Eine Symphonie der Synästhesie

„630“ beweist, dass Töne, Wörter und Bilder einander etwas zu sagen haben. Es herrscht ein kreatives Einvernehmen, bei dem keine Gattung die Vorherrschaft beansprucht. Wo das Bild schweigt, setzt der Klang an; wo das Wort endet, öffnet sich der visuelle Raum. Diese Gattungsübergreife führt dazu, dass das Sehen, Lesen und Hören sich in alle Richtungen öffnen.

Das schönste Girl am Stand von Neheim-Hüsten

Das multimediale Projekt 630 stellt ein bemerkenswertes Beispiel für die Verschmelzung von verschiedenen Kunstformen dar. Als Gesamtkunstwerk, das Bildende Kunst, Klangkomposition und Literatur miteinander verbindet, präsentiert es eine vielseitige und facettenreiche Erfahrung, die das Publikum sowohl intellektuell als auch emotional anspricht. Das Projekt folgt einer radikalen Ästhetik: Auflösen, andersdenken, zersplittern und neu zusammensetzen. Diese vier Schritte beschreiben den Prozess einer schöpferischen Dekonstruktion. Meilchens visuelle Welten sind keine statischen Illustrationen, sondern Ausgangspunkte für Tägers Klangkompositionen, die wiederum durch Weigonis literarische Präsenz eine semantische Erdung – oder eine weitere Abstraktion – erfahren. ´Zersplittern` ist hierbei kein Akt der Zerstörung, sondern eine Voraussetzung für die Neuzusammensetzung zu einer Mixed-Media-Erfahrung, die den Rezipienten auf mehreren Sinnesebenen gleichzeitig fordert.

Das Besondere am Projekt 630 liegt in seiner gattungsübergreifenden Herangehensweise. In der zeitgenössischen Kunst gibt es oft die Tendenz, Grenzen zwischen unterschiedlichen Medien zu ziehen. Jedoch überschreitet dieses Projekt diese Linien und lädt dazu ein, klassisches Denken über Gattungen zu hinterfragen. Durch den kreativen Dialog zwischen den Mitwirkenden – dem bildenden Künstler Peter Meilchen, dem Komponisten Tom Täger und dem Sprechsteller A.J. Weigoni – wird ein Raum geschaffen, in dem die Kunst nicht mehr als isolierte Disziplin verstanden wird, sondern als dynamischer Austausch zwischen verschiedenen Ausdrucksformen.

„630“ beweist, dass Töne, Wörter und Bilder einander etwas zu sagen haben. Es herrscht ein kreatives Einvernehmen, bei dem keine Gattung die Vorherrschaft beansprucht. Wo das Bild schweigt, setzt der Klang an; wo das Wort endet, öffnet sich der visuelle Raum. Diese Gattungsübergreife führt dazu, dass das Sehen, Lesen und Hören sich in alle Richtungen öffnen.

Diese Interaktion zeigt sich in der Art und Weise, wie Sehen, Lesen und Hören miteinander verwoben sind. Die visuelle Kunst von Meilchen ist nicht dekorativ, sondern unterstützt und bereichert die Klangkomposition von Täger, während die Texte von Weigoni das Publikum dazu anregen, die dargestellten Konzepte weiterzudenken. Hier manifestiert sich eine Art von Zusammenarbeit, die über das Individuum hinausgeht und in den kollektiven kreativen Prozess eintaucht.

Ein zentraler Aspekt des Projekts ist der Dialog zwischen den verschiedenen Sinneseindrücken. Töne, Bilder und Worte stehen in einem kreativen Austausch miteinander. Dabei wird deutlich, dass jeder Aspekt des Kunstwerks einen Mehrwert bietet und das Gesamterlebnis intensiviert. Die Klanglandschaften von Täger sind so gestaltet, dass sie visuelle Eindrücke erzeugen, während die Texte von Weigoni nicht nur gehört, sondern auch gefühlt werden können. Der Sprechsteller sprach das Hörbuch selbst ein, wobei seine intuitive Radiostimme Tonfall, Rhythmus und Satzmelodie einfängt, was die Sprache in eine performative Dimension hebt. So wird Literatur nicht nur gelesen, sondern gehört und visualisiert, was den Widerstand gegen kulturellen Niedergang durch humanistischen Impuls unterstreicht. Die Zuhörer sind nicht passive Konsumenten, sondern aktive Teilnehmer, die eingeladen werden, ihre eigene Interpretation zu entwickeln. Diese Form des Mixed Media führt zu einer intensiven Auseinandersetzung mit psychologischen und emotionalen Themen, die in der Kunst behandelt werden.

