Gleb Bas erhält das Hungertuch für Kunst 2019

Er ist ein Wanderer zwischen den Welten, durch dessen Bilder sich ein Zug von Vereinzelung und mangelnder Kommunikation zieht. Personen stehen oder agieren beziehungslos, jede für sich, eine zentrale Handlung fehlt. Eine erfinderische Kombination von Monotypie und Malerei, die Bas entwickelt hat, liefert die perfekte Technik dafür.

Manfred Schneckenburger

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts kursierte die oft geäußerte Meinung, die Malerei hätte ein jähes Ende genommen und habe sich daher im digitalen Datennirvana verflüchtigt. Seit der Höhlenmalerei hat sich das Schaffen von Bildnissen über das analoge Dripping bis hin zu den Zeiten der virtuellen Realitäten in einem Medium der haptisch erlebbaren Wirklichkeit zurück verwandelt. Das von einem Künstler in Handarbeit geschaffene Bild übernimmt damit eine essentielle Funktion, und weicht zugleich der existenziellen Frage nicht aus:

„Was ist ein Malprozess anderes als die Simulation einer Lebensweise, eines Wachstums und Entwicklung, scheinbar in einem fiktiven Raum stattfindend, scheinbar harmlos und doch stets vom Scheitern bedroht?“

Oberflächlich betrachtet mögen die Figuren und Figurationen auf den Bildern von Gleb Bas harmlos sein, sein Malen ist es jedoch nicht. Und der Problematik von Farben, Flächen und Linien stellt sich Bas. Mit Bildern dieses Künstlers und seiner ihm eigenen Mal- und Drucktechnik, die eine Verschmelzung von Porträts lebender Zeitzeugen mit denen – etwa altägyptischer Darstellungen ermöglicht werden – erhält der Betrachter vollkommen neue Sichtweisen auf altvordere Werke. In einer Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit zeitigen sich spannungsvolle Metamorphosen.
So auch bei seinen Selbstporträts. Es ist eine malerische Ergründung und Kontextualisierung des Ichs in seinen sozialen und geschichtlichen Strukturen, wobei das Ich immer als Teil einer Gesellschaft und Epoche begriffen wird. Gleichsam hinter Schleiern schillern die wechselnden Erscheinungen der Figuren im Verhältnis zu den Gesichtern der Lebenden. Das Aufstellen der Bilder in räumlicher Nähe zu den Antiken ermöglicht dabei den direkten Vergleich und erweitert die eigene Wahrnehmung. Durch seine Technik erscheinen die musealen Objekte in den Bildern lebendig. Sie erhalten zum Teil wieder eine nahezu vollständige Physiognomie und somit eine Ausdruckskraft, die in manchen Fällen wegen ihres unvollständigen Erhaltungszustandes entrückt ist.

Die Auseinandersetzung mit den digitalen Medien prägte die Tendenzen der letzten Jahre. So strukturieren die evozierten Photografien das auf der Leinwand Erzählte und wird gerade durch ihre Abwesenheit in ihrer Erinnerungsfunktion besonders greifbar. Gleb nimmt eine hybride Position zwischen Auktorialität und Personalität ein. Der mediale Wandel – sei es der Wechsel vom Schwarzweiß- zum Farbbild, von der Malerei zum Video, vom TV zum Internet – wird als essentieller Teil sowohl des privaten als auch des öffentlichen Lebens begriffen. Daher drängt sich die Frage auf:

„Kann sich etwas von Belang in einer Auseinandersetzung mit Belanglosigkeit der aktuellen Bilderflut entwickeln?“

Dieser Künstler setzt dem etwas vordergründig Unscheinbares entgegen: Handwerk. Bezeichnend für sein Schaffen ist die permanente Neuauslotung der Ausdrucksmöglichkeiten zeitbasierter Medien. Dabei geht Bas ebenso Fragen zur Aufteilung und Strukturierung des Bildraums wie zeitgenössischen repräsentationspolitischen Überlegungen nach. Hier schwingt alles mit, was derzeit im Fluß ist: Migration, Fragen der kulturellen Hege- oder Heteronomie – als Sachverhalte, die ohne ein Verständnis für den Anderen, seine Fiktionen und Imaginationen nicht zu verstehen sind. Es zeigt sich, daß weder Farbe, noch Figur oder Figuration ohne Aura auskommen. Gleb Bas versucht reflexiv, Licht und Undurchsichtigkeit gleichermaßen darzustellen.

 

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Das Hungertuch von Haimo Hieronymus in der Martinskirche, Linz am Rhein

Die Dokumentation des Hungertuchpreises ist in der erweiterten Taschenbuchausgabe erschienen:  Twitteratur, Genese einer Literaturgattung. Herausgegeben von Matthias Hagedorn, Edition Das Labor 2019.

Weiterführend → ein Essay über die neue Literaturgattung Twitteratur.