Frank Michaelis erhält das Hungertuch für Musik 2019

Seinen Künstlernamen „Prima Frank“ erhält Frank Michaelis von seinem Kollegen Peter Thoms, legendärer Trommler bei Helge Schneider. Franks virtuoser Umgang mit dem Saxophon erinnert Thoms an Louis Prima und seine „Sam Butera Band“.

Viel wurde über Popliteratur geschrieben. Ein weithin unbeachteter Aspekt ist dabei, daß maßgebliche Impulse für die Entstehung einer Popliteratur vom Rheinland ausgingen. Am Anfang standen die Autoren und Übersetzer Rolf Dieter Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla, die ab Mitte der 1960er Jahre in Köln lebten und von hier aus der amerikanischen Beat- und Untergrund-Literatur deutschlandweite Aufmerksamkeit verschafften.

Frank Michaelis

Rock-n-Roll ist das Leitmotiv für den Ausbruchsversuch, es ist der Sound des Industriezeitalters und die permanente Feier des gelebten Augenblicks. Es ist die Zeit der Selbstermächtigung, des Aufruhrs, des Einfach-machen-Wollens. Der „Ratinger Hof“ bildete in Düsseldorf eine subkulturelle Scharnierstelle. Die Rheinmetropole war so etwas wie die heimliche Hauptstadt der alten BRD, im Bermuda-Dreieck zwischen der Uel, dem Einhorn und dem Ratinger Hof traf man auf geballte Zeitgeist-Kompetenz. In der Landeshauptstadt NRWs der ausgehenden 1970er und frühen 1980er Jahre betrieben Weigoni und Michaelis im Kunstakademie-Umfeld mit der Literatur eine multimediale Hörspielerei zwischen Performance, Theater und Lesung, dokumentiert durch die Kassette the vera strange tapes.

Unter Zuhilfenahme eines Vier-Spur-Kassettenrekorders bemächtigten sich die Künstler rigoros der Produktionsmittel. Dieses analoge Medium brachte für diese widerständige Kultur einen Emanzipationsschub mit sich, ein Zugewinn an künstlerischen Mitteln. Kassettenkünstler nutzten dies als Möglichkeit, Musik unabhängig zu produzieren.

Es ist der wilde, aufrührerische, zutiefst kreative Geist, der alles bislang Gewesene zerstört. Das Wort Vera leitet sich vom Wortstamm Wahrheit ab. Der Zyklus vera strange tapes ist eine Hommage an die Kassette und ästhetische Erwiderungen zu Rap, Reggae und rheinischem Karneval. Unter the last pop-songs formierten sich Kurzhörspiele, die sich tanzen lassen zu einem luziden Klanggewitter.

Als künstlerische Grenzgänger betreiben A. J. Weigoni und Frank Michaelis mit der Literatur, in einem hocharbeitsteiligen Virtuosentum mit den Schauspielern Marion Haberstroh und Kai Mönnich, eine multimediale Hörspielerei zwischen Performance, Theater und Lesung, und setzen Elemente der Minimalmusik ebenso ein, wie die des Jazz. Diese Artisten schätzen Experimente mit akustischen und elektronischen Klängen, sie haben ein Faible für die freiere Rhythmik von Regungen und Bewegungen, die Verbindung von Melodie und Experiment, die Offenheit und das In-der-Schwebe-Halten von Stücken; das Ausbrechen aus vermeintlich vorhersehbaren Strukturen, eine Bricolage aus Pop-Klischees und Erwartungen. Synthese und Synästhesie liegen offensichtlich nicht nur lautlich nah beieinander, die Erfindung der Aufnahmetechnik wird von ihnen als ein Moment der Befreiung gedeutet.

1991 legen A. J. Weigoni und Frank Michaelis die zum Schlagwort gewordenen Literaturclips beim Dortmunder Label Constrictor vor. Diese Titelgebung ist reinste Camouflage, gleichzeitig markieren die zwischen 1991 entstandenen LiteraturClips und die bis 1995 entstandenen Top 100 den Höhepunkt und die wahre Sprengung der sogenannten Pop-Literatur.

Avantgarde und Humor gehen bei diesem Komponisten und Musiker geschmeidig zusammen. Kunst und Leben in Reine zu bringen, mehr kann man nicht wollen. Chapeau, Frank Michaelis.

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Eine Hörprobe von Frank Michaelis findet sich hier.

Die Dokumentation des Hungertuchpreises ist in der erweiterten Taschenbuchausgabe erschienen:  Twitteratur, Genese einer Literaturgattung. Herausgegeben von Matthias Hagedorn, Edition Das Labor 2019.

Weiterführend → ein Essay über die neue Literaturgattung Twitteratur.