better late than never

Mir gehört manchmal die Geschichte, die jemand geschrieben hat. Dann, wenn ich interessiert weiterlese, wenn ich vielleicht eintauchen kann, mich identifizieren kann, wenn die Erzählkunst mich fesselt. Dann denke ich, er/sie hat es nur für mich geschrieben… Aber nur temporär, nur so lange es so funktioniert… dann geb ich sie wieder zurück.

Gut Ding will Weile haben… geschlagene 16 (in Worten Sechzehn) Jahre lang kursierten unter den gewöhnlich gut eingeweihten Szenenkennen diverse Gerüchte um das unveröffentlichte Album Gift aus dem Jahr 2000. Es sollte seinerzeit Pia Lunds zweites Solo-Album nach ihrer Trennung von Phillip Boa & The Voodooclub werden. Lundaland, ihr Solo-Debüt von 1999, hatte die Kultsängerin als elegante Vorreiterin des verspielten Elektrobeats etabliert.

Ich sehe nicht ein, warum wir uns immer um die Männer oder gar um ihre Schlachten kümmern sollten; die Geschichte der Frauen ist meist viel interessanter.

Theodor Fontane

Gift sollte den Durchbruch mit Pop-Perlen wie „Der Himmel“ (man höre des großartigen Console-Remix), „Summer Is Over“ oder der Coverversion „Propaganda“ bringen. Doch die Plattenfirma veröffentlichte das Werk nicht; stattdessen erschien ein Jahr später das Album „La Folie Angélique“ mit Remixen ihrer Solosongs von Artists wie René Tinner, Console, Kreidler, Boa, Nieswandt und To Rococo Rot. Gift blieb ein Sehnsuchtsobjekt der Fans.

Pop ist der Versucht das Substanzlose der Subjektivität zu erweisen.

Dabei ist Gift ein außergewöhnliches Album. Aufgenommen wurde es im inzwischen legendären Can-Studio in Weilerswist bei Köln. Es ist eins der letzten Alben, die hier produziert wurden – bevor das Studio komplett abgebaut und im rock’n’popmuseum Gronau originalgetreu wieder aufgebaut wurde. Can-Produzent René Tinner, der in seiner langen Karriere auch mit Lou Reed und Ry Cooder arbeitete, legte den Songs ein psychedelisch durchwirktes Mäntelchen um und trieb Pia Lund und ihre Musiker zu Höchstleistungen. Verspielt und entrückt, wispernd und wissend sang und hauchte sich Pia durch fantastische Liebeslieder wie „Arthur“, digitale Swamp-Rocker wie „Ann Sissy“ und fordernde Vamp-Allüren wie „Try You Out“. Zu den Höhepunkten zählt neben der Originalversion von „Der Himmel“ (übrigens über die Jahre ein kleiner Radiohit in Österreich) auch das mitreißende „Summer Is Over“ und das finale sehnsüchtige „Somewhere“.

Das Gedächnis des Popismus

Geschlagene 16 (in Worten Sechzehn) Jahre lang warteten die Liebhaber auf dieses Album und hörten nie auf, danach zu fragen. Pia Lund dachte sich, es sei eine gute Zeit, den Fans endlich Gift zu schenken, ihr Reenactment demonstriert, daß die Deutsche Popgeschichte anderes verlaufen wäre. Mit Gift ist jedoch ein Endpunkt erreicht, weiter läßt sich der Kampf gegen die erzählerische Ordnung nicht treiben, sollte der Kampf als solches noch erkennbar sein. Diese Songs sind auch ohne Frischhaltefolie nachhaltig haltbar.

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Gift von Pia Lund, erscheint heute auf Look! Mum! No Hit!. Sowie auf allen gängigen Download Portalen.

Weiterführend →

In der Reihe „Meine erste Schallplatte“ stellt KUNO die Vinyl-Leidenschaft der KUNO-Autoren vor. Hier A.J. Weigonis erste Platte, Lundaland ist sein letztes käuflich erworbenes Pop-Album.