Menschenmehl

Ich betrat die Apotheke, weil mich zwei feine Pulver im Schaufenster neugierig gemacht hatten. Die kleinen Kegel aus fein gemahlener Substanz, auf die Rückseite geöffneter Briefumschläge geschaufelt, schimmerten schwarzrot und elfenbeingrau. An der Stelle des Absenders waren gespreizte Frauenbeine zu sehen, hinter denen der liegende Körper fast verschwand. Das Pulver war offenbar eine Botschaft für Männer.

Ich war nicht überrascht, als der Apotheker mir erklärte, das einzige Aphrodisiacum, das wirklich wirke, sei aus Menschen gemacht. Ich wollte wissen, wie das funkelnde Menschenmehl zubereitet wird, und fragte, ob es aus Frauenkörpern gewonnen werde. „Was sonst“, antwortete der Apotheker.

Ich war der einzige im Laden, wir waren allein, der Apotheker hatte Zeit und Lust mir die Herstellung des neuen Präparats, das nicht verschreibungspflichtig, aber ungeheuer teuer war, zu erklären. An der Wand, wo die Waage stand, auf der wartende Kunden manchmal ihr Körpergewicht messen, hing im natürlichen Maßstab das Bild eines aufgeschnittenen Menschen. Die linke Hälfte zeigte das enthäutete Innere einer halben Frau, die rechte Hälfte einen halben Mann, der noch seine Haut trug. Der Mensch ist ein Kunstwerk, dachte ich. Er ist ja innen noch schöner als außen.

„Wissen Sie“, sagte der Apotheker, „der Wert eines Menschen, der zu über siebzig Prozent aus Wasser besteht, ist sehr gering.“ Er zeigte auf das Bild. „Bedenken Sie, wie teuer die Entsorgung eines Leichnams ist, selbst wenn Sie auf das feierliche Ritual einer Bestattung verzichten.“

„Ich weiß“, sagte ich. „Aber zum Glück ist der materielle Wert nur die eine Seite des Lebens.“

„Das ist ein anderes Thema“, sagte er. „Allerdings lässt sich der Wert eines frischen Schlachtkörpers durch Veredelung enorm steigern. Wir nutzen die reichen Kenntnisse der Schlachthöfe, die es seit über zweitausend Jahren gibt. Wichtig ist, dass richtig geschlachtet wird. Wir müssen die Beute also fachgerecht töten. Zur Ausschaltung von Schmerz können wir den Schlachtkörper vorher betäuben, oder man durchtrennt das verlängerte Mark durch Genickstich oder Genickschlag. Zur Betäubung verwenden wir die Schlachtkeule, die Schlachtmaske, ein Beil mit hohlmeißelartig eingesetztem Bolzen, den Bolzenschussapparat, bei dem ein Schlagbolzen durch eine kleine Treibladung ins Gehirn getrieben wird, oder die Betäubungszange, die von den Schläfen aus in kürzester Zeit durch elektrischen Strom betäubt. Der schnellste Tod ist aus pharmazeutischer Sicht der beste. Er garantiert, wenn keine bitteren Hormone in Todesangst ausgeschüttet werden, die aromatische Qualität, die für das Liebespulver erforderlich ist.“

Der kennt sich aber gut aus, dachte ich. Das muss er doch gar nicht alles so genau wissen.

„Da wir das reine Fleisch brauchen, lassen wir den Schlachtkörper durch Bruststich oder Halsschnitt erst einmal verbluten“, sagte er. Er sprach ruhig. Die Augen, so kam es mir vor, sahen dabei ein wenig durch mich hindurch. Er schaute immer mehr in sich selbst hinein.

„Jetzt haben wir das Blut. Das wird weiterverarbeitet in einem unglaublich ausgeklügelten Gerinnungsbad. Wir ziehen die Haut ab, die wird zu Rohleder verarbeitet und dann zerrieben. Stellen Sie sich einfach geriebenen Parmesankäse vor. Wir lösen das Fleisch von den Knochen und ziehen die Sehnen heraus. Wir nehmen die Knochen, kochen das Mark heraus, mahlen Knochen und Sehnen zu Pulver. In der Kuttelei waschen wir den Darm, in der Organküche reinigen und brühen wir die Leber, die Nieren, die Blase, den Magen, die Lungen, das Hirn und alles andere. Nichts geht verloren!“ Der Apotheker war begeistert.

„Wir drehen das Fleisch durch den Wolf“, erklärte er weiter, „dann trocknen wir es in heißen Anlagen aus, genauso wie das Blut und das Hirnwasser, die Sekrete, die geriebene Haut, Sie erinnern sich an das Parmesanleder, den Darm, die Sehnen, Fingernägel und Haare, Zähne und Knochen – alles wird zermahlen! Aus dem Blut gewinnen wir das rote Pulver, aus dem anderen das braungelbe bis elfenbeingraue Pulver.“

Er, der am Ende einer langen Kette subtiler Veredelungsprozesse stand, wusste was er verkaufte. Aber es ist die Suppe der Medea.

„Ihnen ist nichts Menschliches fremd“, sagte ich ein wenig gereizt. Aber er merkte es nicht.

„Sie sehen, der Mensch ist nun viel mehr wert als die Summe aller seiner Einzelteile“, sagte er. „Übrigens schlachten wir nur im November.“

„Aus Tradition?“, fragte ich, „der November war früher der Schlachtmonat. Wenn die Ernte eingefahren war, dachten die Menschen an den Winter.“

„Das ist reiner Zufall“, sagte er, „der Schlachttermin ist heute nur an Lieferbedingungen geknüpft. Da kenne ich mich nicht aus.“

„Aber – “ Er ließ sich nicht unterbrechen.

„Die Entwicklung des inzwischen sehr preiswerten Mittels hat horrende Kosten verursacht“, sagte der Apotheker, „zumal in der Versuchsphase. In den ersten Testreihen starben die Probanden massenhaft am Überschuss der Libido, weil“ – er lächelte spöttisch, „der Herzmuskel versagte.“ Nun gab er mir das Wort.

„Aber das steht doch alles in keinem Verhältnis zueinander!“ Ich drehte mich um und ging. An der Tür rief ich noch: „Wo ist denn da der Fortschritt?“

„Der Fortschritt“, sagte er, „liegt immer nur in der List der Geschichte. Etwas Besseres haben wir nicht.“

***

Kritische Körper von Ulrich Bergmann, Pop Verlag Ludwigsburg, 2006

Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus Kritische Körper als ‚Criminal Phantasy’. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine für diesen Autor typische Montagetechnik, unterstützt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den drögen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einfließen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Außen seiner Figuren auch ins Fantastische verlängern. Er erklärt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfläche erschließt. Der Leser muss sich selber von der Abgründigkeit überzeugen.

Weiterführend → Lesen Sie auch zum Zyklus Kritische Körper den Essay von Holger Benkel.

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