Patricia Brooks erhält in Anerkennung ihres Lebenswerks das Hungertuch für Literatur 2019

 

The future is female, lautet ein bekannter Graffito im 20. Jahrhundert. Wenn dem so ist, hat sie das Antlitz von Patricia Brooks. Im 3. Jahrtausend bedroht vom Islamismus, schockiert vom Populismus und überwacht von Konzernen durch Algorithmen kehren Autoren wie sie zu den existenzialistischen Fragen zurück. Erschöpft von schier endlosen Dekonstruktionen und Fiktionalisierungen, sucht die Literatur nach neuen Perspektiven und nach neuerlichem Bodenkontakt. Es geht wieder um das Leben, wie es ist. Und die Grenzüberschreitung der Alltagswirklichkeit.

Dieses Zurückkehren und Abschreiten und Ansehen ist ausständig. Die beschriebene fiktive Welt liest sich so glaubwürdig und zwangsläufig wie kaum eine andere literarische Welt. Wir sehen uns einem fantastisch-surrealen Kosmos, der mit lyrischen Gestaltungs- und Stilmitteln durchzogen ist. Die Figuren reisen real durch die Alpen in die Vergangenheit oder im Kopf – die Erzählerin wirf quasi nebenbei existenzielle Fragen auf, und ermöglicht dem Leser ein Innehalten.

Unlängst verkündete die sogenannte Pop-Literatur das gesellschaftliche Ende von Schuld und Scham, damit solle dann auch das Grübeln als Ursprungsgestus des Erzählens zugunsten eines lockeren Plaudertons überwunden werden. Dieser fröhliche Unschuldszustand ist freilich nicht jeder Autorin vergönnt, die heute schreibt; besonders dann nicht, wenn ihn biografische Umstände fast zwangsläufig vor die alten Fragen nach Sinn und Gerechtigkeit zitieren. Diese Typen leiden an den Schuldgefühlen der Überlebenden, derer, die immer nur zugeschaut haben.

Patricia Brooks läßt in ihrem Garten der Geschwister ganz eigene Blumen des Bösen wachsen, bis diese Schlingpflanzen unentwirrbar ineinander verwachsen sind. Ihr Roman ist ein atemberaubender Text über das Befangensein in alten Strukturen, auf der Täter- und auf der Opferseite.

Was wie ein Roadmovie beginnt, endet für Richard und Gloria bereits nach einem Kapitel in einem einsamen Haus auf dem Land. Nicht nur die Geschichte ist rasant, auch die Sprache hält sich nicht mit überflüßigen semantischen Verzierungen auf. In besagtem Landhaus treffen die Flüchtigen auf ihr Spiegelbild, die Geschwister Clarissa und Phillip. Im Sog dieser hypnotischen Prosa entwickelt sich zwischen den Wahlverwandten ein Kammerspiel.

Patricia Brooks zeigt die räumliche Enge, die stickige Luft des Lebendig-Eingemauert-Seins. Zu der Charakteristik eines literarischen Tabus zählt die aktive Einhegung des Themas, hier wird sie forciert betrieben. Wie in allen ihren Büchern ist auch hier nicht nur der Plot, sondern auch das Lesen selber ein Abenteuer.

Seit ihrem Roman Kimberly geht es der Autorin um die Verteidigung des Subjekts in seiner Auflösung, dies setzt sich auch in ihrem Gespenster-Roman Die Grammatik der Zeit fort. Ihr Erzählstil ist einfühlsam und berührend, gleichzeitig aber auch kühl und distanziert, eine eher leidenschaftslose Prosa, die es aber wunderbar versteht, Atmosphäre zu schaffen. Sie beleuchtet in Romanform das Spannungsfeld zwischen Literatur und Leben detailliert und intensiv.

Der Leser rückt in dieser Prosa auf diese Weise ganz nahe an die Figuren heran, spürt deren Unbehagen, das sich aus unmittelbaren Begegnungen speist und nicht sogleich in eine biographische Entwicklung eingeordnet ist. Um den klaustrophobischen Effekt abzumildern, den solche Szenen zeitigen können, nutzt Brooks die Schauplätze der Geschichte voll aus.

Wir lernen Transit-Orte kennen, vorzugsweise Restaurants oder Bars, dazu mehrere Hauptfiguren, die in einem Spannungsfeld von Lethargie und Aggression leben, die auf die Sterilität und Oberflächlichkeit des Arbeits- und Soziallebens hinweisen, alle Figuren sind auf der Suche nach dem verlorene Selbst und der vergeblichen Suche nach Sinn und Freiheit. Brooks legt Erinnerungsfährten, konstruiert Gedächtnisinventare. Namen, Orte, Daten. Die Aufzählung klingt wie eine Rekonstruktion, die sich auch als leiser Horrorfilm lesen läßt. Der Mittelstand in Österreich: Widergänger.

Ihr letzter Roman ist eine Reflexion über die rasende Zeit. In Der Flügelschlag einer Möwe spielt Brooks nicht mit Signifikaten und Signifikanten, sie geht der Frage nach, was es bedeutet, ein authentisches, im umfaßenden Sinn menschliches Leben zu führen, hineingeworfen in eine zunehmend inhumane Welt, die durch Migrationsströme definiert wird. Die Kunst liegt in diesem Roman darin, auf robuste Weise feinnervig und filigran zu sein. Es gibt in diesen Jahrgang einige Romane, die Handlungsstränge aufwendig auseinandernehmen, um sie dann kunstvoll wieder zusammenzuschreiben, weil sie in Creative-Writing-Kursen gelernt haben, daß was aus dem Zusammenhang gerissen wird, literarischer ist.

Bei Brooks wirkt die Konstruktion nicht aufgesetzt, nie ist sie von dem Willen getragen, besonders literarisch sein zu wollen. Es ist eine gnadenlos genaue Studie, die den Schrecken evoziert, das Wissen um die Gewalt in der Welt, diese Prosa klingt zuweilen wie hypnotisiert und hat selber hypnotisierende Wirkung. Diese Autorin hat einen enormen Stil- und Kunstwillen, ihr Roman ist durchzogen von einem dichten Leitmotivgeflecht. Realistik und Symbolik gehen bezwingende Verbindungen ein. Oft schafft es Brooks, die Kulissen photographisch abzubilden, es sind eingeschobene Momentaufnahmen eines Stillstands, der im Durcheinander der Figuren sein Gegenstück findet. Ihr Erzählen hat etwas Konspiratives, man kennt die Figuren, und kennt sie doch nicht. Ein Unglück zwingt diese Typen dazu, Entscheidungen zu treffen und eine Identität zu wählen.

Der Leser befindet sich einen Flügelschlag zwischen Trauma und Traum, und zwischen den Worten lauert der Tod. Es ist eine nachvollzogene Trauerarbeit, in dem der Tod ein steter Begleiter ist. Ihre Erzählungen und nicht zuletzt ihr Roman Der Flügelschlag einer Möwe, reflektieren auf einer Sub-Ebene auch den Umbau einer Arbeitswelt, die immer mehr Flexibilität verlangt. Es zeigt sich, wie wichtig die existenzialistischen Hinterlassenschaften sind und man sich wieder um Freiheit, Unaufrichtigkeit und Solidarität bemühen muss.

Patricia Brooks’ gesamtes Schaffen zeichnet sich durch einen Widerstand gegen tröstliche Gewißheiten aus. Sie transportiert die Wirklichkeit möglicher Welten in die Literatur. Eine Geschichte im konventionellen Sinn muss der Leser selbst herauspräparieren, man hat bei Brooks häufig den Eindruck, sie sei allenfalls die Fläche, die eben nötig ist, damit Sätze, Gedanken, Stimmungen entstehen, an solcher Ereignishaftigkeit sind auch ihre Romane reich. Ihre Prosa thematisiert die Überwindung räumlicher Distanz. In der Bewegung von einem Ort zu einem entfernten anderen Ort entsteht die Dynamik dieser Geschichten. Es ist das Moment der Veränderung, das durch die Bewegung ausgelöst wird.

Seit ihrem ersten Band Aquadrom versucht sich diese Autorin in einer Prosa, die aus der Empfindung kommt und Denken und Erleben nicht als Gegensatz, sondern als Einheit begreift.

Für sie zählt das Unterwegssein in der Sprache, es bleibt für Patricia Brooks ein Abenteuer mit offenem Ausgang.

 

 

Weiterführend → 

Im Jahr 2001 wurde mit dem Hungertuch vom rheinischen Kunstförderer Ulrich Peters ein Künstlerpreis gestiftet, der in den Jahren seines Bestehens von Künstlern an Künstler verliehen wird. Es gibt im Leben unterschiedliche Formen von Erfolg. Zum einen gibt es die Auszeichnung durch Preise und Stipendien, zum anderen die Anerkennung durch die Kolleginnen und Kollegen. Letzteres manifestiert sich in diesem Künstlerpreis.

Die Dokumentation des Hungertuchpreises ist in der erweiterten Taschenbuchausgabe erschienen:  Twitteratur, Genese einer Literaturgattung. Herausgegeben von Matthias Hagedorn, Edition Das Labor 2019.

Weiterführend → ein Essay über die neue Literaturgattung Twitteratur. Und ein Recap des Hungertuchpreises. Eine Liste der bisherigen Preisträger finden Sie hier.