Das Konzept von „630“ wurzelt in einer transmedialen Erzählung, die Themen wie Erinnerung, Identität, Vergänglichkeit und die Verschmelzung von Realität und Ästhetik aufgreift.

Das Konzept des Auflösens von Gattungen und des Neuzusammensetzens ist ein wichtiger Bestandteil des Projekts 630. Es ermutigt das Publikum, das Gewohnte zu hinterfragen und neue Wege des Denkens und Fühlens zu finden. Diese Offenheit führt zu einem kreativen Raum, in dem Innovation und Inspiration gedeihen können. Kunst wird hier als ein aktiver Prozess wahrgenommen, der ständig in Bewegung ist und sich anpasst. Das Projekt ermutigt dazu, die bestehende Kunstlandschaft in Frage zu stellen und Traditionen zu hinterfragen. Es eröffnet Räume für alternative Narrative und Perspektiven, die in der gegenwärtigen Kunstwelt oft vernachlässigt werden.

„630“ ist mehr als die Summe seiner Teile: Es ist ein Plädoyer für die Auflösung starrer Gattungen und die Neuschöpfung durch Kollaboration. In einer Welt, die von Fragmentierung geprägt ist, bietet es eine harmonische Synthese, die den Betrachter, Leser und Hörer einlädt, Grenzen zu überschreiten.

Das multimediale Projekt 630 ist mehr als nur eine Zusammenführung von Kunstformen; es ist ein zeitgemäßes Gesamtkunstwerk, das den Betrachter anregt, über die Grenzen der traditionellen Kunst hinauszudenken. Es ist ein Plädoyer für die Grenzüberschreitung und fordert das Publikum Betrachtenden auf, die starren Kategorien der Kunstkritik hinter uns zu lassen und uns auf ein Experiment einzulassen, bei dem die Sinne nicht nacheinander, sondern simultan angesprochen werden. Es ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie moderne Kunst durch Kollaboration an Relevanz und Tiefe gewinnt. Die Interaktion zwischen Bildender Kunst, Klang und Literatur eröffnet neue Wege des kreativen Ausdrucks und ermutigt zur aktiven Teilnahme. In einer Welt, in der Kunst oft puristisch interpretiert wird, zeigt 630 eindrucksvoll, dass Kunst ein kollektives Erlebnis ist, das die Sinne auf einzigartige Weise anspricht und bereichert.

 

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630, Buch / Katalog-Projekt  von Peter Meilchen, Tom Täger und A.J. Weigoni. Edition Das Labor, Bad Mülheim 2018.

Covermotiv von Krumscheid / Meilchen

In 2014 erinnerte der Kunstverein in Linz mit einer Ausstellung an den Künstler, in der erstmals die Reihe Frühlingel vorgestellt wurde. Zu diesem Anlass erschien mit der Wortspielhalle eine Publikation, die als Role Model für dieses Buch / Katalog-Projekt dient, das zum 10. Todestag erscheint. Das Buch/Katalog-Projekt 630 – mit bislang nicht gezeigten Arbeiten des Künstlers – erschien am 27.10. 2018, es gibt einen konzisen Überblick über die künstlerische Arbeit von Peter Meilchen in Linz und in der Werkstattgalerie Der Bogen.

 

Weiterführend → Einen Essay zur Ausstellung 50 Jahre Krumscheid / Meilchen lesen Sie hier. Zur Ausstellung erschien das Buch / Katalog-Projekt Wortspielhalle mit der Reihe Frühlingel von Peter Meilchen und einem Vorwort von Klaus Krumscheid. Die Sprechpartitur wurde mit dem lime_lab ausgezeichnet. Mit einer Laudatio wurde der Hungertuch-Preisträger Tom Täger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gewürdigt. Eine Würdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich hier. Mit den Vignetten definiert A.J. Weigoni die Literaturgattung der Novelle neu. Einen Essay zum Buch / Katalog-Projekt 630 zu finden Sie hier.

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