Elektronische Post

Vorbemerkung der Redaktion: Für das Projekt Kollegengespräche hat A.J. Weigoni einen Austausch zwischen Schriftstellern angeregt. Auf KUNO ist diese Reihe wieder aufgelebt. Die Redaktion weist daher gern auf den elektronischen Briefwechsel zwischen Wolfgang Kubin und Ulrich Bergmann hin, den der Bouvier Verlag gerade veröffentlicht hat:

Datum:       Tue, 06 Jan 2015 12:03:34

An:    Ulrich Bergmann, Doris Distelmaier

Gigantin mit Gipfelstürmer,

danke für die reiche Post und den Mut, der mir gemacht wurde. Mir sind gestern Gedanken zum Buch gekommen. Neu an ihm sind die grandiosen Bilder von Doro, neu sind auch die chinesischen Zeichen und die Umschrift. Was mir Sorge macht, ist dass das Buch nicht auf ein Thema ausgerichtet ist. „Insel“ würde das Buch sicherlich nehmen, wenn es z. B. dem Mond oder der Wildgans gewidmet ist. So habe ich den Eindruck, man hat von allem etwas. Oder irre ich mich?

Morgen leider nicht dabei dank meiner Schusseligkeit (Doppeltermin). Untröstlich wie immer Euer K.

3.2.2015

Lieber Wolfgang,

ich habe in deinem Band „Das neue Lied von der alten Verzweiflung“ (2000) zwei wunderschöne Gedichte (unter anderen) gefunden:

DAS NEUE LIED VON DER ALTEN VERZWEIFLUNG ist das eine:

Bitte

keine Nachrichten mehr

von Krieg und Vertreibung.

Wir sind wehleidig genug.

Auch grundlos vergießen wir Tränen,

nicht allein bei Häutung, Schlachtung

oder Speisung der Zehntausend

mit eigenem Fleisch.

Bitte

nichts mehr von Todesspringern,

von Weltenbrand und Depression.

Wir ziehen das Nichts vor,

vor dem Leben und nach dem Tod,

vor dem Zweifel und nach der Verzweiflung.

Bitte

keine Fragen mehr nach Sinn und Verstand.

Ein Stein ist glücklicher,

eine Wolke und ihr Luftzug.

Wenn nicht ungeboren oder überlebt,

möchten zungenlos wir sein

ohne Auge und Ohr.

In poetischer Polemik wird der Eskapismus als Verdrängung des Lebens verurteilt. Es ist indirekte, aber wirkungsvolle Anklage falschen Lebens. Das Gedicht schreit nach Analyse der Welt und ist ein Plädoyer für eine bessere Welt, um die wir bemüht sein sollen.

SCHLOSS WIEPERSDORF (S. 38) ist das andere, tiefere:

Für Yang Lian

 

Jeder Baum ist eine Uhr,

jedes Gras ein Spiegel.

Die Gräber wollen sommers gen Himmel,

sie fallen aufwärts

durch die Bilder

der ersten Stunde zu.

… Die zum Himmel und durch die Zeit fallenden Gräber evozieren die ganze Geschichte eines Menschen, der in der Natur um ihn herum aufgehoben ist, und assoziieren sogar den Auferstehungsgedanken, die Überwindung des Todes, die allerdings nur gedanklich gelingt … Melancholie, wie Joachim Sartorius sagt, ist nur ein Aspekt deines realistischen Sehens und Denkens. Dein poetisches Sehertum empfinde ich in diesem Gedicht als vollkommen frei von elegischen Spuren. Die Widmung für Yang Lian ist auch inhaltlich absolut passend (mal ganz abgesehen von biografischen Details: Wiepersdorf, Yang Lian. Die philosophierte Physik (das Aufwärtsfallen der Bilder zurück in die erste Stunde) erinnert mich an das großartige Gedicht Yang Lians, „Die Höhe des Traums“, wo die ewige Musik des Seins dem Tod entgegengestellt wird. Allerdings sieht Yang Lian in seinem tatsächlich eher elegischen Gedicht den Tod am Ende als Erlösung, die wir annehmen sollten.

Herzlichst: Dein Ulrich

4.2.2015

Lieber Ulrich,

danke für die Überraschung. Da sprang mein Herz vor Freude. Bis heute abend. Dankbar

Dein Wolfgang

6.2.2015

Lieber Wolfgang,

interessant, dass Jonathan Stalling das gleiche Gedicht wählte wie ich. Im Deutschen klingt es viel stärker.

