Nächtliche Kontakte

Herr Nipp konnte noch nie gut früh einschlafen, selbst wenn er unsäglich müde war, fiel es ihm nur sehr schwer loszulassen und selig in einen erfrischenden Dämmerzustand hinüberzugleiten. Jene Lobpreisung der Weisen, die schon immer gesagt hatten, die Hälfte des Lebens solle man mindestens im Bett verbringen, den Rest des Daseins allerdings dann in Restaurants und an Stränden. Dem allen war jedoch für ihn von ihm nichts abzugewinnen. Er ging spät, sehr spät zu Bett und gähnte, bis es zu offen hörbaren Kiefergelenksschäden kam. Sie knackten dann ganz laut und am nächsten Tag würde das Essen genauso klingen. Ein verrosteter alter Roboter, der langsam auseinander fallen würde. Dann blieb er bis in die späte Nacht, den frühen Morgen auf, schrieb oder las etwas, und wusste, er würde frühestens aufstehen. Manchmal allerdings, wenn es ihm zu einsam wurde, wenn der Schuh drückte, dann machte er das Zwischennetz an und suchte in irgendeinem sozialen Netzwerk nach einer ebensolchen Seele. Und wenn er sonst auch niemals Kontakt zu diesem Menschen aufgenommen hätte, dann tat es in diesem Moment wirklich gut zu wissen, da war jemand, Freund für einige Minuten oder Stunden. Für sich dankte er dann und fühlte sich in der neuen Welt angekommen. Und sei es nur für Sekundenbruchteile.

***

Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein. Und außerdem präsentiert Haimo Hieronymus ab 2017 Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp.

 

Post navigation