Vom Übersiedeln in eine geistige Wirklichkeit

A text that alludes to Eliot’s Waste Land, was set to music by Tom Täger, using minimalist techniques and sound effects like the rustle of paper.

Judith Ryan · The Long German Poem in the Long Twentieth Century

Bibiana Heimes in der Rolle von Jo Chang

Einst nannte man sie Heimatvertriebene, in der Sprache der Gutmenschen nennt man den Sachverhalt: Migration. Heimatverlust und permanentes Unbehaustsein, Identität und Fremdheit, Lebensferne und Lebenshunger, Verwundbarkeit und Kompromisslosigkeit, Zorn und Zärtlichkeit, Bitterkeit und Sehnsucht öffneten provokativ und produktiv bei Jo Chang einen inneren Gesprächsraum mit der Sprache. Aus diesem Gespräch mit der Sprache lebt dieses Langgedicht, ihm entspringt es. Sprechen bedeutete für die Artistin das Erfinden und Finden im Wort, auch existentiell sowohl verstanden als Leben, als auch als Überleben. Unbehaust ist ein lyrisches Monodram mit einer aus Distanz erinnerter, einer gelebten wie geträumten Wirklichkeit bedingt einen hohen Grad an Performanz. Während viele ihrer ins Exil getriebene in Verzweiflung, Resignation und Selbstaufgabe verfielen, artikuliert sie das Sprechen, um zu überleben, zu einer Selbstbehauptung und Widerstandskraft, zu einem unermüdlichen, ungebrochenen Tun, zu einer Erwiderung auf existentielle Fragen. Sprache ist die letzte verbleibende Heimat und Behausung geblieben. Folgt man den Gedanken Weigonis, ist die Hörspielfassung von Unbehaust ein Stück über die (mögliche) Freiheit des Einzelnen innerhalb der Unfreiheit der Bedingungen. Jeder träumt den autonom-autistischen Traum vom Leben als Held. Jo Chang, die Heldin, mißtraut diesem Traum. Sie führt ihn vor, destabilisiert, zerreißt ihn. Das Leben bietet andere Realitäten. Und mehr noch, eine partielle interkulturelle Andersartigkeit. Das Formganze dieses Monodrams wird nicht durch metronomgenaues Durchschlagen der Poesie von außen übergestülpt, sondern entwickelt sich bruchhaft und widerspruchsvoll gerade aus der Verschiedenheit ihrer Bestandteile. Kongenial begleitet durch den Komponisten Tom Täger, der für seine Komposition ausschließlich Papiergeräusche verwendet hat. Es geht um das Entkolonisieren der Zeit, das Ausbrechen aus der westlich geprägten Hegemonie der Linearität. Diese Musik verzichtet auf das in europäischer Musiktradition typische Metrum, den Taktschlag, nicht aber auf einen Puls, dieser bildet den Ausgangspunkt für die Klangerforschung. Dieser Klang hat einen psychotropen Effekt, er öffnet ein neues Fenster im Wahrnehmungssystem.

Poesie ist eine alchemistische Kunst.

Holger Benkel

Das Hörspiel ist gleichsam ein Wassertropfen, in dem sich die Welt spiegelt. Erfahrung einatmen, Poesie ausatmen. Der Autor erhebt Satzschachtelungen, Paraphrasen und fragmentarische Wiederholungen zur Kunstform. Die Schauspielerin Bibiana Heimes erzeugt einen geradezu körperlichen Rhythmus von Umkreisen, von Innehalten und Weiterspinnen. Leben und Dichtung sind nicht getrennte Bereiche, sie entwickeln sich miteinander in Verantwortung und Zeugenschaft. Stenografische Spontaneität und szenografisches Geschick sind in diesem Stück kein  Widerspruch.

A.J. Weigoni stellt mit einen Hörspiel unser Zeitempfinden und unsere Vorstellung von Identität auf die Probe. Der vielfach ausgezeichnete ungarisch-deutsche Schriftsteller und  Medienpädagoge Weigoni schafft mit seinem Text, Papiergeräuschen und der Stimme von Bibiana Heimes  eine Atmosphäre, die uns einem Gedanken ganz schnell auf den Pelz rücken lässt: wir sind alle Gefangene unserer selbst.

