Clara und ihre Morde

 

Zum Donaukanal zieht es dich hin, früh bereits. Mit dem Nachbarsjungen. Denn die Wohnung ist eng und dunkel. Weißt du noch, Clara? Da spielt ihr unter Tags, wenn es warm genug ist. Für dich bedeutet der Weg ans Ufer des Flusses eine Weltreise. Die zehn Minuten, die du die Straße bergab gehst, kommen dir lang und gefährlich vor. An den Rand der Straße flüchtest du, sobald einer der Zeitungsverkäufer mit seinem Leiterwagen kommt, weichst zurück vor den Kutschen und den vereinzelten Automobilen, deren Auspuffe laut knattern. Denn: Die Welt ist böse. Das hast du von der Mutter gelernt, oder? Da zieren vereinzelte Bäume die Straße, deren Blüten im Sommer aussehen wie Watte, rosig, regen zum Träumen an. Als würden den Bäumen Wolken wachsen, denkst du. Und dass die Bäume klingen, aber anders als Worte. Die Bäume klingen als Wind! Erinnere dich: »Wart!«, rufst du dem Nachbarsjungen zu.

   Füße laufen, straucheln, du folgst dem Jungen zum Ufer, der schon eifrig beginnt, Wasser in einen kleinen Holzkübel zu schöpfen.

   »Ich koch jetzt Suppe«, sagt er. »Für den Vater.«

   Du nickst. Du weißt, dass man so etwas eigentlich hat: einen Vater. Alle, nur du nicht. Egal, du hast einen Großvater, oder? Und noch ist der Tag magisch. Du lernst also von dem Nachbarsjungen, übernimmst die Gesten, die Worte, die Art zu gehen. Lässt dich von ihm auf eines der Bänkchen am Fluss ziehen, als er seine Schöpfarbeit beendet hat. Das Bänkchen ist grün lackiert und hat Spalten. Wie sich das seltsam anfühlt unter den Pobacken! Clara, noch bist du klein. Du schlenkerst mit den Beinen. Gemeinsam seht ihr in die Ferne und trinkt von dem Wasser der Donau, das ein bisschen lehmig schmeckt. Sonst geschieht nichts. Die Sonne brennt, Hitze sticht. Hin und wieder ein Vogel am Himmel, der gurrende Schreie ausstößt. Du baumelst mit den Beinen in die Tiefe, legst den Kopf schräg und siehst in den Himmel. Der erscheint dir so weit, dass dir mit einem Mal fast ein wenig bang ist.

   »Wo hört der Himmel auf?«, fragst du den Nachbarsjungen.

   »Der Himmel, der hört nicht auf«, entgegnet er.

   »Woher weißt du das denn?«, bohrst du nach.

   »Hat der Vater gesagt.«

   Schon wieder das Wort: Vater. Weißt du noch, Clara, in dir wird es plötzlich doch schwer. Aber du nickst und tust wissend, obwohl du keine Ahnung hast, was das bedeutet, wenn etwas nicht aufhört. Können die Worte überhaupt in einen Rahmen fassen, was sie beschreiben? Manchmal kommt dir alles unendlich fremd vor, du betrachtest deine Glieder wie eigenartige Gebilde, die nicht zu dir gehören. Genauso, wie die Dinge nicht zu den Worten gehören. Nicht ganz. Nur fast. Ja: So siehst du dich an, Clara.

   »Iss, Clara!«, sagt da der Nachbarsjunge und hält dir eine Semmel hin. Du nestelst nach der Milchflasche, die du in deinem Schürzchen verstaut hast, und reichst sie ihm.

   Gemeinsam stopft ihr Semmeln und Milch in euch hinein, bis euch fast schlecht wird, sich alles aufbauscht in den Mündern. Du kannst gar nicht mehr hinunterschlucken, Clara, ehrlich! Aber satt bist du, endlich, und das ist selten, denn die Mutter hat wenig Geld. Jetzt willst du dich nur an die behagliche Schulter des Nachbarsjungen lehnen und schlafen. Du seufzt. Der Nachbarsjunge sitzt neben dir und riecht nach Milch und Sonnenbrand.

   In dem Moment hüpft etwas vom benachbarten Baum auf euch herab. Du siehst eine Art Schliere in der Luft, die geschmeidig auf dem Erdboden vor euch aufkommt. Was ist denn das?

   »Ein Kätzchen!«, ruft der Nachbarsjunge aus.

   Schon wieder ein neues Wort, denkst du. Die Worte machen dir manchmal Angst, und manchmal geben sie Sicherheit. Wenn sie in einem Märchen sind zum Beispiel. Später wirst du deinen Männern Märchen erzählen, und du wirst gut darin sein, wirst daran glauben. Egal: Jetzt bist du klein. Schwer jedenfalls ist es auszusprechen, man muss es förmlich zerkauen: Kät-z-chen! Und wie das aufspringt im Rachenraum! Der Nachbarsjunge hebt das Tier hoch, schiebt es zwischen euch auf die Bank. Du staunst. Kätzchen ist also ein Fellbündel, das jetzt zwischen euch sitzt und leise maunzt. Es hat gezackte Ohren und Augen wie Knöpfe, es ist winzig und trotzdem am Leben, kaum zu glauben! Du schaust und schaust und kannst es nicht begreifen. »Kätzchen.«

   »Das müssen wir mit heimnehmen«, sagt der Nachbarsjunge und lächelt.

   »Ja!«, findest auch du, die du ohnehin alles findest, was der Nachbarsjunge findet. Du bestaunst das Tier.

   »Kätzchen« hat eine rosige Zunge, mit der es leckt, und Kätzchen passt in eine Hand. Du denkst, dass du »Kätzchen« lieb hast. Und auf einmal hast du Angst, es könnte verwundet werden. Die Spitzhacke der Mutter in der Küche fällt dir ein. Aber du schiebst den Gedanken rasch weg.

 

 

***

Clara und ihre Morde, Roman von Sophie Reyer. Emons Verlag GmbH 2021

Wien 1909: Junggeselle Johann Glücksstein ist fasziniert von der schönen Clara, die zusammen mit ihrem Mann Egon und den beiden Kindern in die benachbarte Villa im wohlhabenden Viertel Hietzing einzieht. Clara pflegt einen extravaganten Lebensstil, doch dann ereilt die Familie ein schreckliches Schicksal: Bei einem Arbeitsunfall verliert Egon ein Bein. Aber war es tatsächlich ein Unfall? Es gehen Gerüchte um, und die makellose Fassade von Clara beginnt zu bröckeln – was verbirgt die engelsgleiche Frau?

Weiterführend → 

Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. In ihrem preisgekrönten Essay Referenzuniversum geht sie der Frage nach, wie das Schreiben durch das schreibende Analysieren gebrochen wird. Vertiefend zur Lektüre empfohlen, das Kollegengespräch :2= Verweisungszeichen zur Twitteratur von Sophie Reyer und A.J. Weigoni zum Projekt Wortspielhalle. Hören kann man einen Auszug aus der Wortspielhallein der Reihe MetaPhon.

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