Botticelli

Mit Schlange in der Oper. Wir stehen im Foyer. Schlange an meiner Seite. Endlich wieder unter Menschen und mitten im Netz der sich begegnenden, der suchenden und messenden, fragenden und verwerfenden Blicke vieler schöner und junger Frauen … 

Die Garderobenschränke werden mit Münzen bedient wie die Kabinen  im Hallenbad. Die Oper als Schwimmbad, denke ich. Da stößt sie mich an. Wie gierig deine Augen wieder sind!, sagt Schlange. – Ich brauche im Moment die Bestätigung verlangender Augen, sage ich, neutrale Blicke vernichten mich. – Direkt vor mir eine junge Frau, unfassbar schön. Pardon, sage ich, können Sie mir den Geldschein zu wechseln? – Schlange verzieht den Mund. – Ich komme mit dem Garderobenspind nicht zurecht, sage ich, ob Sie vielleicht -. Sie kommt mit, Schlange dreht die Augen nach oben, mir fällt der Mantel aus der Hand, die Schöne hebt ihn auf und schaut von unten zu mir hoch, genau der Blick, den ich brauche, sie gibt mir den Mantel, sie schaut mich an, als ob, als wäre sie – ich ganz irritiert nun auch, kann kaum noch atmen, als sie wegweht mit einem Lächeln gespielter Aufforderung auf den gewippten Lippen… Botticelli! – Schlange schüttelt den Kopf. – Schlange, sage ich, ich frage mich, ob sie nur strahlt, um mir zu gefallen – und indem ich ihr gefalle, gefällt sie sich selbst. – So ein Unsinn, sagt Schlange, starr lieber nach mir, damit du dir selber gefällst!

 

***

Schlangegeschichten von Ulrich Bergmann, Kulturnotizen 2016

In den Schlangegeschichten wird die Dialektik der Liebenden dekliniert. Ulrich Bergmann schrieb mit dieser Prosafolge eine Kritik der taktischen Vernunft, sie steht in der Tradition der Kalendergeschichten Johann Peter Hebels und zeigt die Sinnlichkeit der Unvernunft, belehrt jedoch nicht. Das Absurde und Paradoxe unseres Lebens wird in Bildern reflektiert, die uns mit ihren Schlußpointen zum Lachen bringen, das oft im Halse stecken bleibt.

Weiterführend →

Eine Einführung in die Schlangegeschichten von Ulrich Bergmann finden Sie hier.

Post navigation