Zum Porträt inklusive Foto gratuliere ich dir!

Interessante Details: Dein Weg zur Sinologie über die Theologie, Germanistik, Ezra Pound und klassische Dichtung Chinas. (Ich studierte erst Germanistik und Geschichte, dann ev. Theologie …)

Ich habe den Eindruck, wenn ich dich so lese, dass ein Sinologe vor einigen Jahrzehnten gar nicht das moderne Chinesisch beherrschen, also fließend sprechen musste, um Professor zu werden.

(In Qingdao traf ich einen Anglistik-Professor, der kaum Englisch sprechen konnte …)

Lieber Ulrich,

die Sinologen zwischen 1945 und 1979 konnten in der Regel kein modernes Chinesisch (sprechen). Es gab in der Zeit nur eine klassische Ausbildung! So wie bei uns, die wir Latein, aber kein Italienisch konnten.

Mich freut Dein Urteil zu Zhang Zao. Danke!

Dein K.

Lieber Wolfgang,

mir war auch gar nicht so klar, wie schlimm die Situation nach Maos Kulturrevolution war, auch für dich; umso erleichterter bin ich, dass ALLE Chinesen, die ich bisher sprach (Li Min, alle meine Studenten in Q., Chinesen in Bonn), sich gut auskennen in den chinesischen Mythen und Philosophien, auch in der Geschichte aller Dynastien – ich wünschte mir das für uns in Deutschland, wo viele schon ahnungslos sind, was die Zeit vor 1933 angeht.

Überraschend für mich der von dir festgestellte Einfluss der spanischen Literatur auf bedeutende chinesische Lyriker/Literaten, etwa Bei Dao („… ein spanischer Dichter mit chinesischer Zunge“). Und auch auf dich als Lyriker … Unglaublich fast, dass die Literatur des Kahlschlags (Böll) so bedeutend war für Bei Dao. Hochinteressant die Bemerkungen zu Yang Lian, Gu Cheng und Zhang Zao.

Mir bleibt, mich noch in die Dichtung der beiden Letztgenannten zu vertiefen. Jedenfalls macht es mir eine gipfelstürmerische Freude, deine Bezirke, wenigstens partiell, aber doch im Wesentlichen, immer besser kennenzulernen. Es bereichert mich sehr.

Herzlichst: Dein Ulrich

Gesendet: Sonntag, 08. Februar 2015 um 07:55 Uhr

Von: „Wolfgang Kubin“ <kubin@uni-bonn.de>

An: uli.bergmann@web.de

Betreff: CLT

Lieber Ulrich,

Du bist immer wieder für eine Überraschung gut. Dein neuerlicher Brief hat mir wieder gut getan. So schöne Dinge bekomme ich von meinen Kollegen nie zu hören. Die gehen über diese Dinge schweigend hinweg. Danke für den Mut, den Du mir machst!

Herzlichst Dein Wolfgang

Lieber Wolfgang,

vielen Dank für DAS GROSSE LERNEN, ich habe schon das Vorwort mit Interesse gelesen.

Zhang Zaos BRIEFE AUS DER ZEIT (ein sehr schöner Titel) las ich ganz; er gehört zu den Lyrikern, dessen Gedichte – abgesehen von Tradition und einmontierten Anspielungen – der Leser erst in seiner eigenen Interpretation konstituiert. …

Herzlichst: Dein Ulrich

 

***

Dein K., heute aus Tsingtau. Briefwechsel (Mails) von / an Wolfgang Kubin und Ulrich Bergmann. Bouvier Verlag, 2018

„endlich bin ich dazu gekommen, den Briefwechsel mit K. ganz durchzulesen – chapeau! Die treffsicheren, polierten Schriftsätze – Texte über 10 Jahre auf 100 Seiten (!) – lassen sich nicht nur leicht und bekömmlich lesen, sie sind nach meinem Empfinden auch stilistisch ein Genuss. Zudem sind sie durch Bouvier hervorragend materialisiert. Wo werden überhaupt noch zeitgenössische Korrespondenzen mit literarischem Anspruch publiziert?“ (Theodor Payk)

 

Weiterführend →

Ein faszinierend langer Briefwechsel zwischen Ulrich Bergmann und HEL findet sich hier. Bald auch in Buchform? – Lesen Sie auf KUNO auch Ulrich Bergmanns Gedanken über chinesische Lyrik und ihre Übersetzung ins Deutsche.