistin ließ sich das Kennzeichen geben und forschte im Computer nach. »Da isser ja. Ein Golf GTI von ’92, sagten Sie?« Korenke konnte sein Glück kaum fassen. Endlich wird alles wieder gut: »Wo steht er denn? Ich hole ihn gleich ab.«

»Tja, stehen tut er jetzt eigentlich nirgendwo mehr…«, sagte die Polizistin gedehnt und dann erklärte sie es ihm. Schon vor Monaten hatte irgendjemand bei der Stadt ange- rufen und den Golf als Schrottauto gemeldet. Dann hatte sich die Verwaltung erfolglos bemüht, den Besitzer heraus- zufinden: »Haben sie denn nicht den roten städtischen Auf- kleber am Auto gesehen«, wunderte sich die Polizistin. Und Korenke dachte daran, dass er seinen letzten Umzug extra nicht gemeldet hatte, auch um den lästigen Briefen seiner Gläubiger zu entgehen. Genau deshalb konnte ihn auch die Stadt nicht erreichen.

Irgendwann hatte die Verwaltung dann den Golf abschleppen lassen. »Der ist inzwischen längst verschrottet«, meinte die Polizistin, nicht sicher, ob der Autobesitzer sie auch verstanden hatte. Hatte er aber. ›Du dusselige, frigide Arschkuh‹, wollte Korenke noch sagen, besann sich aber ei- nes Besseren und sackte etwas in sich zusammen. Dann nickte er kurz und taumelte durch die Türe der Wache.

Wie betäubt schlich Korenke wieder zurück in seine Straße. Dieser Tag war gelaufen. Sein ganzes Leben war ge- laufen. Ihm blieb nun nur noch der Besuch in der Lottoannahmestelle. »Na Heribert, isses mal wieder so weit«, begrüßte ihn Metin, der ihn so seit Jahren begrüßte, wenn er seinen Lottoschein abgab. Zwei Spielfelder gönnte er sich jeden Montag, mehr war einfach nicht drin.

Heribert hatte immer einen ganzen Stapel Lottoscheine zuhause, um im Falle eines Verschreibens auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Das Ausfüllen war stets eine Art rituelle Handlung, immer mit dem Kugelschreiber von der Kreissparkasse, den er nur für diesen Zweck verwendete. Andererseits schrieb Korenke sonst ja kaum etwas.

Die Zahlen für das erste Spielfeld waren seit Jahren immer dieselben, irgendwelche Geburtstage und Jahrestage, die Heribert aus Sentimentalität ausgewählt hatte. Das zweite Spielfeld wurde immer intuitiv ausgefüllt; ein Vorgang, der einige Zeit und Aufwand in Anspruch nahm. Meist schaltete Heribert dafür das Radio ein und drehte es etwas leiser. Dann machte er sich einen leicht gekühlten Tetra-Pak mit Winzerstolz trocken und eine Packung Salzstangen auf, ehe er sich gut eine Stunde lang der heiklen Aufgabe wid- mete, die möglichst vielversprechendste Zahlenkombination zu ermitteln.

Fast ärgerte es ihn, dass Metin so respektlos den aufwändig komponierten Spielschein entgegennahm. Aber er verkniff sich seine Wut, kaufte noch die obligatorischen zwei Päckchen Schwarzer Krauser und zahlte.

An der Bushaltestelle sah er ihn dann. Eingeklemmt zwischen Mülleimer und Sitzbank, leidlich geschützt vor Wind und Regen lag dort die Spielquittung eines vollständig ausgefüllten Lotto-Scheins. Korenke wollte zuerst seinen Augen nicht trauen, dann beugte er sich vor und fummelte den Schein aus der Ritze nahe dem Boden, ohne ihn zu zerreißen. Niemand war in der Nähe, der diesen Schein verloren haben könnte. Heribert strich den Zettel glatt und steckte ihn behutsam in seine Brieftasche. Auf den Gedanken, den Zettel als Fundsache abzugeben, kam er keinen Moment.

Denn Heribert Korenke war sich so sicher, wie noch nie zuvor in seinem Leben: Das war ein Zeichen. Erst der tragische und unersetzliche Verlust seines Autos, dann dieser magische Fund.

So jedenfalls erzählte er es Walburga Oschmann, die bei seinem Eintreffen gerade wieder mal mit ihrem Arzt telefo- nierte. Walburga zuckte mit den Achseln, schenkte ihm aber immerhin einen halben Schwenker Weinbrand ein: »Den kannste jetzt vertragen, was Heribert?« Und er nickte.

Die nächsten Tage lebte Korenke wie in Trance. Er sah sich außerstande, seine wenigen alltäglichen Routinen aus- zuführen, sogar das Radio blieb aus. Stundenlang starrte er auf den gekachelten und verkratzten Wohnzimmertisch, wo die Lottoquittung lag, die, da war er sich ganz sicher, für ihn die Eintrittskarte in ein neues, besseres Leben war: »Es muss ja gar nicht mal der Hauptgewinn sein«, erläuterte er Oschmann: »Ein paar Hunderttausend reichen – so als Grundstock. Ich brauche ja nicht viel.« Und Walburga nickte, mehr mit sich selbst beschäftigt.

Korenke achtete auch peinlich darauf, dass er keine Fenster öffnete, damit kein Durchzug den Lottoschein aus dem Fenster wehen würde. Zuzutrauen wäre es ihm, da machte er sich nichts vor. Am Tag der Lotto-Ziehung schien er zu fiebern, auch speichelte er heftig. Der größte Druck war, jetzt noch keine Pläne mit dem gewonnenen Geld machen zu können, auch wenn ihm das schwerfiel. Zum ersten Mal in seinem Leben spürte er sein Herz pumpen, sein Kopf war knallrot.

