Schwein gehabt

An manchen Tagen geht Herr Nipp noch mal spät abends seine kleinstädtischen Wege. Er mag das entseelte Brennen der alten Straßenlampen, jener, die noch Langfeldleuchten über den gesamten Bürgersteig strecken. Jeder Riss der quadratischen Gehwegplatten aus Beton wird ausgeleuchtet. Ganz sachlich und nüchtern. Er mag diese Bruchspuren, die sich mit unregelmäßiger Sicherheit durch die ganze Stadt ziehen. Schon als Kind hatte er sich darüber gewundert, dass diese Sprünge im Wegebild immer wieder gleich waren. Er schätzt in solchen Nächten die kühle Luft, die ihm stets neue Gerüche in die Nasenlöcher treibt. Das Blinken der Lichter in den Pfützen des letzten Regenschauers, die aufsteigenden Dämpfe, die fast nur zu erahnen sind. Die ersten Blätter rieseln beständig herab und der Herbst ist in vollem Gange. Aber in der Nacht kann man die Farben nicht sehen und so der Vorstellung erliegen, alles sei noch immer unveränderlich und sommerlich grün. Es sind diese Abende, an denen die Wörter in Rotationen geraten, der Wirbel nicht aufgehalten werden kann, weil in jeder Runde winzige Nuancen Glauben machen, man würde weiter kommen. Wenn dann die frische Luft um die Nase weht, wenn er Witterung mit dem Leben der anderen aufnimmt. Die kleinen Gassen ziehen ihn an, dort wo das Wetter in jahrelanger Arbeit den Putz hat abplatzen lassen, wo der Wind kleine Papierfetzen in Wirbeln bewegt, wenn sie nicht gerade am feuchten Pflaster kleben. Er mag einfach die dort entstehende Atmosphäre, die fast schon etwas Heimatliches hat.

Als er aus einer dieser Gassen heraustritt, sieht er die Front einer Werkstatt leuchten. Lichtdurchflutet wird dort wohl noch gearbeitet. Tatsächlich lassen sich Schläge vernehmen. Der Schmied, den er kennt, haut im sicheren und konzentrierten Rhythmus auf ein Stück Stahl. Schwerer Hammer, kurzer Stiel. Bei jeder Bewegung verändern sich die fein ausgeformten Muskeln und Sehnenstränge. Dieser Mann ist Arbeit gewohnt, es lässt sich nicht verbergen, dass eine solche Struktur nicht im Fitnessstudio zu erzielen ist. Das ist kein Körper auf Pump und mit Hilfe von Anabolika. Das ist echt. Als die Temperatur zu niedrig wird, legt er das Metall in die Kohleglut zurück. Drei andere Leute stehen dabei, offensichtlich in gute Plauderei verstrickt. Ein Mann und zwei Frauen. Die Frauen sind auffallend schön, das erwartet man nicht gerade in einer Werkstatt. Sie haben ein entspanntes Lächeln im Gesicht, rauchen beide ihre Zigarette, die eine selbst gedreht, die andere aus der Schachtel. Der Mann ist ein echter Hüne, zumindest das, was man sich unter einem Hünen vorstellen würde. Nicht unbedingt besonders groß, aber so gut mit Muskulatur versehen, dass man keinen Streit mit ihm haben möchte, es sei denn… Nein, darüber will sich Herr Nipp erst gar keine Gedanken machen. Vor allem aber hat dieser wahrscheinlich oft als Schrank Bezeichnete einen Blick, der gleichzeitig eine innere Sanftheit und doch starke Persönlichkeit ausstrahlt. In sich ruhend, in jedem Moment zur Explosion fähig, wenn es sein muss. (der Leser wundere sich bitte nicht, dass der Erzähler sich solcher Gemeinplätze bedient, aber manchmal lassen sich die Tatsachen nicht anders vorstellen)

Das zu erleben? Der Schmied in sich. Seine Blicke ruhen auf dem Stahl, er scheint nachzudenken. Dann legt er seinen Hammer beiseite, schaut ganz zufrieden, greift eine Flasche und prostet dem Glatzenträger zu. Ein Lächeln unter echten Freunden, das dieses seltsame Einverständnis trägt. Sie haben offensichtlich genug gemeinsam erlebt, brauchen sich gegenseitig nichts zu beweisen. Abseits jeder Mackerallüren. Dieses Lächeln sieht man nur ganz selten. Blicke, die sich treffen. Offen und ehrlich.