Buchpiloten, Radio Bremen

Dieses Langgedicht schraubt sich wie Tunnelbohrer durch zeitgenössische Erfahrungsräume. Ob dieses Monodram etwas bedeuten soll, ist zweitrangig. Entscheidend ist, daß sie sich ereignet. Diese Lyrik ist ein Sprachgeschehen, das die Leser synchron miterleben können, vorausgesetzt, er ist bereit, den sprunghaften Wechsel zwischen symbolistischen und gegenständlichen Weltbeschreibungen mitzuvollziehen. Es ist ein intellektuelles Vergnügen sich an dem eigenwilligen Umgang mit literarischen Formen und Tonarten zu erfreuen. Weigoni liefert in seinem Monodram ein subtiles Kammerspiel eines inneren Monologs. Die Schauspielerin Bibiana Heimes ist Silbe für Silbe auf der Suche nach dem Kern und sieht darin eine Metapher zu den Bekleidungen der eigenen Identität. Sie gestaltet feine Zäsuren im Redefluss mit einer freien, reinen Gelenkigkeit als Sprecherin, eine locker schraffierte Haltung, überhaupt das Skizzenhafte, die hingehauchte, nie vollends auserklärte Figur. Jo Chang laboriert mit Methoden zum Einfangen irrationaler Verbindungen mittels der „écriture automatique, sie erkennt die seelischen Verkrüppelungen, Restriktionen und kommunikativen Verarmungen, das Orientierungsdefizit der Mitmenschen, ihre autistischen Tendenzen, Doppelmoral, Neurosen und den Lebensverzicht. Vertreibung, Heimatlosigkeit, Unterwegssein, Fremdsein und innere wie äußere Entfremdung ist erinnertes Schicksal. Jo Chang ist die Sprache die letzte verbleibende Behausung geblieben. Diese Perspektive birgt reizvolle Chancen für kleine Grausamkeiten und unerwartete Wahrheiten.

 

 

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Unbehaust ist enthalten in: Der Schuber, Werkausgabe der sämtlichen Gedichte von A.J. Weigoni. Edition Das Labor, Mülheim 2017

Der Schuber wurde handgefertigt von Olaf Grevels (Vorwerk Kartonagen) – Photo: Jesko Hagen

Die fünf Gedichtbände erscheinen in einer limitierten und handsignierten Ausgabe von 100 Exemplaren. Mit dem Holzschnitt präsentiert Haimo Hieronymus eine handwerkliche Drucktechnik, er hat sie auf die jeweiligen Cover der Gedichtbände von A.J. Weigoni gestanzt hat. Bei dieser künstlerischen Gestaltung sind „Gebrauchsspuren“ geradezu Voraussetzung. Man kann den Auftrag der Farbe auf dem jeweiligen Cover direkt nachvollziehen, der Schuber selber ist genietet. Und es gibt keinen Grund diese Handarbeit zu verstecken.

Alle Exemplare sind zusammen mit dem auf vier CDs erweiterten Hörbuch in einem hochwertigen Schuber aus schwarzer Kofferhartpappe erhältlich.

Weiterführend → Mehr zur handwerklichen Verfertigung auf vordenker. Eine Würdigung des Lyrik-Schubers von A.J. Weigoni durch Jo Weiß findet sich auf kultura-extra. Margeratha Schnarhelt ergründelt auf fixpoetry die sinnfällige Werkausgabe. Lesen Sie auch Jens Pacholskys Interview: Hörbücher sind die herausgestreckte Zunge des Medienzeitalters. Einen Artikel über das akutische Œuvre,  mit den Hörspielbearbeitungen der Monodramen durch den Komponisten Tom Täger – last but not least: VerDichtung – Über das Verfertigen von Poesie, ein Essay von A.J. Weigoni in dem er dichtungstheoretisch die poetologischen Grundsätze seines Schaffens beschreibt.

Hörbproben → Probehören kann man Auszüge der Schmauchspuren, von An der Neige und des Monodrams Señora Nada in der Reihe MetaPhon.