Gegen seine Gewohnheit schaltete er den Fernseher mit der Übertragung der Lottozahlen ein. Er verachtete die Lottofee für ihre belanglose Plauderei zur Einstimmung und schloss die Augen, als die 49 Kugeln mit einem nahezu synchronen »Klack« in den Plastikbehälter rollten.

Dieses Mal fluchte er nicht. Keine einzige Zahl stimmte, nicht eine einzige auf dem ganzen Schein – und wenn Korenke ein wenig ehrlich zu sich selbst war, überraschte ihn das kein bisschen: »Scheibenkleister, Jägermeister«, murmelte er dann, als im Fernsehen bereits der Programmhinweis für den Tatort lief. Er wollte aufstehen, setzte sich dann wieder hin und befand, er hatte keine Kraft mehr für gar nichts. Auf dem zweiten, von ihm selbst ausgefüllten Schein, waren es immerhin drei Richtige, aber das sollte ihm erst einige Tage später auffallen.

Walburga Oschmanns Rückenschmerzen waren immer schlimmer geworden. Endlich vertraute sie ihre Katzen San- ne an und ging ins Krankenhaus. Drei Tage später hatte Korenke endlich Kraft genug gefunden, sie zu besuchen. Walburga saß in einem dunkelblauen Jogginganzug auf dem Bett. Als sie ihn sah, platzte es aus ihr heraus: »Brustkrebs. sie nehmen mir die linke Brust ab. Endlich. Nach all den Jahren.« Walburga weinte und strahlte ihn gleichzeitig an. »Ist nicht wahr«, sagte Korenke und weinte und lachte ebenfalls. »Das Leben ist manchmal so…«, sagte Walburga Oschmann und wandte sich ab, weil sie nicht wollte, dass Korenke noch länger ihre Tränen sah.

An diesen Moment dachte Heribert Korenke auch acht Monate später, als sie Walburga auf dem kleinen Stadtteilfriedhof beerdigten, er, der Metin, die Gülay, Sanne und die Gerti aus Gerti’s Stübchen. »Der Herr ist mein Hirte«, hatte der Pfarrer gebetet, und Heribert war sich sicher, dass sich Walburga gewundert hätte: »Was soll das denn, ich bin doch kein Schaf.« Doch jetzt musste sich Heribert allein wundern.

300 Euro hatte Walburga ihm hinterlassen und die beiden Katzen; das hätte gereicht, um den Vergaser des Golfs reparieren zu lassen. Und um endlich mal wieder richtig Lotto zu spielen.

 

 

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Irgendwas ist immer, Stories von Markus Peters, CHORA Verlag, Duisburg, 2021

Mit diesen großartig geschriebenen Prekariatsstories setzt Markus Peters die Tradition der nonkonformistischen Literatur nicht etwa fort, er führt sie zu neuer literarischer Größe. Man merkt seinen Worten an, das sich der Autor auch Lyriker einen Namen gemacht hat, so präzise ist die Sprache gesetzt. Es sind Geschichten von der Schattenseite der deutschen Gesellschaft, die Peters umso heller ausleuchtet, er begibt sich an Orte, zu denen sich die Kommerzsender mit ihren gecasteten Formaten nicht mehr hintrauen. Das Bemerkenswerteste an seinen Satiren, Stories und Kolumnen ist, bei aller Lakonie und Unsentimentalität, die uneingeschränkte Solidarität mit seinen Figuren, ohne jegliche Distanz und Ironie. Unterschichten-Elendsvoyeurismus wie ihn der NDR mit einer getürkten Reportage über den Straßenstrich ins öffentlichen-rechtlichen Gebühren-TV hob, sucht man in seinen Satiren, Stories und Kolumnen vergeblich, es ist vielmehr ein journalistischer Blick auf die Realität. Seine gleichsam essayistischen Betrachtungen leben von der Schilderung der Realität im Bruchstück. Auf unterhaltsame Weise verpasst dieser Autor dem Alltag in seinen Satiren, Stories und Kolumnen einen wohldosierten Dreh ins Aberwitzige. Einen Vergleich mit der Prosa von Clemens Meyer braucht dieser Autor nicht zu scheuen. Für KUNO war dieses Buch ein Anwärter auf „das Buch des Jahres“ 2021.

 

Weiterführend zur Theorie des Sozialen

Eine Theorie des Sozialen lautet, es gebe in der Politik keine Lücken. Immer wo sich eine auftue, werde sie sofort von anderen Akteuren besetzt. Kaum jemand hat die Lückenhaftigkeit des Underground so konzequent erzählt wie Ní Gudix und ihre Kritik an der literarischen Alternative ist berechtigt. Ein Porträt von Ní Gudix findet sich hier. Lesen Sie auch die Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker von Werner Streletz und den Nachruf von Bruno Runzheimer. In einem Kollegengespräch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die Ruhrgebietsromantik. Mit Kersten Flenter und Michael Schönauer gehörte Tom de Toys zum Dreigestirn des deutschen Poetry Slam. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie hier – Sowie selbstverständlich his Masters voice. Und Dr. Stahls kaltgenaue Analyse. – 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte Seine größten Erfolge. Produziert von Helge Schneider und Tom Täger im Tonstudio/Ruhr. Constanze Schmidt beschreibt den Weg von Proust zu Pulp. Ebenso eindrücklich empfohlen sei Heiner Links Vorwort zum Band Trash-Piloten. – Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine Realsatire aus dem Jahr 1993 heraus, die er für den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat.