Nichts als Worte?

Ein Plädoyer für Kleinsprachen

Überlegungen zu einem Buch von Iso Camartin

,,Nichts als Worte?“ – so heißt der als Fragesatz provokant formulierte Titel eines Buches des schweizerisch-rätoromanischen Sprachwissenschaftlers Iso Camartin, geboren 1944, den seine Lehr- und Forschungsaufträge bis jetzt auch schon nach Lyon, Regensburg, Harvard, Fribourg, Genf und Zürich geführt haben, der von 1978-80 Sekretär der ,,Lia Rumantscha“ in Chur gewesen ist und jetzt Mitglied des Stiftungsrates von ,,Pro Helvetia“ und Präsident der Herausgeberkommission der CH-Reihe ist und der auch andere Publikationen zu diesem Sachgebiet vorzuweisen hat, wie etwa die Studien ,,Rätoromanische Gegenwartsliteratur in Graubünden“ (1976) und ,,Die Beziehungen zwischen den schweizerischen Sprachregionen“ (1982).

Es handelt sich hier bei diesem Autor also nicht um einen Mann, der sozusagen im gesellschaftspolitisch und kulturpolitisch wertfreien Raum der Sprachwissenschaft herumphilosophiert, sondern der – zwar sehr behutsam in der methodischen Vorgangsweise, aber sehr gründlich und tiefgreifend im Denken, dazu noch sehr ausgewogen und umsichtig und mit einem großen Überblick – die aufgeworfenen Fragen zum Phänomen und zur Problematik der Kleinsprachen, der Randsprachen, der kulturell-sprachlichen Minderheiten, der Randkulturen überhaupt, mit der Genauigkeit und Seriosität des Wissenschaftlers, mit der Phantasie und dem Elan des Kulturessayisten, aber auch mit dem Engagement des in tiefer Sorge selbst Betroffenen klar und verantwortungsbewußt behandelt. Worum geht es also in diesem Buch, in dieser Auseinandersetzung, um welche Problembereiche, um welche Standpunkte, um welche Lösungsvorschläge?

Schon der Untertitel auf dem Buchumschlag, lautend als Ergänzung zum Haupttitel: ,,Ein Plädoyer für Kleinsprachen“, gibt klar Auskunft darüber, was man zu erwarten hat; auch von der Haltung und Einstellung des Autors zu diesem Thema. Er nimmt der provokanten Frage, ob die Sprache ,,Nichts als Worte“ sei, das zur Denkanalyse herausfordernde Fragezeichen weg und antwortet darauf mit dem aus dem Denkprozeß gewonnenen Ergebnis, formuliert als Aussageformel: ,,Natürlich nicht!“ Was also ist die Sprache? Auch oder vor allem die Kleinsprache, weil Phänomen und Problematik gerade an ihr deutlicher, weil abgegrenzter ersichtbar und erkennbar sind? Der Autor sagt es sehr deutlich: ,,Die Sprache ist mehr als die Summe ihrer Wörter“ (Seite 68). Und er beruft sich bei diesem Urteil auch auf andere Instanzen der europäischen Geistesgeschichte. ,,Die Sprache ist das Haus des Seins“, formuliert der Philosoph Martin Heidegger in seinem Humanismusbrief. Für mich die klarste, prägnanteste , umfassendste, gültigste Aussage zu dieser Frage. Für Eduard Sapir ist Sprache ,,das Ausdrucksmittel ihrer Gesellschaft“ (Seite 57). Und für Adorno ist sie das ,,Inventar der Vertrautheit“. Und -eingegrenzt die Thematik auf das Phänomen ,,Muttersprache“ – gelangt Adorno zur Erkenntnis, ,,daß man aus der Sprache unvertreibbar ist“ (Seite 63). Eine Erkenntnis, die lange vor Adorno – vielleicht in einem etwas anderen Zusammenhang, aber dafür sehr übergreifend und als Grundwertaussage zum Menschen überhaupt – der Dichter Jean Paul in seiner berühmt gewordenen Sentenz ausdrückt und zusammenfaßt, wenn er sagt: ,,Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht vertrieben werden können“ (Seite 230). Und der österreichische Dichter Hugo von Hofmannsthal sieht den Bedeutungszusammenhang zwischen der Sprache und ihrem Sprecher darin, daß die Worte der Sprache in dem, was sie ganz individuell nur diesem einen Sprecher selbst bedeuten, ihm jenes ,,Selbstgefühl“ geben, auf welchem ,,sein ganzes Dasein ruht“. (Seite 70).

Es ist also klar: Sprache ist mehr als die Summe von Wörtern. Und mit dem Verschwinden einer Sprache verschwindet mehr, viel mehr als nur Worte. Sprache ist Identität des Einzelnen und einer Sprech- und Sprachgemeinschaft, einer Kulturgruppe, einer kulturellen Einheit. Sprachverlust ist nicht bloß Wortverlust, sondern Kulturverlust, Lebensverlust. Keine Sprache kann durch eine andere in ihrem Eigenwert ersetzt werden. Reduktion heißt hier Verarmung: Verarmung im Geistigen, Verarmung in der kulturellen Vielfalt. Mit dem Verschwinden einer Sprache verschwindet die Ganzheit und Einheit einer kleinen, geschlossenen Welt. Die Welt wird wieder um einen Teil gleicher – und um einen gleichen Teil auch ärmer. Angleichung heißt hier Einebnung der Unterschiede, heißt: wieder einen fatalen Schritt näher zur gesichts- und gestaltlosen, entindividualisierenden internationalen Monokultur; heißt: wieder einen Schritt näher hin zur allumfassenden Funktionalität und somit zu noch mehr Sinn- und Wertverlust. Anstatt der Vielfalt der Schöpfung kommt nun die Einfalt der Menschen.

Sprache ist also mehr als ein Instrument zur Verständigung untereinander, ist mehr als ein Vehikel, als ein Transportmittel für (ver)mittelbare Denkinhalte oder Informationen. Sprache ist kein entpersönlichtes Medium mit nur linearem Bezug zwischen Sprecher und Angesprochenem. Sprache ist nicht nur, sie bedeutet auch etwas und birgt etwas in sich. Sprache bietet und begründet die Möglichkeit und den Weg der Welterfahrung und der Selbsterfahrung, der Seinserfahrung schlechthin. Sprache erzeugt, stiftet Individualität und bedingt Gruppenzugehörigkeit. Die Sprache birgt das ganze historische Erfahrungspotential einer Sprachgemeinschaft, einer Kulturgemeinschaft. In ihr unterscheiden sich einzelne, Gruppen und Völker. Sprachgemeinschaft wird oft auch zur Schicksalsgemeinschaft.

Allein zwischen 1945 und 1975 sollen auf unserer Erde über 10 Millionen Menschen wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Menschengruppe umgebracht worden sein (Harold R. Isaacs ,,The Idols of the Tribe“ – “Die Götzenbilder des Stammes”, Zitat von Seite 50). Von den Völkermorden vorher – etwa am jüdischen Volk und dem der Roma und Sinti während des Nationalsozialismus oder am armenischen Volk in der Türkei kurz nach dem Ersten Weltkrieg oder am vietnamesischen und kambodschanischen Volk – ganz zu schweigen. Sprache bedeutet somit auch Zugehörigkeit zu einer Gruppe aufgrund einer gemeinsamen geschichtlichen Herkunft, ist neben Religion und nationaler Zugehörigkeit ein bestimmender Erzeugungsfaktor und ein Kriterium der Gruppenidentität. Sie gehört so auch mit zum Bezugsobjekt für Diffamierung, Unterdrückung und Völkerhaß.

Es scheint in der Geschichte der Menschheit eine alles beherrschende Tatsache und somit ein fast unumstößliches Gesetz zu sein, daß der Stärkere stets den Schwächeren unterdrückt, ihm Gewalt antut, ihn beherrschen will; daß die Mehrheit stets die Minderheit – die sie als minder(wertig) ansieht – unterdrückt, sie unterdrücken und zur Anpassung, zur Aufgabe ihrer Besonderheit und ihrer Identität zwingen will; daß alles Bestreben auf die Aufhebung der Unterschiede abzielt. Die Tendenz zur Vereinheitlichung, ja zur Vereinnahmung – auch im sozialen und gesellschaftlichen Bereich – des Individuums durch die Masse, durch den Staat, durch die Politik, durch die Medien, der Wenigen durch die Vielen, der Besonderen durch die Gleichen – ist in vollem Gange und schmerzhaft spürbar und in ihren Auswirkungen bereits überall ersichtlich und im eigenen Betroffensein auch erlebbar. Was sollen da noch kleine Sprachen, kleine Gruppen, Randkulturen, Minderheiten? Was sollen da überhaupt noch Völker, einzelne Nationen? Das Ziel ist Einheitssprache (Computer / Medien), Einheitsleben, Einheitsfunktionen, Einheitswert; die Machbarkeit von Welt und Leben und das Funktionieren anstatt Sinn; der ungestörte, reibungslose Ablauf sowie Fakten anstatt Werte. Die Informationsgesellschaft mit einer touristischen internationalen Monokultur anstatt Lebensgemeinschaft verschiedener Individuen und Gruppen in einer Region mit differenzierter sprachlicher und kultureller Identität. Die Masse und die Manipulation haben die Macht. Ist das unsere Zukunft? Oder ist das sowieso längst schon unsere Realität?

Diese Gefahr, dieses drohende Zukunftsbild sieht auch der Autor. Deshalb geht es ihm in diesem Buch nicht vordringlich um sein eigenes Problem, das der rätoromanischen Kultur und Sprache und ihrer Bedrohung, sondern dieses Buch ist – so formuliert er selbst es klar und deutlich – “in erster Linie ein Plädoyer für das Nicht-Notwendige in unserer Zeit.“ (Seite 8). Das rätoromanische Problem in Graubünden ist nur ein ganz konkretes Beispiel, an dem der Autor und Betroffene Iso Camartin diese ganze kulturphänomenologische Problematik analysiert, sie bis in die letzten Winkel und Tiefen auslotet und besorgt und engagiert die Gefahr und Bedrohung von Sprache und Kultur aufzeigt. Er sieht Kultur überhaupt durch eine fatale Änderung im Kulturbewußtsein, so man dafür überhaupt noch diese Bezeichnung verwenden darf, bedroht, wenn Quantität anstatt Qualität und Fuktionalität anstatt Sinn zum Maßstab und zum Ziel werden.

Nach vorsichtigen Schätzungen gibt es heute auf der Welt an die 3.000 verschiedene Sprachen und etwa 12.000 Dialekte. Allein im europäischen Raum gibt es 67 verschiedene Sprachen. Aber nur die Hälfte davon verfügt über mehr als 1 Million Sprecher. Die andere Hälfte muß man als Kleinsprachen bezeichnen. Je mehr die Welt zusammenwächst, je mehr sie internationalisiert und somit vereinheitlicht wird, desto stärker geraten die Kleinsprachen unter Druck. Alle Kleinsprachen Europas sind von größeren Sprachen umzingelt. So hat das Russische etwa 100 Millionen Sprecher, während das Rätoromanische (unterteilt in das Surselvische und Ladinische), das sogenannte ,Bündnerromanische“, nur etwa 50.000 Sprecher hat, die obendrein alle durchwegs zweisprachig oder polyglott sind, was heißt, daß sie sich neben ihrer Muttersprache, dem Bündnerromanischen, auch einer anderen, zweiten Umgangs- oder Verständigungssprache bedienen. Das Rätoromanische gibt es also überhaupt nur noch in Symbiose mit einer anderen Kultursprache; etwa dem Italienischen oder dem Deutschen. Dadurch – also nicht allein schon durch die Anzahl der Sprecher – wird die Muttersprache zu einer Randsprache, zu einer Minderheitensprache. Das Gleiche gilt bei uns für die Slowenen in Kärnten, für die Kroaten und Ungarn im Burgenland, für den Rest der Tschechen und Slowaken in Wien, vor allem aber für das Romanes der Roma und Sinti. Natürlich mit dem einen großen Unterschied, daß in der Schweiz die Mehrsprachigkeit als selbstverständlicher nationaler Grundwert angesehen und ihm als solchem entsprechend Rechnung getragen wird. So gilt das Rätoromanische seit 1938 als vierte Nationalsprache.

Ob also eine Kleinsprache, die aufgrund bestimmter Konditionen auch eine Randsprache sein kann, zugleich auch eine Minderheitensprache ist oder dazu geworden ist, d.h. dazu gemacht wurde, das hängt neben sprachlichen Kriterien vor allem entscheidend von sozio-politischen Kriterien und Konditionen ab, vom Status und vom Prestige, den diese Sprache und ihre Sprachgemeinschaft in Mehrheitsvolk haben; also nicht nur davon, welchen Status diese sprachlich-kulturelle Minderheit a lege und de jure, sondern welchen Status sie in der Praxis und in der Realität wirklich hat. Ausschlaggebend sind dabei sowohl das Selbstverständnis der sprachlich-kulturellen Minderheit, aber auch das Kulturverständnis der Gesellschaft sowie die Demokratiereife des Mehrheitsvolkes schlechthin und die Positionen, die in dieser Frage die staatlichen Autoritäten, d.h. die Regierung und die Parteien, kurzum die Politik, einnehmen. Wie sehr Randsprache und Randkultur in einem Bedingungszusammenhang stehen, ist somit klar. Dies zeigt auch der Autor schlüssig und nachvollziehbar auf und rückt diesen Problemkreis in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Was das Verschwinden einer Randkultur – im Falle der Rätoromanen eine Bergbauernkultur – für die Randsprache bedeutet, was der anscheinend unverkraftbare Informationsschub der modernen Zivilisations- und Informationsgesellschaft sowie die allumfassende Medienherrschaft für eine Kleinsprache oder gar für die Sprache einer kulturellen Minderheit bedeutet und an Belastung und Bewältigungsproblematik mit sich bringt, das ist am Problemkatalog, den der Autor erstellt, leicht ablesbar und begreifbar. Er weist auch auf die einem Minderheitsvolk oft anhaftenden und hemmenden Untergangslegenden und Untergangsvisionen hin und resümiert die gewonnenen negativen und oft deprimierenden, auf Erfahrung und Fakten beruhenden Erkenntnisse fast resignativ und fatalistisch in dem Satz: ,,Daß Sprachen und Kulturen sterben, ist eine Tatsache; daß sich dies nicht verhindern ließ, ist ebenfalls eine.“ (Seite 167). Angesichts dieser Gegebenheit kommt der Autor zur Grundfrage: ,,Sollen aber Klein- und Kleinstsprachen überhaupt erhalten bleiben? Sind sie nicht ein entwicklungsgeschichtlicher Ballast, von dem man sich wie von anderen Frühformen der Vergesellschaftung schadlos befreien darf?” (Seite 57).

Diese Frage wird zu einem der Schwerpunkte in der aufgeworfenen Themenbehandlung und der daraus resultierenden kulturphilosophisehen Analyse. Es geht um Relationen, um die Entscheidung bei der gewichtigen Beurteilung von ,,Wert“ und ,,Verlust“ in dieser Frage. Was kann, was darf der Vergesellschaftlichung geopfert werden? Welche Opfer sind akzeptabel, vertretbar, sinnvoll? Wo liegt die Grenze und wer oder was bildet diese?

Eines ist klar, davon ist auszugehen und das darf nie aus dem Auge gelassen werden: ,,Es verschwinden mit einer Sprache mehr als nur Worte. (Seite 8). Und mit dem Verschwinden der jeweiligen Sprache verschwindet auch die ihr zugehörige Kultur; und umgekehrt. Das ist ein gültiges Gesetz, das ist Wirklichkeit. Das ist der Denkansatz in jeder Analyse.

Was also kann und muß getan werden? Der Autor sagt es klar: Es muß mehr getan werden als nur die Vermeidung von ,,Minderheitenkonflikten“ oder der Versuch ihrer Lösung, es muß mehr erfüllt werden als die ,,Minderheitenrechte“. Es muß mehr und großzügig und spontan, vor allem aber unverzüglich und konsequent gehandelt und gegeben werden. Es muß mehr gegeben werden, als das Gesetz es (ein)fordert, vorschreibt, verbürgt bzw. verbürgen sollte. Denn: ,,Soll da etwas überleben, so muß die Gerechtigkeit für eine Weile erst einmal übersehen werden.“ (Seite 138). Daß dies nicht bloß eine leere Worthülsenforderung des Autors dieses Buches ist, sondern daß in diesem Anliegen der Kulturerhaltung einer sprachlich-kulturellen Minderheit, wie z.B. der Rätoromanen in Graubünden, in unserem Nachbarland, der Schweiz, sich bereits ein breiter öffentlicher Konsens gebildet hat, das ist an den bereits getroffenen Maßnahmen der legislativen und exekutiven Instanzen, der Körperschaften und Behörden in diesem Problembereich deutlich ablesbar. Im Vergleich dazu schneiden wir in Österreich, was die Behandlung unserer “Minderheiten”, d.h. Volksgruppen betrifft, mehr als beschämend schlecht ab. Aber genau das ist eine Frage der gesellschaftlichen Einstellung, der politischen Praxis und der demokratiepolitischen Reife in einem Land.

Was nötig ist und schnellstens zu geschehen hat, ist eine Umkehr. Ein neuer Denkprozeß in allen diesen Fragenbereichen mit verantwortungsvoller und kritischer Überprüfung des bis jetzt oft als allzu selbstverständlich Hingenommenen ist gefordert. Und ebenso eine Haltung, daß wir uns nicht mit den erreichten, meist nur halbwegs akzeptablen, mit fragwürdigen und zu überprüfenden Positionen zufriedengeben geben dürfen, sondern daß wir endlich fragen müssen, wohin diese oft unkontrollierte, jedoch manipulierte Entwicklung überhaupt führt. Denn: Selbstverständlich ist nichts mehr und sollte es auch gar nicht sein.

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Nichts als Worte? – Ein Plädoyer für Kleinsprachen. Von Iso Camartin. Artemis Verlag, Zürich und München, 1987, 306 Seiten.

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Über den dezidiert politisch arbeitenden Peter Paul Wiplinger lesen Sie hier eine Würdigung.

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