Tina

(dpa) Ein Arzt in Pankow wurde gestern von einem Schwurgericht zu sechs Jahren Haft verurteilt. Der Mann hatte dem neunjährigen Sohn einen Nagel in den Handrücken geschlagen. Die Mutter, die regelmäßig dabei zusah, wie ihr Ehemann die sechzehnjährige Tochter vergewaltigte, erhielt eine Haftstrafe von drei Jahren.

Der Eiserne Vorhang war geschlossen, als das Stück begann. Die Zuschauer schwiegen. Splitterlärm. Hammerschläge. Abenddämmerung über den Köpfen. Im schwarz lackierten Himmel kreisten die Planeten. Die elektronisch gesteuerten Monde begannen zu glimmen. Glühfäden summten, das Metall der Scheinwerfer dehnte sich und sprang zur Spitze der Tonleiter. Das Licht rieb sich am grauen Vorhang, der sich nun langsam öffnete. Motorengesumm aus der Unterbühne nach oben ins flutende Licht. Morandi, der in den allernächsten Dingen einen unerzählbaren Kosmos entdeckt, inszenierte die einzige Aufführung. Die Schönheit der Dauer war das Prinzip. Tisch und Bett sind das konstante Maß aller Dinge, sagte er immer wieder während der Proben, die er Skizzen unserer endgültigen Zukunft nannte. Ich töte, weil ich leben will, sagte er. Ein Theaterstück ist eine Schlacht. Keiner widersprach ihm. Sie unterwarfen sich seiner Idee, die nur auf der Bühne wuchs. Im Umschlagen von Schein und Sein lag die Wahrheit des Spiels, das wussten alle. Es kam nicht darauf an, ob die Zuschauer diese Idee von Anfang an durchschauten. Je später sie merkten, was gespielt wurde, umso härter traf sie der Erkenntnisschmerz. Das ist der Punkt. Morandi reagierte so auf die zerbrechliche Schönheit, weil sich das Trauma der Kindheit andauernd wiederholte. Der Vater, ein aufgeklärter und weltoffener Mailänder Kaufmann, starb, als Morandi zehn Jahre alt war und noch glaubte, dass wir weiterleben, wenn wir sterben. Die Mutter, unheilbar krank, zog mit den Geschwistern nach Bologna in die Via Fondazza. Da verlor er die Heimat und beendete seine Kindheit. Morandi träumte in seinen wahren Tragödien den Anfang einer helleren Kindheit. Ich führe nur auf, was ohnehin geschieht.

Tina stieg aus dem Schatten ins Licht. Sie riefen ihre Haut und dachten ihr Blut. Die Männer stießen die Frauen zu Boden, zogen die Messer und kamen näher. Tina schaute über ihre Köpfe hinweg, sagte nichts. Diese leidenschaftliche Sturheit, von der so oft in den Proben die Rede war, weil Morandi damit das Glück verband, das er verlor, entsprach der kultivierten Ereignislosigkeit ihres Lebens, die wahre Wunder hervorbrachte. Tina ignorierte alles. Je stummer ich über sie hinweg ins Nichts schaue, umso schärfer werden sie, aber das lähmt sie. Ich genieße diesen Zustand. Ein Stillleben kollektiver Gefühle, eingefrorene Gegenwart oder angehaltene Zukunft. Morandi hat Recht. Sie können mich streicheln, mit den Messern meine Haut ritzen, ich spüre nichts. Sie ziehen mich mit ihren Augen aus. Wenn ich nackt bin, trage ich ein rotes Kleid. Ich führe die zwischen Körper und Körper hin und her schwingende Entstehung der Gefäße vor Augen, die Fremdheit des Wirklichen. Morandi wusste das. Die Zuschauer ahnten nur, sahen Gläser, Flaschen, Vasen, Schachteln, Kannen, Becher, Tassen, Schalen, Seifendosen oder Ölkanister, aber sie sahen nicht, was hinter den Dingen steckte.

Ich fühle ihre Haut im Griff der Augen, die mich spießen. Sie entzünden meinen Kopf. Die Haare brennen mir ab. Die Flamme schluckt die Luft über mir. Die Wurzeln wachsen nach innen und stechen ins Hirn. Ich fühle den Stock in der Hand, die Peitsche des Mannes, die mich verlacht. Sie führen mich unter den Schädel des Schnürbodens. Sie machen mich fertig. Sie fixieren mich. Sie spreizen mir Arme und Beine weit auseinander. Jetzt schlägt der Nagel durch Hand und Fuß. Hand und Fuß. Aufgehängt bin ich wie ein Bild. Das Holz schwebt nach oben, und kippt, der Kopf fällt nach unten. Ich hänge nun mitten in der Luft. Darüber leuchtet eine Tafel mit Angabe meiner Schuld. Mein Blut tropft in die Wanne. Der Speer steckt tief in mir, die bewusstlose Waffe. Die Wunde rennt unter der Haut. So schwach bin ich, so leise die Gedanken, so anders im Prozess der Entfernung, so paradox bei gleichzeitig zunehmender Nähe. Wir sind sprechende Wunden, das ist so absurd. Vielleicht ist die Kunst nichts anderes als die in Schönheit verwandelte Wunde. Morandi untersucht nicht nur das Wesen der Dinge. Das Symbolische verwerfe ich ebenso wie das Metaphorische. Es gibt weder eine Bedeutungsebene noch eine Hierarchie der Dinge, es gibt nur das nüchterne Bekenntnis zum Objekt, das Ding pur. Ich habe Durst. Die Farbe meiner Haut verdämmert und erlischt, sie gibt den Dingen eine so ferne Präsenz. Ja, die Gefäße, die ganz dicht beieinander standen, sind nun ganz eingekerbt. Mein Körper gräbt sich ein. Die Rampe ist mein Horizont, der Hintergrund wird dunstiger Himmel! Sie denken, ich kann mich doch retten. Wenn ich falle, glauben sie mir. Ich rette mich nicht so wie sie. Je reifer das Werk, umso mehr glückt die Annäherung ans Wesentliche. Meine Stärke ist Stummheit. Meine Stille verpflichtet. Ich habe es geschafft. Ich bin lesbar, ein Gedicht an die Dauer. Aber mir wird dunkel vor den Augen. Warum verlassen mich jetzt alle? Ich sehe nichts mehr. Die Bretter splittern. Ich habe keine Angst mehr, wenn ich schlafe. Wenn wir uns wiedersehen, lächeln wir.

 

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Kritische Körper von Ulrich Bergmann, Pop Verlag Ludwigsburg, 2006

Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus Kritische Körper als ‚Criminal Phantasy’. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine für diesen Autor typische Montagetechnik, unterstützt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den drögen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einfließen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Außen seiner Figuren auch ins Fantastische verlängern. Er erklärt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfläche erschließt. Der Leser muss sich selber von der Abgründigkeit überzeugen.

Weiterführend → Lesen Sie auch zum Zyklus Kritische Körper den Essay von Holger Benkel.