Wire ist ein entscheidender Einfluss in einer Phase, als Punk zu Post wurde, eine Combo, die immer wieder zeigt, dass Wandel nicht nur unausweichlich, sondern auch kreativ fruchtbar ist.
„Change Becomes Us“ steht in einer langen Tradition der experimentellen Musik von Wire und stellt eine interessante Reflexion über Identität, Wandel und musikalische Evolution dar. In der Geschichte von Wire markiert das 2013 veröffentlichte Album Change Becomes Us einen faszinierenden Moment der Selbstreferenz, der weit über bloße Nostalgie hinausgeht. Während die Band mit der – wenn man es so betrachtet – „Trilogie“ aus Pink Flag, Chairs Missing und 154 (1977–1979) eine der rasantesten Evolutionen der Musikgeschichte vollzog, blieb nach der anschließenden Auflösung 1980 ein Fragment zurück: das Live-Dokument Document and Eyewitness.
Hier knüpft Change Becomes Us bewusst an, indem es den Faden des Frühwerks auf wieder aufnimmt. Wer die rumpeligen Live-Aufnahmen kennt, vermeint hier einen Vollzug vom Entwurf zur Vollendung vollziehen zu können Die 13 Songs des Albums basieren auf Skizzen und Demos aus den Jahren 1979 und 1980. Viele dieser Stücke existierten zuvor nur als rohe, fast unhörbare Live-Aufnahmen oder unfertige Fragmente, die ursprünglich für ein viertes Album nach 154 vorgesehen waren.
Im Gegensatz zu den direkten Anfängen der Band ist die Musik auf Change Becomes Us vielschichtig. Die Songs überschreiten häufig die Drei-Minuten-Marke, was den Hörern erlaubt, in komplexe musikalische Ideen einzutauchen.
Gewissermassen fungiert Change Becomes Us als „missing link“. Es vereint die kantige Punk-Energie von Pink Flag (z. B. in „Stealth of a Stork“) mit den atmosphärischen, oft klaustrophobischen Experimenten von 154. Wire nutzt hier die Erfahrung von über 30 Jahren, um die „Keime“ dieser alten Ideen in komplexe Kompositionen zu verwandeln. Das Album ist durchdrungen von einer fragilen Melancholie, die sich durch die Texte und Klänge zieht. Die Band wagt es, traditionelle Songstrukturen hinter sich zu lassen und unkonventionelle Arrangements zu erforschen. Der Titelsong des Albums ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Hier werden Elemente des Post-Punks mit neuen Klanglandschaften kombiniert, die sowohl nostalgisch als auch innovativ wirken.
Trotz der historischen Wurzeln klingt das Album nie altbacken. Statt die Vergangenheit zu kopieren, unterwerfen Wire das Material ihrem aktuellen „Working Process“, wodurch ein „faszinierender Hybrid“ aus jugendlicher Unruhe und reifer Präzision entsteht.
Songs wie „Re-Invent Your Second Wheel“ oder „Magic Bullet“ zeigen, wie die Band die psychedelischen und avantgardistischen Ansätze von 154 weiterführt, sie jedoch mit einer heute deutlich klareren Produktion und Spielfreude paart.
Change Becomes Us beweist, dass Wire nicht die Geschichte wiederholen, sondern sie sinnfällig zu Ende schreiben. Es ist die späte Validierung jenes kreativen „Overdrive“, der die Band 1980 fast zerrissen hätte, nun aber in der gewohnten künstlerischen Ernsthaftigkeit vollendet wurde.
Die Texte zeugen von einer Reflektion über das Konzept des Wandels und der Identität. Sätze sind oft mehrdeutig und laden zur Interpretation ein, was die Hörer dazu anregt, sich mit den Themen des Vergehens und der Erneuerung auseinanderzusetzen.
Das Hauptthema von Change Becomes Us ist Wandel und Identität. Wire reflektiert über die Zeit und das, was aus der Vergangenheit bleibt. Diese Themen sind nicht nur in den Texten vorhanden, sondern auch in der musikalischen Entwicklung der Band selbst. Die Musik wird oft als Kommentar zu leeren Versprechungen der postmodernen Welt zusammengefasst, was einen tiefen sozialkritischen Aspekt des Albums eröffnet.
Es zeigt, dass sich die Band nicht nur auf ihre Wurzeln besinnt, sondern diese auch neu deutet. Dies spiegelt sich in der Relevanz der Themen und der musikalischen Komplexität wider. In Change Becomes Us vereint Wire etliche Aspekte ihres Erbes mit einer progressiven Vision. Die musikalische Komplexität gepaart mit tiefgründigen Texten bietet gewissermaßen eine Mediation über die Natur des Wandels selbst.
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Change Becomes Us, Wire 2013

Weiterführend → Eine Würdigung der Trilogie Pink Flag, Chairs Missing und 154
→ Punk erweist sich als eine Cover-Version des Rock’n‘Roll, der Style und die Haltung sind ebenso wichtig wie die Musik. Wir verorten auf KUNO die erste Punk-LP mit dem Bananenalbum. Oder war es doch eher der Garagenrock? – Lässt sich von MC Five (Motor City Five) oder den Stooges der verschwitzte Proto-Punk der New Yorker Proll-Combo ableiten? Oder hatte der testosterongesteuerte Punk gar eine Ur-Mutter? Würden das die Nerds unter den Musik-Kritikastern überhaupt zugeben? – Der Titeltrack des Albums ist der mit Abstand spektakulärste und zeitloseste Titel des Album. Bis heute ist Blank Generation der Song, der wohl größer ist, als die Band, die ihn produziert hat.