Letzte Abenteuer

Zu den großen Träumen der Zivilisation gehört das Leben in absoluter Freiheit, zurück zur Natur. Seit Jahren werden in Outdoor-Läden und sogar von den großen Lebensmittelketten Unmengen an Zelten in allen Funktionen, Formen und Farben an den Mann und die Frau gebracht. Die Idee des billigen Urlaubs in der Wildnis. Väter und ihre Kinder erleben den ultimativen Abenteuerrausch.

Herr Nipp hatte sein Zelt aufgebaut und das Lager spartanisch eingerichtet, eine Isomatte und ein Schlafsack. Erst als es gedunkelt hatte, war er schlafen gegangen. Stundenlang musste er wohl wach gelegen haben, hatte die Geräusche der Wildnis vernommen, die Tiere, knackendes Gesträuch des Gebüschs, vor allem jedoch das bedenklich gefährlich dräuende Gegrummel des Himmels, das ankündigte, es würde ein Unwetter geben. Mit der Zeit hatte er gelernt, die Dinge voneinander zu unterscheiden, das leise Raspeln der Raupen, die an den Blättern der über ihm aufragenden Bäume nagten. Das Krabbeln und Tipsen (Diminutiv von Tapsen) von Mäusen, die ihre veränderte Umgebung untersuchten, hier und dort an den Pflanzen nagten. Die verschiedenen Töne der nächtlichen Vögel. Das Tapsen eines Braunbären, der langsam vor dem Eingang seine Bahn zog, ein, zweimal am Zelt wackelte und sich dann mit Murren des Weges trollte, auch der Schatten des Tigers mit der großen Narbe im Gesicht war zu sehen. Die große Schlange hatte sich listig zwischen die Zeltwände geschlichen und ärgerte sich hörbar zischend, dass der Reißverschluss zugezogen war. Da liefen ganze Elefantenherden durch den Urwald mit einem seltsam vertrauten Takt. Irgendwann war Herr Nipp trotzdem eingeschlafen, die Ängste vergessend und hatte einige Träume ausgebildet. Die eigene Vergangenheit der Menschen, die nomadisch das Zelt gebrauchten, überall ihre Nahrungsmittel eine Zeit ausbeuteten und dann weiterzogen. Nein, Höhlen hatte es viel zu wenige gegeben, da musste man schon Eigenes bauen. Für gewisse Zeit, im Winter dann natürlich etwas besser befestigt. Er hatte auch von den Massai und den Nuba geträumt, die wundervollen Bilder einer Leni Riefenstahl setzten sich zu Geschehnissen zusammen, schöne Menschen, erhabene Schablonen einer ästhetisierten Außenbetrachtung. Diese Bilder hatten ihn als Kind schon begeistert und wie verstört war er gewesen, als er erfahren musste, dass diese Frau für eines der drei autoritären Regime gearbeitet hatte, die Deutschland im zwanzigsten Jahrhundert erleben musste, für das grausamste. Die Filme aus dieser Zeit, vor allem den über die Olympiade mochte er trotzdem bis heute, im Wissen um seine Funktion. Eine solch bewusste Manipulation des Sehenden durch neu entwickelte Kameratechnik und -führung, durch diesen Einsatz des Lichtes, der Gesten, der Perspektiven und gewählten Ausschnitte, durch die Komposition der Bilder, das Zusammenschneiden der Szenen, die erzählte Geschichte, den erhabenen Klang. Ein wahrer Triumph der Sinne, des Körperkultes. Nie zuvor war Sport so sexy dargestellt worden, so erhaben. Dieser Film hatte Geschichte geschrieben und wirkte sich bis heute auf jeden Leichtathletik-Beitrag im Fernsehen aus.

Gegen halb sieben wurde Herr Nipp vom Zuschlagen der Autotüren geweckt, er schälte sich aus seinem Schlafsack, öffnete den Reißverschluss, zog die Schuhe an und ging gemessenen Schrittes hinüber zur Terrassentür, blinzelte kurz ins Sonnenlicht, er musste dringend auf die Toilette.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein. Und außerdem präsentiert Haimo Hieronymus ab 2017 Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp.