Urlaube

Auch Herr Nipp war in den letzten Jahren immer dekadenter geworden. Hatte er zunächst seine zwei Wochen Urlaub in kleinen zum Teil auch ziemlich verschrobenen Pensionen genächtigt, in denen er nachts die Türen von innen abschloss, nicht nur wegen der doch eher suspekten Vermieter (man kennt schließlich genug mit Sicherheit echte Geschichten, die von einem Bekannten des Vetters erzählt wurden, dessen Cousines Freundin das mit Sicherheit und mit Gefahr für Leib und Leben erlebt hatte, kein Scherz), sondern weil er sich doch vor dem Hofhund mächtig ängstigte. Diese Absteigen hatten eher den Charme der dreißiger, Möbel der 1890er und Komfort der fünfziger Jahre versprüht, wie eine Brise Pitralon

 Die Toiletten fanden sich dann irgendwo auf dem Flur, die tägliche Dusche konnte er in der Badewanne in unbequemer Haltung durchführen, eine Hand immer auf dem Türknauf, weil dieser Raum aus unerfindlichen Gründen nicht abschließbar war. Warum auch immer, eine Erklärung konnte er nicht erwarten. Dann musste er laut singen oder pfeifen, damit auch jeder, der in zehn Metern Weite im Anflug auf dieses fragwürdige Sanitärparadies war, auch wusste, hier ist die nächste viertel Stunde nichts zu machen, weil besetzt. Übernachtung mit Frühstück, durchaus liebevoll zubereitet, aber irgendwie doch sehr einfach.

Irgendwann war er zu denjenigen übergelaufen, die eine Ferienwohnung mieten, auch hier erst recht bescheiden, dann immer üppiger geratend. Mit dem Einkommen wachsen auch die Ansprüche. Zuletzt hatte er tatsächlich in so einer Nobelabsteige den Urlaub verbracht. Da konnte in zehn Tagen durchaus auch mal ein Monatsgehalt verbraucht werden. Er war sich selber irgendwie pervers vorgekommen. Was hatte das denn noch mit dem ursprünglichen Urlaubsgedanken zu tun.

Während er sich zu Hause doch mit einem recht bescheidenen, ja vielleicht auch manchmal kargen Lebensstil bescheidete (oder heißt es beschied?), musste dann im Urlaub alles verprasst werden. Machte dieses hirn- und sinnlose Verpulvern von Geld eventuell sogar den Urlaub aus? Da einem die Erlaubnis zum Ausspannen nun einmal erteilt wurde, wurde alles herausgeschaufelt. Ähnlich den jungen Damen hatte er sich schon gefühlt, die den ganzen Tag in einer zentralen und überdachten Einkaufspassage, die heute wohl Mall genannt würde, verbringen konnten, von einem Laden in den nächsten wanderten und hinterher mit fünf Tüten an jeder Hand zufrieden lächelnd nach Hause dackeln. Shopping ist manchen Damen inzwischen zum Hobby geworden. Nein, es musste schon schick stolzieren heißen.

…so konnte und sollte es nicht weiter gehen.

Also hatte er dieses Jahr sein Zelt auf eventuelle Schäden untersucht. Schließlich kann man bei Discounterprodukten doch nie wissen, ob sie auch länger als ein zwei Saisons (Saisen, Saisonien, Saisone, Saisi) halten. Schließlich wollen die Besitzerfamilien doch jedes Jahr wieder etwas verkaufen und ihre Milliardeneurokonten weiter füllen. Daraufhin war er zu einem riesigen Ausrüster gefahren. So einer, der sich in der Peripherie der Städte ansiedelt, weil seine Produkte nicht Innenstadt relevant sind. Kochgeschirr für unterwegs, praktisch verpackt, ein Gaskocher, und einige Kartuschen Gas, Luftmatratzen wegen des wehleidigen Rückens, endlich ein eigener Schlafsack, der nicht aus den siebziger Jahren stammte und ihm damals zur Erstkommunion geschenkt worden war, der ihm schon viele Jahre als Steppdecke gedient hatte. Vor allem damals im Studium, wenn er Besuch von Freunden bekam, die dann auch meist bei ihm nächtigten, entweder weil sie von weit her kamen oder weil sie hinterher nicht mehr fahren konnten oder wollten, aus welchen Gründen auch immer. Hätten nur die Reißverschlüsse nicht so gestört.

Der heutige Schlafsack musste eine Rolle bleiben und vor allem vor allen Unbilden der nächtlichen Natur schützen. Das sollte schon so sein, Dekadenzkritik hin oder her.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 – 2019

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein. Haimo Hieronymus präsentiert zudem Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp.

In 2018 kommt etwas Gewichtiges auf Sie zu. Zyklop I ist mit einer partikularen Sichtweise eine ebenso wunderbare, wie irritierende Erfahrung. Das eine ist nicht vom anderen zu trennen, denn Haimo Hieronymus will unbestreitbar Schönheit schaffen und er will hier nicht weniger als von allem erzählen: Vom Großen, Ganzen, vom Kosmos, von der Schöpfung. Gar vom Leben selbst, indem er in die Vollen greift, ohne Angst, etwas falsch zu machen. Kunst erkennt man daran, daß sie das Ewige sichtbar macht, Bilder werden zu einem idealen Erkenntnismedium. Zyklop I ist ein sakrales Kunstprojekt ohne religiöse Dogmen.

Zur Subscription freigegeben: Zyklop I, Katalog von Haimo Hieronymus, Edition Das Labor. Erscheint im September 2018 in einer limitierten Auflage von 100 Exemplaren. Freunde und Förderer werden im Katalog mit einer Würdigung dokumentiert.

Anfragen zu Zyklop I und den bibliophilen Kostbarkeiten über die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421

Weiterführend → Zum Thema Künstlerbücher finden Sie hier einen Essay sowie einen Artikel von J.C. Albers. Vertiefend auch das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus.

 

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