Herr Nipp klopft ans Fenster, wird erst gar nicht bemerkt, dann aber doch herein gelassen. Hatte er zuerst befürchtet, zu stören, ist er doch sehr schnell ins Gespräch integriert. Die Begrüßung ist dazu quasi der Einstieg. Geschickt vernetzen die beiden Anderen, verstricken mit ihrem charmanten, dabei direktem Gespräch. Auf Floskeln wird verzichtet, klare Fragen und Antworten, teilweise auch fast schauspielerische Darbietungen des Schmiedes, wenn es um die Erinnerung an gemeinsame Erlebnisse geht. Um die Erinnerung an die letzte erfolgreiche Jagd. Dann immer wieder dieses herzhafte Lachen, ungekünstelt. Herr Nipp muss von Widerwillen getragen an die vielen Bekannten von früher, von einst denken, denen alles Schauspiel war, denen alles um das Äußerliche ging. Ganz nach dem Motto, seht her, ich stelle etwas dar, ich bin wer in der Gesellschaft.Das ist hier weder notwendig, noch würde es irgendeinen Sinn machen.

Als der Stahl die richtige Temperatur erreicht hat, wird weiter geschmiedet. Fast hat Herr Nipp das Gefühl, als wäre jeder Schlag mit einer besonderen Bedeutung versehen. Hier hat alles seine Notwendigkeit. Der große Hammer wird angeworfen, das Metall in gezielter Geschwindigkeit platt gehauen. Kaum vorzustellen, wenn irgendein Körperteil auch nur einmal getroffen würde. Alles wäre zerquetscht, weder ein schöner Anblick, noch ein solches Gefühl. So wird nachgeschlagen, um die gewünschte Genauigkeit zu erzielen. Das Stück muss gerade sein, darf keine Krümmung enthalten. Dann, nach wenigen Minuten schon, wird die entstandene Stange nach draußen gestellt, zum Abkühlen, nicht abgeschreckt im Wasser, es soll weiter geschmiedet werden. Das Gespräch nimmt seinen Lauf, ganz gelassen zum Teil über Kreuz. Glücklicherweise hat das menschliche Gehör die Fähigkeit zur selektiven Wahrnehmung. Die Plätze müssen nicht gewechselt werden. Teilweise wechseln die Partner dabei. Einige Zigaretten später wird das Werkstück hereingeholt, geprüft und als gut beurteilt. Gleiche Teile werden abgemessen und gesägt, aufeinander geschweißt und wieder in die frisch angefeuerte Holzkohle gelegt. Zwischenzeitlich muss Borax beigebracht werden, damit das Ergebnis auch gelingt. Wie Herr Nipp inzwischen erfahren hat, soll ein guter Damaststahl entstehen, hundertsechsundreißiglagig. Kein sehr guter, der hätte einige hundert Lagen, aber für den Zweck reicht es. Für ein Jagdmesser. Dankgeschenk. Wer einmal diese Muster gesehen hat, erliegt ihnen und möchte selber ein solches Messer besitzen. Faszination pur. Herr Nipp hatte einmal von einem Mann gehört, der sich im Studium in ein solches Schneidwerkzeug verliebt hatte. Vom ersten Lohn hatte er sich dann eines gekauft, fast das ganze Geld ausgegeben. Noch heute soll man diesen Messerbesitzer ganz zufrieden bei der fast meditativen Betrachtung finden können.

Der Rhythmus der Schläge, der Wechsel von Arbeit und Pause, die Farben von Feuer, das Leuchten in den Raum, die strahlende Wärme. All dies macht diesen Moment, diesen Ort zu einer Heimstatt. Der Oxidstaub überall ist nicht wichtig.

Zwischendurch kommt der gewaltige Hund zum Schnuppern, vor allem aber, um sich streicheln zu lassen, am meisten mag er es wohl, wenn er massiert wird. Dann kann er einen mit treuen Augen anschauen, in seiner ganzen Dickschädeligkeit.

Als das Stück fertig ist und in die Gasglut kommt, zum Weichmachen, als Herr Nipp gerade schon wieder seiner einsamer Wege gehen will, wirft der Schmied noch ein paar Würstchen auf ein Rost. Wildschweinwurst gegrillt. Lecker.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein. Und außerdem präsentiert Haimo Hieronymus ab 2017 Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp.

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