Unterhaltung

Früh war er ins Bett gegangen, weit vor zwölf. Hatte vermutet, dass er etwas nachzuholen hätte, den Schlaf, der die letzten Tage und Wochen nicht sein gewesen war. Er hatte noch kurz vorher einen Anruf einer lieben Person bekommen. Über die Möglichkeiten neuer Medien hatten sie geredet und wie heute Jugendliche damit umgehen. Welche Lernpotentiale ergaben sich, wenn Schüler heute ihre Lerngruppen via soziale Netzwerke bildeten. Wenn die richtigen und halbrichtigen Informationen mit Bits und Bytes ausgetauscht wurden. Wurden die Kinder dadurch etwa dümmer? Was heißt Schwarmintelligenz? Letztlich war es doch genau das, was die Lehrer immer gefordert hatten: Organisiert euer Lernen selbst, am besten in Gruppen. Herr Nipp beneidete diese Kinder und ihre Möglichkeiten ein wenig, was hätte er als Schüler selber darum gegeben. Demnächst würden die sie Chips in ihre neuronalen Netzwerke einsetzen lassen und die Schule wäre nur noch für die Organisation der Strukturen zuständig. Nein, so weit sollte nicht gegangen werden. Noch nicht.

Er hatte gehört, dass die Jugendlichen im Matheunterricht ganz halblegal SMS oder Emails schrieben, indem der Taschenrechner umfunktioniert wurde, man spielte mit der technischen Unerfahrenheit der Lehrkörper. Als Eingeborene des digitalen Zeitalters fühlte man sich den Zugezogenen, den Alten überlegen. Heute ging es nur noch darum, das überall anzutreffende Wissen nach Bedeutung zu sortieren und als Neukomposition zu präsentieren. Nur die Schüler, die unter geistiger Armut und extremer Einfallslosigkeit litten, kopierten sich einfach Wikipedia-Artikel und lasen diese als eigenes Referat vor. Wie viel schöner war es doch, wenn man einen Begriff in die sozialen Netzwerke schickte und alle daran mitarbeiten, mitsammeln, mitdenken ließ. Meist gab es Leute, die strukturieren konnten, die das Handwerkszeug dazu besaßen. Von denen konnte jeder profitieren.

Unter diesen Gedanken war Herr Nipp schnell eingeschlafen, hatte gut viereinhalb Stunden lang in unruhigen Träumen gelegen, deren Inhalt so verworren war, dass er kaum sicher erinnerbar sein konnte und war dann aufgewacht. Der Blick aus dem schrägen Dachgeschossfenster zeigte eine trübe Nacht, der Mond nur hinter der Wolkendecke erahnbar. Der würde heute keinen Besuch abstatten, sein gleichgültiges Gesicht nicht zur Luke hereinstrecken. Der Himmel wurde stundenlang nicht heller. Irgendwann hörte er die ersten ratschend hochgezogenen Rollläden. Die Häuser der Nachbarschaft zeichneten sich durch die traditionellen Holzrollläden aus, die in den fünfziger und sechziger Jahren noch eingebaut wurden. Ohne Motor, ohne Automatik, von Hand zu bedienen. Vereinzelt fuhren Autos los. Hier gab es keinen Durchgangsverkehr, nur wenige mussten zur Arbeit, die meisten Rentner und Pensionäre. Aus der Drehung im Bett hatte er plötzlich im Raum gestanden und den Rechner hochgefahren, ein mittelaltes Gerät, bestimmt schon anderthalb Jahre alt. Er loggte sich in seine Seite ein und schaute erst einmal, wer jetzt schon zu sprechen war. Fand tatsächlich einen guten Freund in Berlin und führte eine in die Tastatur gehackte Unterhaltung. Dabei wurde ihm irgendwann bewusst, dass er diesen Freund gefühlt seit Jahren schon nicht mehr gesehen hatte, sechs Monate. Plötzlich überkam ihn das Gefühl, ich muss nach Berlin und sei es nur für einige Tage. Ganz real.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Außerdem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist Mikroblogging eine auflebende Form. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein.